Eine kluge Uhr, aber eine Hand zu wenig

Smartwatches wurden in hohen Tönen angekündigt. Revolutionär sind sie nicht.

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Sie waren der Stolz der Primarschulzeit: Digitaluhren. Möglichst viele Funktionen mussten sie haben. Je klobiger, umso besser. Was sie genau konnten, wusste man zwar nur im Ansatz, aber um ein Tiefdruckgebiet vorherzusagen, die Mondphase zu bestimmen oder gelegentlich den Fernseher im Schulzimmer einzuschalten, dafür reichte es. Dann kamen die Handys, und die Digitaluhren wurden langweilig.

Doch die Uhren sind noch nicht am Ende. Die Zeitmesser sind zurück auf den Plakatwänden und heissen neu Smartwatches. Die zwei prominentesten Modelle kommen aktuell von Samsung (Galaxy Gear, ab 320 Franken) und Sony (Smartwatch 2, ab 170 Franken). Beide verbinden sich per Funk mit dem Handy und dienen als Zweitbildschirm. Sie informieren über neue SMS, melden, wenn E-Mails eingetroffen sind, und lassen sich mit Apps beliebig erweitern.

Das Modell von Samsung ist etwas eleganter, hat eine Kamera und kann auch telefonieren. Dafür lässt es sich nur mit den aktuellsten Samsung-Geräten verwenden. Das Modell von Sony lässt sich auch mit Android-Geräten anderer Hersteller verbinden, ist wasserdicht und hat den besseren Akku. Dafür hat es kein Mikrofon und kann nicht als Freisprecheinrichtung verwendet werden.

Was beide Geräte versprechen, das halten sie auch. Die Touchscreens reagieren flott, und selbst die Freisprecheinrichtung erfüllt ihren Zweck. Ob die smarten Uhren tragbar sind, ist wie bei jeder anderen Uhr auch Geschmackssache. Das Problem beider Smartwatches ist ein anderes: die Idee.

Mut zur Lücke

Nach anfänglicher Begeisterung darüber, dass alles erstaunlich gut funktioniert, kommt früher oder später die Ernüchterung. Alles, was man mit der Uhr kann, kann man mit dem Smartphone besser und eleganter. Besonders deutlich wurde das neulich im vollen Tram, als die Uhr am Arm wie wild zu vibrieren begann. Ein SMS war eingetroffen. Doch die Meldung liess sich auf der Uhr nicht anklicken, da die rechte Hand eine schwere Tasche hielt. Die einzige freie Hand war die mit der Uhr dran. Es blieb nur eine Lösung: der Griff mit der freien Hand nach dem Handy, denn das lässt sich problemlos mit einer Hand bedienen. Bei Smart-Uhren dagegen ist eine Hand immer zur Untätigkeit verdammt – sofern man die Uhr nicht auszieht.

Kommt dazu, dass die Smartwatches nicht sonderlich smart und eben doch nur Zweitbildschirme sind. Ohne das Handy geht nichts. Die Galaxy Gear meldet zum Beispiel nur, dass ein Mail angekommen sei. Wenn man es lesen möchte, könne man das auf dem Handy tun. Immerhin öffnet die Uhr auf Knopfdruck die Mail-App auf dem Handy. Wirklich zu Ende gedacht ist das nicht.

Als nette Spielereien taugen beide Uhren vorzüglich. Damit Smart-Uhren aber eine reelle Chance auf dem Massenmarkt haben, müssen sie deutlich schlauer werden. Sie müssen dem Nutzer immer einen Schritt voraus sein. Gleichzeitig müssen sie noch einfacher zu bedienen sein. Das Smartwatch-Rennen dürfte am Ende nicht der gewinnen, der die meisten Funktionen in eine Uhr stopft, sondern der, der am mutigsten Funktionen weglässt.

Erstellt: 11.11.2013, 11:10 Uhr

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