Der unbemerkte Siegeszug der künstlichen Intelligenz

Siri, Cortana und Co. könnten das Smartphone als wichtigste digitale Plattform ablösen. Google, Apple und Co. versuchen, sich zu übertrumpfen.

Mal beeindruckend, mal witzig und manchmal komplett daneben: Siri.

Mal beeindruckend, mal witzig und manchmal komplett daneben: Siri. Bild: Urs Jaudas

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Auch wenn Computer rein technisch ein Leistungsplateau erreicht haben und das Mooresche Gesetz nicht länger gilt, werden die Programme, die auf Computern laufen, doch Jahr für Jahr intelligenter und können immer komplexere Aufgaben lösen.

Der letzte von vielen Meilensteinen war der Sieg von Googles künstlicher Intelligenz diesen März gegen einen menschlichen Profi des asiatischen Brettspiels Go. In den letzten Jahren lässt sich ein regelrechtes Wettrüsten im Bereich künstlicher Intelligenz unter Grosskonzernen und Start-ups beobachten.

Google-Chef Sundar Pichai etwa sprach kürzlich von einem Paradigmenwechsel. Galt in den letzten Jahren das Credo «mobile first» (das Smartphone als wichtigste Plattform), verschiebe sich das nun zu «AI first» (künstliche Intelligenz als nächste Plattform, der alles untergeordnet werden sollte).

Keine Zukunftsmusik mehr

Trotz solch markiger Sprüche stehen wir erst ganz am Anfang. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten werden uns Computerprogramme auf immer mehr Geräten immer komplexere Aufgaben abnehmen können: Das Auswählen des idealen Handy-Abos, das Ausfüllen der Steuererklärung oder das Lenken von Autos sind längst keine Zukunftsmusik mehr.

Aber auch das Abwickeln von Finanzgeschäften, das Entscheiden von Gerichtsprozessen oder das Erstellen von medizinischen Diagnosen ist denkbar. Ob Computer nebst künstlicher Intelligenz irgendwann auch ein künstliches Bewusstsein erlangen, ist hingegen eine ganz andere Frage.

Fliessender Siegeszug

Anders als beim Siegeszug des Smartphones, das innert zehn Jahren für Milliarden Menschen unverzichtbar geworden ist, breitet sich künstliche Intelligenz fliessend und im Hintergrund aus. Wenn etwa bei Googles Übersetzungsdienst oder Apples Sprachassistentin Siri neue Technologien zum Einsatz kommen, merkt man das im Alltag – wenn überhaupt – nur an besseren Ergebnissen.

Apps und Dienste sehen unverändert aus und fühlen sich auch so an wie in den Monaten und Jahren zuvor. Aber die Prozesse im Hintergrund werden ständig intelligenter und effizienter.

Längst im Handy eingebaut

Wer im Alltag überprüfen will, wie weit die Entwicklung schon fortgeschritten ist, braucht keine speziellen Apps zu installieren. Vieles ist schon längst im Smartphone eingebaut: etwa wenn das Handy einem im Supermarkt von sich aus empfiehlt, die entsprechende App zu öffnen oder wenn die Tastatur das nächste Wort schon weiss, bevor man es getippt hat.

Das Paradebeispiel und der ganze Stolz der jeweiligen Konzerne und Start-ups sind aber die smarten Sprachassistenten. Apples Siri ist fünf Jahre nach der Präsentation immer noch das prominenteste Beispiel, doch inzwischen hat fast jeder Konzern einen digitalen Assistenten, der Fragen versteht und beantworten kann.

  • Apples Siri: Der bekannteste Sprachassistent ist keine Eigenentwicklung von Apple. Siri wurde von der 2007 gegründeten gleichnamigen Firma entwickelt. Ein Jahr vor der Präsentation des iPhone 4s hat Apple die Firma 2010 gekauft. Seit dem neusten Update verträgt sich Siri auch mit ausgewählten Apps von Drittanbietern. Der Apple-Kenner und Tech-Journalist Walt Mossberg hat kürzlich kritisiert, dass Apple viel zu wenig aus diesem Vorsprung gemacht habe.

  • Googles Assistant: Seit diesem Sommer hat der lange namenlose und hinter dem Mikrofonsymbol verborgene Sprachassistent von Google einen Namen. Er heisst schlicht Google Assistant. Konnte der Dienst in der Vergangenheit schon Fragen beantworten und Gerätefunktionen steuern, soll er nun auf Googles eigenen Geräten, dem Pixel-Smartphone und dem Home-Lautsprecher, ein richtiges Zuhause bekommen. Besonders stolz ist man bei Google, wie menschlich die Stimme klingt. An der Präsentation war das tatsächlich beeindruckend. Ob das im Alltag auch so gut funktioniert, wird sich frühestens am Donnerstag zeigen, wenn die neuen Google-Telefone in den USA in den Handel kommen.

  • Amazons Alexa: Amazon ist der Sprengkandidat unter den Anbietern von digitalen Assistenten. Abgesehen vom Kindle-E-Reader hatte das Onlinewarenhaus mit eigener Hardware in der Vergangenheit wenig Erfolg. Auch die 2014 vorgestellten smarten Echo-Lautsprecher schienen sich in die Reihe von wenig bemerkenswerten Geräten einzuordnen. Doch zum allgemeinen Erstaunen kamen die Lautsprecher und vor allem die darin beheimatete Assistentin Alexa beim Publikum gut an und in immer mehr Wohnzimmern und Küchen zum Einsatz. Seither wurde die Sprachassistentin immer schlauer und auch das Sortiment an Lautsprechern wurde erweitert.

  • Microsofts Cortana: Beim Namen seiner Sprachassistentin hat sich Microsoft vom hauseigenen Computerspiel «Halo» inspirieren lassen. 2014 vorgestellt, ist der Dienst nun fester Bestandteil von Smartphones und Computern mit Windows 10. In der Schweiz kann man Cortana allerdings nur nutzen, wenn man die Länder- und Spracheinstellungen auf Deutschland resp. Deutsch stellt.

  • Samsungs Viv: Nicht allen Siri-Erfindern gefiel es anscheinend bei Apple. Sie verliessen den iPhone-Konzern und gründeten eine neue Firma: Viv. Dieses Frühjahr zeigten sie an einer viel beachteten Präsentation ihre neuste Entwicklung. Viv soll eine plattformübergreifende smarte Assistenz-Software werden. Ob es nun noch dazu kommt, ist fraglich. Vor zwei Wochen hat Samsung Viv gekauft. Die Vermutung liegt nahe, dass sich der Smartphone-Weltmarktführer so weiter von seinem Softwarelieferanten Google ablösen möchte.

  • Hound: Noch keinen prominenten Käufer gefunden hat Hound. Hinter diesem Sprachassistenten steckt das Team von Soundhound, einer Musikerkennungs-App fürs Smartphone. Die Idee, einen smarten Sprachassistenten zu entwickeln, hätten die Gründer schon im Jahr 2000 gehabt. Aus pragmatischen Gründen habe man sich aber erst mit der Musikerkennung auf ein kleineres Ziel konzentriert. Dieses Frühjahr zeigten sie dann ihre wahren Ambitionen. Anfang Woche zeigte die Firma zudem mit dem Hurricane einen ersten smarten Lautsprecher, der Hound in die Stuben bringen soll.

  • Und Facebook? Das grösste soziale Netzwerk ist die grosse Unbekannte im Spiel. Mit Facebook M hat der Konzern zwar einen textbasierten Assistenten und bei seinem Messenger-Chat-Dienst treibt Facebook die Entwicklung von allerhand Diensten, die künstliche Intelligenz nutzen, kräftig voran. Doch einen umfassenden Sprachassistenten hat der Konzern noch nicht. Mangels eigener Hardware (Erinnert sich noch jemand an das Facebook Phone von 2013?) wäre das aktuell wohl auch wenig zielführend. Aber trotz vergangener Hardware-Flops halten sich Gerüchte, dass Facebook etwas in diese Richtung plant. Diesen Sommer hat der Konzern stolz sein neues Hardware-Lab vorgestellt und vor einem Monat eine Firma gekauft, die sich auf modulare Geräte spezialisiert hat. Und vergangene Woche machte sich Mark Zuckerberg mit einem Facebookbeitrag auf die Suche nach einer Stimme für eine künstliche Intelligenz. In den Kommentaren bot der Ironman-Schauspieler Robert Downey Jr. seine Hilfe an.

Erstellt: 18.10.2016, 19:46 Uhr

Seitensprünge statt Abstimmungen und Fussballclubs statt Zugverbindungen

Zeig mir ein Rezept für Rhabarberquarktorte!

Google Assistant (Nexus 6 mit Android 7): Eine Google-Suche zeigt mehrere vielversprechende Links. Der erste verspricht gleich zehn solcher Rezepte.
Siri (iPhone 7 Plus mit iOS 10): Auch Siri versteht das schwierige Wort. Sie zeigt aber auch nur eine weniger komplette Websuche von Microsofts Bing. Immerhin ist das erste Resultat ein richtiges Rezept.
Cortana (HP Elite x3 mit Windows 10): Als erstes Resultat der Websuche gibt es eine allgemeine Rezeptseite. Als zweites ein Rezept für eine Quarktorte mit Erdbeeren und Rhabarber.

Schalte das Licht aus!

Google: Der Assistent schaltet die Taschenlampe aus, die gar nie an war. Nach dem Hinweis, doch mit der Philips-Hue-App die Lampe in der Stube auszuschalten, empfiehlt eine Websuche, die längst installierte Hue-App zu installieren.
Siri: Das Licht geht aus. Siri profitiert hier allerdings davon, dass die Philips-Lampen mit Apples-Homekit-App harmonieren.
Cortana: Auch Cortana schaltet die nie eingeschaltete Taschenlampe aus.

Rufe meine Frau an!

Google: Auf einer Liste mit Kontakten kann man die Ehefrau auswählen. Fortan klappt der Sprachbefehl.
Siri: Apples Assistentin fragt, wer denn die Ehefrau sei, merkt sich die Info für die Zukunft und startet den Anruf.
Cortana: Auch Cortana will wissen, wer die Ehefrau ist, merkt sich den Namen und ruft an.

Spiel mir einen Song von David Bowie!

Google: Es erscheint eine Auswahl von Apps. Ich wähle Youtube, und schon erklingt «Space Oddity».
Siri: Apples Assistent spielt sofort «Changes». Einer der wenigen Songs, die ich vor Jahren mal bei iTunes gekauft hatte. Da ich Spotify nutze, habe ich längst vergessen, dass der Song überhaupt noch auf dem iPhone ist.
Cortana: Erst müsse ich mich anmelden. Dann erscheint eine Fehlermeldung. Kein Song erklingt.

Wann ist die nächste Volksabstimmung, und worum gehts?

Google: Die Google-Suche zeigt die entsprechende Seite von Admin.ch mit allen Infos zur Abstimmung vom 27. November.
Siri: Auch hier gibt es eine Websuche. Das erste Resultat: Gründe für Seitensprünge. Bei einem zweiten Versuch empfiehlt Siri auf Admin.ch die Seite zur Durchsetzungsinitiative vom vergangenen Februar.
Cortana: Hier rächt es sich, dass Cortana aktuell nur in Deutschland funktioniert. Immerhin gibts als zweites Resultat der Websuche die Wikipedia-Seite zu Schweizer Volksabstimmungen.

Was läuft heute im Kino?

Google: Eine Websuche empfiehlt den Schweizer Kinodienst Cineman.ch.
Siri: Für die Schweiz gäbe es dazu keine Informationen. Siri sei jedoch gerne bereit, Fragen zu Filmtrailern zu beantworten.
Cortana: Da es Cortana aktuell nur für Deutschland gibt, erscheinen per Bing-Suche deutsche Kinodienste.

Welchen Film würdest du mir empfehlen?

Google: Eine Google-Suche bietet an, «würdest du mir empfehlen» auf Französisch zu übersetzen.
Siri: «Es gibt anscheinend keine Kinos in der Nähe, in denen heute noch Filme laufen.»
Cortana: Die Bing-Suche empfiehlt: www.welchenfilmschauen.de.

Öffne die «Tages-Anzeiger»-App!

Google: Keine App geht auf. Eine Google-Suche schlägt stattdessen ein Abo des «Tages-Anzeigers» vor.
Siri: Die App geht auf.
Cortana: Da es die Tagi-App für Windows nicht gibt, lässt sie sich auch nicht öffnen. Andere Apps gehen problemlos.

Schicke eine Whatsapp-Nachricht an Matthias Schüssler!

Google: Klappt tadellos. Google fragt nach, was in die Nachricht soll und ob man sie verschicken will. Fertig.
Siri: Auch hier tadellos. Siri fragt nach, was in die Nachricht soll und ob man sie verschicken will. Fertig.
Cortana: Hier scheint alles tadellos zu laufen. Nur verschickt Cortana zum Schluss ein SMS statt einer Whatsapp-Nachricht.

Zeig mir Fotos von unserem Urlaub auf Kreta!

Google: Es erscheint eine allgemeine Web-Bildersuche mit Urlaubsfotos von Kreta.
Siri: Auch Siri zeigt irgendwelche Web-Fotos.
Cortana: Cortana zeigt als erstes Resultat einer Websuche ein Reisebüro mit Angeboten für Kreta.

Wann kommt der nächste Tatort?

Google: Eine Websuche zeigt als erstes Resultat die «Tatort»-Seite der ARD mit Infos zur nächsten Folge.
Siri: Eine Websuche zeigt ebenfalls die «Tatort»-Seite der ARD mit Infos zur nächsten Folge.
Cortana: Und noch mal die selbe Website der ARD.

Erzähl mir einen Witz!

Google: Statt eines Witzes gibts eine Websuche, die empfiehlt die Assistenten-App Avic und ein Youtube-Witz-Video.
Siri: «Es war eine dunkle und stürmische Nacht … Nein, das ist es nicht.»
Cortana: «Treffen sich Tunfisch und Haifisch. Sagt der Tunfisch: Hi, Fisch! Sagt der Haifisch: Was sollen wir tun, Fisch?»

Wann fährt der nächste Zug von Zürich nach St. Gallen? Und auf welchem Gleis?

Google: Eine Websuche empfiehlt www.sbb.ch.
Siri: Statt Fahrplaninfos zu liefern, informiert Siri über die letzte Niederlage des FC St. Gallen und zeigt die Super-League-Tabelle.
Cortana: Auch wenn es Cortana nur für Deutschland gibt, empfiehlt auch sie die SBB-Seite, allerdings führt sie gleich eine Fahrplansuche von St. Gallen ins Heilbad Unterrechstein durch.

Schalte das WLAN aus!

Google: Das Wlan wird ausgeschaltet. Ein Schalter wird eingeblendet, mit dem man es wieder aktivieren kann.
Siri: Nachdem das Wlan deaktiviert wurde, zeigt auch Siri einen Schalter, um es wieder zu aktivieren.
Cortana: Das Wlan wird deaktiviert.

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