Die dunkle Seite von Apple

Die ganze Welt kauft iPhones und iPads. Doch die Arbeitsbedingungen in Chinas Fabriken sind oft miserabel - vor allem für Studenten, die zu einer Art Zwangspraktikum verpflichtet werden.

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Apple-Chef Steve Jobs gibt sich mit Produkten erst zufrieden, wenn die eigenen Qualitätskriterien hundertprozentig erfüllt sind. Weniger wichtig ist ihm offenbar, wer seine durchdachten Elektronikgeräte zusammensetzt und unter welchen Arbeitsbedingungen sie entstehen.

So wurden grosse Kontingente des iPad 2 in einer erst halb fertigen und unsicheren Fabrik in der westchinesischen Stadt Chengdu zusammengesetzt. Wie die meisten Elektronikkonzerne baut auch Apple seine Geräte nicht selber, sondern liefert nur die Baupläne. Die Fertigung übernehmen andere, im Fall von Apple ist es meist Foxconn. Der taiwanische Grosskonzern heuert für die kalifornische Kultfirma billige Arbeitskräfte in China an, welche die Apple-Geräte täglich zu Tausenden produzieren.

Mehr Baustelle als Fabrik

Die Nichtregierungsorganisation Sacom verfolgt die Arbeitsverhältnisse bei Foxconn seit fünf Jahren kritisch. Sie hat den Zustand einer eigens zur iPad-Fertigung errichteten Anlage in Chengdu Ende April fotografisch dokumentiert. Sacom steht für «Students and Scholars Against Corporate Misbehavior» (Studenten und Schüler gegen das Fehlverhalten von Firmen). Die Organisation hat ihren Sitz in Hongkong, Hauptgeldgeber ist Brot für alle, das Hilfswerk der evangelischen Kirche Schweiz.

Die Bilder aus Chengdu zeigen Jugendliche, die in Bussen auf ein Gelände verfrachtet werden, das mehr einer Baustelle als einer Fabrik gleicht. Betreten wird die Anlage nicht durch eine Türe, sondern durch ein Loch in der Wand. Diejenigen Arbeiter, für die noch keine Arbeitsräume zur Verfügung stehen, werden in Reih und Glied aufgestellt und militärisch gedrillt. Auf die Frage «Wie geht es euch?» müssen die Jugendlichen antworten: «Es geht uns sehr, sehr gut!» So schildert es die Aktivistin Chan Sze Wan, die im März und April dieses Jahres vor den Foxconn-Fabriken in Shenzhen, Chengdu und Chongqing 120 Mitarbeiter über ihre Arbeits- und Wohnverhältnisse interviewt hat.

Drei Tote bei Explosion

Kurz danach, am 20. Mai, ereignete sich in der Chengdu-Fabrik eine Explosion, die drei Mitarbeiter tötete und fünfzehn verletzte. Ob der Unfall mit dem voreiligen Arbeitsbeginn auf dem Gelände zu tun hatte, wollte Foxconn auf Anfrage der SonntagsZeitung nicht kommentieren. Chan Sze Wan sagt: «Das betreffende Gebäude habe ich selber nicht besucht. Doch der Unfall ereignete sich in der iPad-Polierabteilung, ausgelöst durch ultrafeine Aluminium-Partikel und eine schlecht installierte Lüftung.»

Die Kritik von Sacom an Foxconn, dem mit 1,3 Millionen Mitarbeitern zweitgrössten Arbeitgeber der Welt, und Apple geht aber noch weiter: Um die riesige Nachfrage nach iPhones und iPads zu decken, lockt Foxconn Studenten mit vergleichsweise ordentlich bezahlten Praktika an die Fliessbänder. Bei der Rekrutierung arbeitet der Konzern eng mit Berufsschulen zusammen. Je nach Standort der Fabrik werden Löhne von 950 bis 1400 Yuan bezahlt, umgerechnet 120 bis 180 Franken. Die Praktika sind aber eigentliche Arbeitslager: zehn bis zwölf Stunden stehend am Fliessband, 80 bis 110 Überstunden pro Monat, Redeverbot während der Arbeit, kurze oder gar keine Essenspausen.

Welle von Suiziden

Weltweit Schlagzeilen machte Foxconn bisher wegen einer Welle von Suiziden seiner Mitarbeiter. Zwischen März und Mai 2010 nahmen sich in China gleich elf Mitarbeiter das Leben. Das Problem der Studentenarbeit stand damals weniger im Fokus. Dabei besteht möglicherweise ein Zusammenhang. Pun Ngai, Sozialwissenschaftlerin und Professorin an der Hong Kong Polytechnic University, erklärt: «Die Absolvierung eines Praktikums bei Foxconn ist oft an den Schulabschluss gekoppelt.» Wer sein Praktikum abbreche, erhalte kein Zertifikat. Das sei für Jugendliche, deren Eltern viel Geld in die Ausbildung investiert hätten, das Schlimmste überhaupt. Der Druck des Elternhauses, kombiniert mit dem Arbeitstempo und dem militärischen Klima in den Fabriken macht das Leben für einige Jugendliche wohl so unerträglich, dass sie nur noch im Suizid einen Ausweg sehen.

Pun Ngai ist Gründerin der sogenannten Foxconn Research Group. Letztes Jahr hat die 41-Jährige mit Mitarbeitern aus zwanzig Universitäten vor zwölf chinesischen Foxconn-Fabriken Zehntausende Fragebögen verteilt. Darin erkundigte sie sich nach Alter und Ausbildung der Arbeiter und den Verhältnissen in den Fabriken. 1736 Fragebögen kamen zurück. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, ein Praktikum zu absolvieren.

119 Schulen wollten Studenten in die neue Fabrik schicken

Studentenarbeit ist in China ein junges Phänomen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Seit 2005 schraubt die chinesische Regierung die Mindestlöhne in die Höhe und verbessert laufend die Arbeitsgesetze. So ist zum Beispiel die Anzahl Überstunden pro Monat auf maximal 36 festgelegt. Dies führt dazu, dass die extrem preisempfindliche Elektronik-Industrie auf billige und gesetzlich wenig geschützte Studentenarbeit setzt. Schliesslich will der Kunde im Westen seine Ware immer günstiger kaufen. Wenn also Unternehmen wie Apple, Dell, HP oder Nokia ihre Bestellungen fürs Weihnachtsgeschäft aufgeben, wenden sich die chinesischen Zulieferer an die Berufsschulen, um dort Arbeitskräfte zu mobilisieren.

Wegen der steigenden Löhne verlagern gleichzeitig viele Unternehmen ihre Produktion nach Zentralchina, etwa in die Provinz Sichuan. Hier buhlen die lokalen Behörden um die Gunst von Elektronik-Kolossen wie Foxconn. Die Stadt Chongqing zum Beispiel hat die Landebahn des Flughafens verlängert, damit das Unternehmen grössere Transportflugzeuge einfliegen kann. Am 29. Juni 2010 berichtete die offizielle Zeitung der kommunistischen Partei «Peoples Daily», dass 119 Berufsschulen in Chongqing Foxconn zugesichert hätten, Schüler in die geplante neue Fabrik zu schicken. Es nützte nichts. Foxconn baute in Chongqing zwar eine Fabrik, aber nur für 10000 Mitarbeiter. Der dicke Fisch ging in die Nachbarstadt Chengdu, wo zwei Werke ausschliesslich zur Produktion des iPads gebaut wurden - mit 100 000 Mitarbeitern. In Chengdu hatten sich noch mehr Berufsschulen kooperativ gezeigt.

Foxconn bestätigt, dass zu Spitzenzeiten im Sommer bis zu 15 Prozent der Arbeiterschaft Praktikanten seien. Bei 1,3 Millionen Mitarbeitern sind das immerhin 200 000 Studenten. Foxconn verweist aber darauf, dass in China insgesamt 7,6 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung Praktikanten seien. Dass die Arbeitsbedingungen schlecht seien, streitet das Unternehmen ab und verweist auf ihre grösste Fabrik in Shenzhen, die mit einem Swimmingpool, Basketballfeldern und einer Bibliothek ausgestattet ist. Es ist die einzige Fabrik, die westliche Journalisten besuchen dürfen.

Apple, das dank iPhone- und iPad-Verkäufen allein im zweiten Quartal 2011 einen Gewinn von 6 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete, verweigerte trotz mehrfachem Nachhaken der SonntagsZeitung jede Stellungnahme zur Studentenarbeit und den Arbeitsverhältnissen in Chengdu.

Apple will keine Gespräche zur Arbeitssituation führen

Chantal Peyer von der Schweizer Stiftung Brot für alle hat dafür kein Verständnis: «Studentenarbeit ist kein Apple-spezifisches Problem. Es sind alle Elektronikhersteller gefragt.» Doch während zum Beispiel Computerhersteller Hewlett Packard mit Sacom einen Dialog führe und Projekte zur Verbesserung der Arbeitsverhältnisse akzeptiere, verweigere Apple jegliches Gespräch. Ähnlich tönt es bei Pauline Overeem von der Nichtregierungsorganisation Good Electronics Network. Bei Apple, so Overeem, liege im Bereich der sozialen Unternehmensverantwortung vieles im Argen.

Für Steve Jobs geht Geschwindigkeit über alles. Schon im kommenden September will der Apple-Chef laut Gerüchten das iPad 3 lancieren. Bei der letzten Präsentation im Februar spielte er ein Video ab, in dem Kinder erzählten, wie «fantastisch» das Gerät zum Lernen sei. Vielleicht sollte Jobs vor der nächsten Präsentation die Studenten in Chengdu fragen, was sie vom iPad halten.

Erstellt: 19.07.2011, 15:51 Uhr

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