Reportage

Der Späher-Posten der Swisscom im Silicon Valley

Daniel Gerber und Ursula Oesterle scouten in Kalifornien für den Schweizer Telecomriesen die US-Hightechindustrie. Was genau machen sie da?

In diesem unscheinbaren Haus werden Zukunftsvisionen wahr: Daniel Gerber und Ursula Oesterle leiten seit 2010 den Aussenposten der Swisscom im Silicon Valley.

In diesem unscheinbaren Haus werden Zukunftsvisionen wahr: Daniel Gerber und Ursula Oesterle leiten seit 2010 den Aussenposten der Swisscom im Silicon Valley. Bild: BZ

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Palo Alto an einem Sommerabend. In den Strassen des Zentrums des berühmt-berüchtigten Silicon Valley hängt ein würziger Käseduft. Und wer dem für Kalifornien untypischen, aber für Schweizer Nasen wohlbekannten Geschmack von Raclette folgt, erlebt gleich die nächste Überraschung. Vor einem simplen, einstöckigen Haus, das eher an eine Hippiekommune aus den 70er-Jahren erinnert, prangt das Logo der Swisscom. Was um alles in der Welt macht ein vorwiegend national tätiges Unternehmen hier, ist man geneigt zu fragen. Palo Alto und das Silicon Valley sind doch besser bekannt als Sitz von Giganten wie Hewlett-Packard, Intel, Apple, Facebook, Google, Ebay und Yahoo. Und genau hier liegt die Antwort.

«Mit unserer Präsenz sind wir nahe dran und haben Kontakt zu vielen Partnern», erläutert Daniel Gerber, der seit 2010 gemeinsam mit Ursula Oesterle den Swisscom-Aussenposten leitet. Das Netzwerk, welches es diesen Firmen ermöglicht hat, schnell gross zu werden, zieht nämlich auch zahlreiche Start-ups und Jungunternehmen an, die für die Swisscom von Interesse sein könnten.

Goldrausch der Neuzeit

Der Begriff Aussenposten, auf Englisch Outpost, erinnert an die Zeiten des kalifornischen Goldrausches Mitte des 19. Jahrhunderts. Tausende von Glücksjägern kamen damals in die Gegend um San Francisco, um mit Goldschürfen reich zu werden. Gold gibt es heute nicht mehr zu finden, aber die Gegend zwischen San Francisco und San José, das Silicon Valley, übt eine ungebrochene Anziehungskraft aus. Aus aller Welt kommen Computerprogrammierer und Softwareentwickler hierher. Fast alle haben eine Idee im Gepäck, wie sie die Welt verändern können. Und fast alle sind überzeugt davon, hier das nötige Kapital zu finden, um ihrer Innovation zur Markteinführung und zum wirtschaftlichen Erfolg zu verhelfen.

Jährlich werden im Silicon Valley über 6000 Start-ups gegründet, und die stolze Summe von 11 Milliarden Dollar, etwa 40 Prozent des amerikanischen Kapitals, das an Jungunternehmen geht, wird hier investiert. «Fast täglich hört man eine Geschichte, wie ein Start-up wieder einen stolzen Millionenbetrag bekommen hat», bestätigt Daniel Gerber, der das Geschehen für die Swisscom intensiv verfolgt. Ein mögliches Scheitern, was wesentlich öfter der Fall ist als das Reüssieren, wird in der Regel ziemlich emotionslos in Kauf genommen. So erstaunt es auch nicht, dass der wohl prägnanteste Satz für das Silicon Valley «Fail early, fail often and succeed sooner» lautet («Scheitere früh, scheitere oft und habe schneller Erfolg»).

Präsenz im Silicon Valley

Das Silicon Valley gilt heute als der weltweit bedeutendste Schmelztiegel der Informatik- und Hightechindustrie, wo die grössten Innovationen der Telekommunikation entstehen. In dieser Umgebung ist die Swisscom seit 1998 vertreten. Damals galt das primäre Augenmerk noch dem aufkommenden Internethype. Heute stehen Produkttrends, neue Geschäftsmodelle, Entwicklungen in der Informatik und Telekommunikation, Marketinglösungen oder Strategieansätze im Fokus. Der Outposting-Ansatz der Swisscom kann dabei durchaus mit dem Goldschürfen vergangener Zeiten verglichen werden. «Wir beobachten das Ganze und versuchen, neue Ideen zu finden, die nützlich sein könnten. Nicht jede neue Idee aber ist ein Volltreffer. Insofern spielt auch immer etwas das Risiko mit, wenn man beispielsweise aufs falsche Pferd setzt», erläutert Daniel Gerber. Mit lediglich drei Leuten vor Ort, die zwischenzeitlich durch Projektteams verstärkt werden, ist der Swisscom-Posten eine vergleichsweise kleine Aussenstelle. Orange ist beispielsweise mit rund 60 Personen vertreten, hat aber im weltweiten Vergleich zur Swisscom auch einen wesentlich grösseren Radius. Die Swisscom, so Daniel Gerber, verfüge aber über einen guten Ruf und werde als innovatives Unternehmen, das qualitativ hochwertige Leistungen erbringt, wahrgenommen. Zur Attraktivitätssteigerung gegenüber aufstrebenden Start-ups, mit denen man allenfalls ins Geschäft kommen möchte, trägt auch der Einsitz der Swisscom im Telecom Council Silicon Valley bei. Die Vernetzung mit über 100 Telekommunikationsunternehmen ermöglicht der Swisscom, die als einziger Schweizer Vertreter vor Ort ist, an der Diskussion über aktuelle und zukünftige Themen teilzunehmen.

Kein Zuckerschlecken

Im Silicon Valley sind alle Zukunftstechnologien wie Mobile, Informatik und Software, aber auch Bio- und Umwelttechnologie vertreten. Die primäre Aufgabe von Daniel Gerber und seinem Team ist es, relevante Trends früh zu erkennen und die Swisscom an diese heranzuführen. Die Erkenntnisse aus diesen Entdeckungen fliessen regelmässig zurück in die Schweiz, wo sie dann entweder weiter vorangetrieben, zurückgestellt oder verworfen werden.

Was nach einer leichten Aufgabe aussieht, täuscht jedoch. «Hier geschehen Innovationen fast im Tagesrhythmus. Wenn man nicht genau weiss, was man will, und entsprechend gezielt vorgeht, hat man schnell die Übersicht verloren», sagt Daniel Gerber, der durch seine früheren Tätigkeiten bei der Bluewin AG und Swisscom Mobile die Gepflogenheiten des Silicon Valley schon kannte. Dabei hatte er auch gelernt, wie man ein Netzwerk aus Partnern aufbaut und mit diesen Projekte umsetzt. Das ist aber nur der eine Aufgabenbereich. Der andere ist das Verkaufen dieser Erkenntnisse an die Swisscom, was alles andere als selbstverständlich ist. Bedingt durch den Zeitunterschied von neun Stunden, telefoniert Gerber meist frühmorgens mit seinen Schweizer Kollegen. Dabei präsentiert er ihnen seine neuesten Beobachtungen und versucht sie zu überzeugen. Im Gegenzug nimmt er ihre Bedürfnisse auf. Später am Tag lässt er sie bei Besuchen, Präsentationen, Geschäftsessen und Networking-Anlässen einfliessen.

Kundennutzen im Zentrum

Im Vordergrund der Beobachtungen des Swisscom-Aussenpostens steht der Kundennutzen. «Ob Produkte, Dienstleistungen, Prozesse oder neue Geschäftsmodelle: Bevor wir eine Idee weiterverfolgen, überlegen wir uns immer zuerst, was unsere Kunden davon haben», führt Daniel Gerber aus. Ein Produkt, das seinen Ursprung im Silicon Valley hat, ist beispielsweise die «KMU Business World». Mit diesem App Store können KMU Applikationen herunterladen und managen. Hinter diesem Produkt steht das Jungunternehmen AppDirect aus San Francisco, das vor zwei Jahren entdeckt wurde. Weitere Themen, die zurzeit im Silicon Valley hoch gehandelt werden und auch auf dem Radar der Swisscom auftauchen, sind die «Cloud» und «Big Data». Gemäss Daniel Gerber wird die Personalisierung der Angebote dank der Auswertung von Kundendaten deutlich besser werden. «Heute meldet sich der Kunde bei uns, wenn ein Problem besteht. Morgen bieten wir ihm eine Lösung, bevor er das Problem überhaupt registriert hat.» Dass diese Vorgehensweise auch für Kritik sorgen kann, ist sich Gerber bewusst. «Voraussetzung hierfür ist ein gutes Vertrauensverhältnis, das es zum Kunden aufzubauen und zu pflegen gilt.»

Nicht nur Käse

Gut hundert Swisscom-Mitarbeiter besuchen die Aussenstelle jedes Jahr. Daniel Gerber und seine Kollegen organisieren dann jeweils Besuche und Workshops. Im Austausch mit Start-ups, etablierten Firmen und Investoren erfahren die Swisscom-Manager, wohin die Zukunft führt. Bei so starker Schweizer Präsenz überrascht es somit nicht, wenn in den Strassen von Palo Alto – neben dem Duft von Schweizer Käse – immer wieder auch ein paar Brocken Schweizerdeutsch aufgeschnappt werden können.

Erstellt: 01.10.2013, 10:21 Uhr

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Silicon Valley (Bild: Grafik BZ)

Daniel Gerber

Leben und arbeiten im Silicon Valley: Für Daniel Gerber, der mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen nach Palo Alto gekommen ist, hat sich der Schritt ins Ausland gelohnt. «Uns hat es als Familie sehr viel gebracht. Wir durften neue Erfahrungen sammeln und haben eine fremde Kultur kennen gelernt», sagt der 42-Jährige. Während der Ittiger von Anfang an vom Umzug ins Ausland überzeugt war und dank der Arbeit auch rasch den Einstieg in die neue Welt schaffte, dauerte es bei seiner Familie etwas länger. «Die Kinder haben geweint, als wir ihnen vom Wegzug in die USA erzählten.» Der herzliche Empfang in der Schule und die Tatsache, dass sie sofort neue Freunde fanden, hätten ihre Bedenken aber schnell weggewischt. Etwas schwerer tat sich da Gerbers Frau Alexandra. «Das viele Autofahren und die ganze Organisation mit den Kindern hier ist schon etwas gewöhnungsbedürftig», so Gerber. Doch auch sie fand bald Gefallen an der neuen Umgebung und nutzt diese nun, indem sie eine Weiterbildung in Fashion Design absolviert. Noch bis im nächsten Sommer bleiben Gerbers im Silicon Valley. Danach gehts wieder zurück in die Schweiz. Von seinen Auslanderfahrungen will Daniel Gerber so einiges mit nach Hause nehmen. «Immer wieder Neues ausprobieren, nicht an Bestehendem festhalten und auch mal einen Fehler in Kauf nehmen – diese Einstellung, für die das Silicon Valley steht, möchte ich beibehalten.» Beeindruckt hat den Schweizer Betriebsökonomen auch die offene Art, mit der man sich hier begegnet. Oder wie ein weiteres Bonmot aus dem Valley besagt: «You are welcome, if you contribute» ( «Du bist willkommen, wenn du etwas leistest»).

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