Analyse

Der Kampf um Ideen geht erst richtig los

Noch vor einem Jahrzehnt konnte die Software von Mobiltelefonen noch fast nichts. Heute verwandelt sie Telefone in Smartphones – und macht damit dem altgedienten PC Konkurrenz.

Apples Entwicklungschef Craig Federighi zeigt iOS 7.

Apples Entwicklungschef Craig Federighi zeigt iOS 7. Bild: Marico Jose Sanchez/Keystone

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Wo bleiben die Quantensprünge? Diese Frage wiederholt sich bei der Vorstellung praktisch jedes neuen Mobiltelefons. Tatsächlich sind die grossen Hardware-Überraschungen in den letzten Jahren ausgeblieben. Das dominante ­Design scheint gefunden: ein grosser Bildschirm und möglichst wenig Knöpfe. Prozessoren, Kameras und Sensoren werden immer ein bisschen besser, und die Akkus bleiben schwach. Daran dürfte sich so bald nichts ändern. Auch der neue Fingerabdruckleser von Apple dient vorerst vor allem dem Komfort und ändert die Funktion eines Mobiltelefons nicht grundlegend.

Während bei der Hardware die grossen Innovationen ausbleiben, geht es bei der Software erst so richtig los. Apple und Google schaukeln sich mit ihren Betriebssystemen iOS und Android seit Jahren in immer neue Höhen. Hat der eine Anbieter eine neue Funktion, taucht sie früher oder später beim anderen auf. Das freut die Nutzer – und gelegentlich die Patentanwälte.

Doppelpass an die Spitze

Als Apple und Google 2007 ihre Betriebssysteme für Mobiltelefone vorstellten, dominierten Symbian (Nokia), Windows Mobile (Microsoft) und Blackberry den Markt. Dem Doppelpassspiel der Neulinge hatten die Marktführer ausser Spott nichts entgegenzusetzen. Ihnen blieb nur die Rolle der Statisten.

Die wahre Ambition der neuen Betriebssysteme wurde erst deutlich, als die damaligen Konkurrenten in die Peripherie verdrängt waren. iOS und Android machten nun aus Telefonen Computer für die Hosentasche und aus Tablets Computer für das Sofa. Was ganz unten gestartet war, machte plötzlich ausgewachsenen PCs Konkurrenz. Dass die handlichen Touchscreen-Computer im Massenmarkt angekommen sind, sieht man inzwischen in jedem Tram.

Systembedingte Mängel

Trotzdem haben beide Software-­Varianten systembedingte Mängel: Android setzt mit seinem offenen Ansatz auf Geräte von verschiedenen Herstellern. Dadurch wird das Angebot unübersichtlich, und nicht jede App läuft auf jedem Gerät. iOS bietet mit seinem geschlossenen Ansatz weniger Wahlmöglichkeiten und Flexibilität. Waren diese Unterschiede zu Beginn noch einschneidend, rücken sie zusehends in den Hintergrund, während sich die beiden Systeme stetig annähern.

Solange Apple und Google sich weiter zu neuen Ideen anstacheln, fleissig innovative kleine Firmen aufkaufen und ihr Entwicklernetzwerk pflegen, dürfte es selbst für gut positionierte Konkurrenten wie Microsoft schwierig werden, diesen Zweikampf zu einem Dreikampf zu machen. Auch wenn die Zeit der grossen Hardware-Innovationen vorerst vorbei zu sein scheint, darf man auf die nächsten Software-Innovationen gespannt sein. Das Potenzial der heutigen Mobiltelefone mit all ihren Sensoren ist längst noch nicht ausgeschöpft. Und wenn man nicht mehr alle zwei Jahre ein neues Gerät kaufen muss – umso besser.

Erstellt: 23.09.2013, 07:22 Uhr

iOS 7

Mit neuer Optik und Kostenkontrolle

Von Matthias Schüssler

Apple hat sein mobiles Betriebssystem runderneuert – und dabei gleich mehrere neue Funktionen eingebaut.

«Einfachheit in ihrer reinsten Form», verspricht Apple. Einen «LSD-Drogentrip», nennt der Kommentator des «Spiegels» den neuen Look von iOS 7. Keine Frage: Das neue Design polarisiert. Apple hat die Optik seines mobilen Betriebssystems von jeglichem Schmuck befreit. Schatten, Spiegelungen und Verläufe wurden eliminiert. Der Filz als optisches Markenzeichen der GameCenter-App wurde ausgemustert. In der Freunde-Suchen-App wurde jedoch aus unerfindlichen Gründen das Leder beibehalten.

Das neue System wirkt modern, aber auch nüchtern und gewöhnungsbedürftig. Apple befreit sich optisch von den Anfängen der grafischen Benutzeroberfläche, bei denen der Nutzer durch Metaphern geleitet werden musste, die der realen Welt entliehen waren. Die mündigen User wissen heute, wie das System funktioniert, auch wenn die Bedienelemente nicht mehr an analoge Vorbilder angelehnt sind.

Siri auch mit Männerstimme

Nebst der neuen Optik hat sich aber auch bei der Bedienung einiges getan. Die grössten Neuerungen dürften sich bereits herumgesprochen haben: Siri kann jetzt auch mit einer Männerstimme antworten. Das neue Kontrollzentrum erlaubt es sehr einfach, WLAN, den Flugzeugmodus und Bluetooth ein- oder auszuschalten.

Per Airdrop können Dateien zwischen zwei Geräten ausgetauscht werden. Der Umgang mit den laufenden Apps, das sogenannte Multitasking, wurde vereinfacht. Beim doppelten Betätigen des Home-Knopfs erscheinen die geöffneten Apps in einer kleinen Vorschau, die man horizontal durchblättert. Um eine App zu schliessen, braucht man sie bloss per Finger nach oben wegzuschnippen.

Apple hat auch einige weniger offensichtliche, aber praktische Neuerungen ins System eingebaut. Auf offene Ohren stossen dürfte die grosse Anzahl neuer Klingeltöne. Im App Store hat eine Wunschliste Einzug gehalten, sodass man Kaufimpulsen nicht sofort nachgeben muss, sondern interessante Funde auch erst einmal vormerken kann.

Eine neue Funktion hilft, den mobilen Datenverbrauch zu kontrollieren und gegebenenfalls einzudämmen. In den Einstellungen bei «Mobiles Netz» ist ersichtlich, wie viele Megabytes eine App «verbraucht» hat. Es ist möglich, einer App die Berechtigung fürs mobile Netz zu entziehen, sodass sie nur noch via WLAN ins Internet kann – eine sinnvolle Neuerung für alle Nutzer, die häufig ans Limit ihres Datenplans stossen.

Via Kontrollzentrum ist es möglich, auch auf dem Sperrbildschirm Taschenrechner, Timer, Stoppuhr und Taschenlampe zu aktivieren.

Bitte kein Benutzerprofil!

In den Einstellungen lässt sich bei «Allgemein > Textgrösse» festlegen, ob man beim Lesen eine grosse oder kleine Schrift bevorzugt. Das macht es überflüssig, dass es pro App eine entsprechende Einstellung gibt. Es dürfte aber noch etwas dauern, bis das Gros der Apps so angepasst ist, dass die Einstellung auch berücksichtigt wird. Im Bereich der Barrierefreiheit, also der Funktionen für behinderte Nutzer, war iOS seit jeher fortgeschritten. In der neuen Version gibt es die Möglichkeit, bei Videos automatisch Untertitel anzeigen zu lassen – so sie vorhanden sind.

Die Apps aktualisieren sich automatisch. Wer das verhindern möchte – beispielsweise, weil er bei gewissen Apps auf ältere Versionen angewiesen ist, schaltet die Funktion in den Einstellungen unter «iTunes & App Store» ab. Das Beste an der Sache: Während ein Update läuft, ist eine App nicht mehr blockiert, wie bis anhin. Safari vereinfacht das private Surfen und stellt in den Einstellungen eine «Do not track»-Option zur Verfügung.

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