Der PC kommt flach raus

Dem Tablet gehört die Zukunft. Aber wie ist es mit der Gegenwart? In einem Selbstversuch verzichtete unser Autor eine Woche auf PC, Tastatur und Maus. Er kam überraschend weit.

Der Autor am Tablet-Arbeitsplatz: Den Bildschirm zieren Leserpostkarten, die Tastatur ist ausser Reichweite.

Der Autor am Tablet-Arbeitsplatz: Den Bildschirm zieren Leserpostkarten, die Tastatur ist ausser Reichweite. Bild: Reto Oeschger

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Tablets haben sich als Konsumations­geräte bewährt. Auch für E-Mails und kurze Texte werden sie immer häufiger eingesetzt. Aber können sie einen PC, gerade im Berufsalltag, ersetzen? Das soll dieser Selbstversuch zeigen. Die selbst auferlegte Vorgabe klingt einfach: eine Woche ohne PC und nur mit Tablets arbeiten. Maus und Tastatur sind ebenfalls verboten. Erlaubt sind nur das ­Nexus 7 von Google, das iPad Air von Apple, das Surface 2 von Microsoft und das eigene Smartphone.


Samstag
Elegant durch den Vortrag
Wochenenden sind Heimspiele für Tablets. Musik hören, Zeitung lesen und ein wenig im Internet surfen. Schwierig wird es, wenn man versprochen hat, alten Arbeitskollegen beim Radio eine Weiterbildung zu geben. Mit einem Adapter für den Beamer und der Dropbox-App klappt die Präsentation bei der Tablet-Premiere jedoch bestens. Dank der Zoomfunktion und den Wischgesten ist das Zeigen von Beispielen so intuitiv wie nie. Ich werde den nächsten Vortrag wieder mit einem Tablet bestreiten.


Sonntag
Passables Schreibtempo
Da ich versprochen habe, von jedem Testtag eine Zusammenfassung für die Online-Ausgabe des «Tages-Anzeigers» zu schreiben, ist nun Fingerfertigkeit gefragt. Ich habe zwar schon früher aus Neugierde den einen oder anderen Artikel auf Tablets geschrieben, aber dann immer noch am PC überarbeitet. Die vielen Menüs und Textfelder abzuarbeiten, kostet zwar mehr Zeit als sonst, ist aber in einem passablen Tempo möglich. Dafür lassen sich Fotos deutlich schneller schneiden.


Montag
Rückenschmerzen am Abend
Der erste Arbeitstag beginnt um ein Haar mit einem Regelverstoss. Aus reiner Gewohnheit fahre ich fast meinen Büro-PC hoch. Stattdessen greife ich zum Tablet, das man nicht erst hochfahren muss. Wer selber an einem PC arbeitet, der über fünf Minuten braucht, weiss, wie praktisch das ist. Das Schreiben auf der Bildschirmtastatur klappt immer besser. Eine unliebsame Nebenwirkung des vielen Tippens macht sich aber kurz vor Feierabend bemerkbar: Rückenschmerzen. Das Zehnfingersystem und die vorgebeugte Arbeitshaltung sind schuld. Besser wäre es, gelegentlich im Sessel zurückgelehnt mit zwei Daumen zu tippen.


Dienstag
Die Verlockung der Tastatur
Der Dienstag wird ein Vielschreiber-Tag. Mit dem Zehnfingersystem kann ich schon fast so schnell tippen wie mit einer herkömmlichen Tastatur. Trotzdem bin ich kurz vor der immer näher rückenden Abgabefrist schwer versucht, zur Funktastatur zu greifen, die ich für Notfälle in der Schublade habe. Aber ich werde schliesslich auch mit dem Tablet rechtzeitig fertig und bin dann umso zufriedener mit mir und den Tablets.


Mittwoch
Der verlorene Artikel
Wieder fahre ich fast den PC hoch. Noch mal wird mir das nicht passieren: Klebeband organisiert und den Powerknopf abgeklebt. Doch kaum ist die erste Klippe des Tages umschifft, folgt die nächste. Aus unerfindlichen Gründen geht ein halb fertiger Artikel verloren. Also zurück auf Feld eins und alles noch mal schreiben. Das letzte Mal ist mir so etwas mit Windows 3.1 in den 90er-Jahren passiert. Die Panne bleibt aber zum Glück ein Einzelfall. Abgesehen davon hinterlassen die Tablets einen vertrauenswürdigen Eindruck.


Donnerstag
Gut unterwegs
Ist man den ganzen Tag unterwegs, spielen die Tablets ihre grosse Stärke aus. Sie sind leicht, der Akku hält lang, und man kann im Zug bequem arbeiten, auch wenn man keinen Klapptisch hat. Im Zug nach Bern schreibe ich so mit der Zweidaumentechnik den nächsten Tages­bericht. Wäre die Internetverbindung besser, würde ich den Artikel glatt aus dem Zug ins Netz stellen. Wieder zurück beginne ich mit der Arbeit an diesem Text. Nach 6000 Zeichen in anderthalb Stunden beschliesse ich, mir den Rest für den letzten Tag des Selbstversuchs aufzusparen.


Freitag
Das unvermeidbare Ende
Dass der letzte Tag des Selbstversuchs mit einem Regelbruch beginnt, ist unvermeidlich. Das Problem: Der fertige Text muss in die Zeitung. Und das geht nur mit einer speziellen Software, die es nicht für Tablets gibt. Für einmal hilft es auch nicht, den Text einem Kollegen oder einer Kollegin zu mailen, da ich selbst dafür verantwortlich bin. Ich könnte wohl einen Kollegen mit einem Mittagessen bestechen, aber das scheint mir zu unlauter. Also: das Klebeband am PC entfernen, widerwillig Power drücken und warten. So langsam kam mir der PC noch nie vor. Schliesslich ist der Artikel dann doch im System, und der PC kann wieder heruntergefahren werden. Trotzdem fühle ich mich wie ein Slalomfahrer, der bei der letzten Stange ein­fädelt. Fast hätte ich es eine Woche ohne PC geschafft.


Wenn das Experiment etwas zeigt, dann das, dass Tablets rasend schnell auf­geholt haben. Inzwischen können die flachen Mini-Computer in den meisten Belangen mit Laptops und PCs mithalten. Oft sind Tablets mit ihrer intuitiven Bedienung sogar im Vorteil. Bei professionellen Anwendungen haben sie aber noch Nachholbedarf. Die grösste Überraschung des Selbstversuchs ist, wie gut ich schon nach ein paar Tagen auf Tablets tippen kann. Ich überlege mir ernsthaft, bis auf weiteres auf eine Zusatztastatur für mein Tablet zu verzichten.

Erfreulicherweise spielt es kaum eine Rolle, für welches Tablet man sich entscheidet. Die komfortabelsten, aber auch teuersten Allrounder kommen aus dem Hause Apple. Die Android-Tablets kosten in der Regel weniger und lassen sich am besten den eigenen Vorlieben anpassen. Die Microsoft-Tablets mit dem vorinstallierten Office-Paket machen als Laptop-Ersatz einen guten Eindruck. Wofür man sich entscheidet, ist Geschmacksache. Wer mit seinem PC noch zufrieden ist, muss aber nichts überstürzen. Noch stellen Tablets den altgedienten PC nicht in den Schatten. Aber bei dem rasanten Tempo sieht das vielleicht in zwei Jahren schon ganz anders aus.

Dieser Artikel wurde auf einem Nexus 7 und einem iPad Air geschrieben.

Erstellt: 02.12.2013, 09:02 Uhr

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