Die fast kabellose Zukunft ist da

Drahtloses Laden hat eine ruppige Geschichte hinter sich. Doch nun ist die Technologie im Alltag angekommen. Wie lebt es sich damit, was muss man beachten und was bringt es überhaupt?

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Vor vier Jahren schrieb diese Zeitung, drahtloses Laden komme nicht in die Gänge. Die Gründe: Zu viele unterschiedliche Standards, zu dicke Handys, zu wenig kompatible Smartphones und schlicht zu wenig Ladegeräte.

All diese Probleme sind heute aus der Welt geschafft. Inzwischen hat sich der Qi-Standard durchgesetzt, und man sieht es einem Handy auch nicht mehr an, ob man es drahtlos laden kann. Ja, fast jedes Handy der gehobenen Preisklasse lässt sich laden, ohne ein Kabel einstecken zu müssen. Selbst Apple ist seit über einem Jahr dabei.

Mit dem Markteintritt von Apple ist einmal mehr passiert, was immer passiert, wenn der Apfel-Konzern auf eine neue Technologie setzt: Was vorher noch Nischenphänomen und etwas für Tech-Fans war, wird massentauglich.

Seit über einem Jahr lädt der Autor sein Smartphone und alle Testgeräte zu Hause und im Büro drahtlos. Egal ob iPhone oder Galaxy, endlich ist Schluss mit dem Kabel-Chrüsimüsi. Von den aktuellen Top-Geräten fehlt einzig dem Huawei P20 Pro die Lade-Funktion.

Kein Genusche mehr

Statt vor dem Schlafengehen jedes mal im Halbdunkel nach dem Kabel zu suchen, legt man das Handy nun einfach auf eine Unterteller- oder Hockey-Puck-grosse Scheibe. Je nach Hersteller zeigt ein kleines LED-Licht, dass das Handy geladen wird. Manche Hersteller setzen auch auf aufwendige LED-Beleuchtungen. Ein Unding. Gerade wenn man das Ladegerät im Schlafzimmer hat. Es lohnt sich daher, vor dem Kauf zu prüfen, was für Lichter in der Ladestation eingebaut sind.

Drahtlosladedocks kosten irgendwo zwischen fast nichts und 150 Franken. Während die meisten auf das Unterteller-Design setzen, gibt es auch manche, in die man das Handy fast senkrecht stellen kann. Entsprechende Geräte, etwa von Samsung oder Logitech, haben den Vorteil, dass das Entsperren per Gesichtserkennung auch im Ladedock funktioniert. Liegt das Handy nämlich flach auf dem Tisch, erkennen die Kameras keine Gesichter. Darum eignen sich solche angewinkelten Designs besonders fürs Büro.

Ladeakkus für die Ferien

Für unterwegs gibt es sogar Ladedocks mit eingebautem Akku. Der Drahtloslade-Akku von Ravpower hat sich auf dem Nachttisch im Hotel bewährt, im Flieger oder in der Tasche zeigt er jedoch einen entscheidenden Nachteil des drahtlosen Ladens. Das Handy muss immer in Kontakt mit dem Ladedock bleiben. Mit dem Handy am Kabel kann man auch mal ein Telefonat führen oder schnell was nachschauen. Sobald man das Smartphone dagegen vom Ladedock nimmt, ist Schluss mit Strom.

Denn im Prinzip funktionieren alle diese Docks wie die Ladestation einer elektrischen Zahnbürste. Eine Spule im Ladegerät erzeugt aus Strom ein elektromagnetisches Feld. Die Spule im Handy wandelt das dann wieder in Strom um. Theoretisch wären so auch grössere Distanzen denkbar. Aber aktuell reicht es gerade mal für ein darauf platziertes Handy mit Hülle.

Wenn das Handy abrutscht

Es ist dabei entscheidend, dass man sein Handy richtig auf der Ladespule platziert. Hier kommen wieder die LEDs und Anzeigen auf dem Handybildschirm zum Einsatz. Sie sollen verhindern, dass man das Handy schlufig aufs Ladedock legt und am nächsten Morgen eine böse Überraschung erlebt. Dem Autor ist es im vergangenen Jahr vielleicht dreimal passiert, dass sich das vermeintlich voll geladene Handy am Morgen nicht starten liess, da es nicht geladen wurde.

Besonders gefährdet sind Handys mit glatten und gewölbten Rückseiten auf Ladegeräten, die ebenfalls sehr glatt sind. Da reicht schon ein SMS mit Vibrations-Benachrichtigung, und schon rutscht das Handy ein paar Millimeter oder Zentimeter aus der idealen Ladeposition.

Aus dem Grund ist auch bei vertikalen Ladedocks Vorsicht geboten. Bei flachen Ladematten kann man das Handy immer irgendwie so drauflegen, dass sich die zwei Ladespulen nahe kommen. Bei vertikalen Docks ist das nicht immer möglich. Insgesamt hat sich im vergangenen Jahr drahtloses Laden als bequemer herausgestellt als per Kabel, das der Autor nur noch in Ausnahmefällen, etwa auf Reisen nutzt. Gerade im Büro kommt das Handy nun häufiger aufs Ladedock als früher ans Kabel. So reicht der Akku jeweils komfortabel für die Heimreise und gut bis Mitternacht.

Schnell genug

Aber wie ist es mit dem Ladetempo. In einem nicht wissenschaftlichen Test mit dem Galaxy Note 9 und dem iPhone XS Max dauerte es auf Geräten verschiedener Hersteller etwas zwischen einer Viertelstunde und 20 Minuten, um den Akkuladestand um 10 Prozentpunkte zu erhöhen. Zum Vergleich: Ein Kabel mit einem guten Netzteil schafft das in unter 10 Minuten. Die in die Jahre gekommenen Kabel und Netzteile am Arbeitsplatz des Autors brauchten aber auch bis zu 20 Minuten, um dieselbe Ladung aufs Handy zu bringen.

Doch im Alltag spielt Tempo, das zeigt die eigene Erfahrung, kaum eine Rolle. Wer über Nacht lädt, den interessiert es nicht, ob das Handy nun um 1 oder erst um 4 voll geladen ist. Und im Büro braucht man Turbo-Laden auch nicht, wenn man das Handy mit etwas Routine immer auf die Ladematte statt auf den Tisch legt.

Gefahr für den Akku?

Beim drahtlosen Laden taucht immer wieder die Frage auf, ob der Akku nicht darunter leide. Die Hersteller freilich verneinen einen solchen Effekt und verweisen auf die intelligente Software. Die Reparaturspezialisten von iFixit erklärten diesen Frühling, dass eher die Art, wie man sein Handy nutzt, als wie man es lädt, einen Einfluss auf die Akkugesundheit habe. Dazu käme, dass beim drahtlosen Laden keine Kabel und Ladebuchsen ausgeleiert würden.

Bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa habe man dazu noch keine Untersuchungen durchgeführt, heisst es auf Anfrage. Im eigenen Alltag deutet allerdings auch nichts darauf hin, dass das Handy nach einem Jahr Drahtlosladen Schaden genommen hätte. Gefahr bestünde einzig bei billigen, nicht zertifizierten Ladegeräten, warnt die Industrievereinigung hinter dem Qi-Standard. Das gilt allerdings für Kabelladegeräte genauso.

Apropos Kabel: So praktisch der einheitliche Drahtlosladestandard ist, so uneinheitlich präsentieren sich die getesteten Ladegeräte, wenn es um die Verbindung zur Steckdose geht. Riesige Netzteile und proprietäre Stecker trüben den Eindruck und zeigen, dass es eben nur fast kabelloses Laden ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2018, 16:07 Uhr

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