Hintergrund

Einfache Handys haben es schwer

Nicht jeder braucht das neuste Smartphone: Ältere Nutzer etwa stellen andere Ansprüche an ein Mobiltelefon. Obwohl die kaufkräftigen «Golden Agers» gemeinhin heftig umworben werden, fristen Seniorenhandys ein Nischendasein.

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Alles redet von den neusten Smartphone-Flaggschiffen, den iPhones, Galaxys und Lumias dieser Welt. Auf Web­foren wird eifrig darüber gestritten, welche Plattform die besten Apps, den tollsten Bildschirm oder die Kamera mit der grössten Auflösung hat. Oder wer wem welche Ideen abgekupfert hat.

Darob geht manchmal vergessen, dass es einen beachtlichen Teil der Bevölkerung gibt, dem das alles nicht viel bedeutet. Der zufrieden ist mit einem Handy, das telefonieren und SMS versenden kann. Bewusst einfach gehaltene Handys sind längst zum Nischenprodukt geworden.

Eigentlich erstaunt es, dass insbesondere in einer älter werdenden Gesellschaft sogenannte Seniorenhandys kein breites Thema sind. Während Reiseveranstalter, Einrichtungshäuser oder die Gesundheitsbranche die kaufkräftigen Senioren aktiv umwerben, scheint die Technologiebranche sie bisher weitgehend zu ignorieren.

Sogar die spezialisierten Handyhersteller selbst sprechen lieber von «reifen Kunden», um niemandem zu nahe zu treten. Wer möchte denn schon zum alten Eisen gehören und das erst noch öffentlich unterstreichen, indem er ein auffällig simples Handy mit sich herumträgt? Kunden, die damit gar keine Mühe haben, gebe es durchaus, auch wenn sie eher die Ausnahme seien, sagt Walter Buchinger von Emporia. Der öster­reichische Hersteller aus Linz verkauft jährlich rund eine halbe Million seiner bewusst einfach gehaltenen Handys.

Smartphones sind lukrativer

Dass es auf ältere Nutzer zugeschnittene Handys nicht leicht haben, hat vielschichtige Gründe. Die grossen Her­steller verdienen in den letzten Jahren de facto nur noch im Smartphone-­Segment Geld, allen voran Apple und Samsung, die sich den globalen Profit praktisch untereinander aufteilen. Für alle anderen bleiben Brosamen übrig. Apple fokussiert sich jeweils voll auf ein einziges Smartphone-Modell, das für Jung und Alt gleichermassen gut sein soll. Samsung bietet zwar diverse ­Modelle an, lukrativ und strategisch wichtig sind aber vor allem die Galaxy-Smartphones, alles andere ist mehr oder minder Nische. Bei Nokia harzt die Aufholjagd in Sachen Smartphones noch, immerhin sind jedoch die älteren, ein­fachen Modelle (Feature-Phones ohne Apps) bei der reifen Kundschaft weiterhin gefragt, viele halten daran fest.

So sind es praktisch nur KMU, die sich dieser Nische annehmen. Nebst Emporia (www.emporia.eu) gibt es den Anbieter Doro (www.doro.ch) aus Schweden oder die aus der Ascom hervorgegangene Swissvoice (www.swissvoice.net).

Für den Handel und die Telefongesellschaften sind die Smartphones ebenfalls das bessere Geschäft, weil sie damit die teureren Daten-Abos verkaufen können. Wer ein neues Mobiltelefon sucht, aber ohne die Absicht, ein Seniorenhandy zu kaufen, einen Shop von Sunrise, Orange oder Swisscom betritt, wird ihn deshalb höchstwahrscheinlich mit einem Smartphone verlassen.

Für viele mag das sogar ein guter Kauf sein. Eine wichtige Aufgabe des Handys ist die Verbindung über die Generationen hinweg. Und für die Grosseltern ist es oft einfacher, den Draht zu den Enkeln aufrechtzuerhalten, wenn beide ein vergleichbares Handy (sprich: Smartphone) haben und dieselben Apps nutzen können, sei es Facebook oder etwa Path. Und da müssen die Seniorenhandys passen, ebenso bei E-Mail und Web. Telefonieren und SMS/MMS verschicken können hingegen alle.

Dabei sein ist nicht alles

Für andere «Golden Agers» mag ein Smartphone aber tatsächlich Overkill sein. Zu kleine Menüschriften, zu kleine Tasten auf der virtuellen Tastatur oder zu leise Klingeltöne machen ihnen zu schaffen. Doch schliesslich will man auch im fortgeschrittenen Alter dabei sein – bis zu einem gewissen Grad ­stehen sich ältere Nutzer diesbezüglich auch selber im Weg. Der gesellschaftliche Druck auf die Senioren, gefälligst fit und jung daherzukommen, ist in den letzten Jahren ebenfalls gewachsen. Doch wer nur deswegen auf ein Smartphone setzt, tut sich wahrscheinlich keinen Gefallen.

Was uns allen früher oder später zu schaffen macht, ist hinreichend bekannt. Die Augen lassen nach, werden trüber. Die Motorik und Feinfühligkeit der Finger nimmt ab, man wird steifer. Nicht zuletzt lässt auch das Gehör nach, vor allem bei den hohen Tönen. Deshalb verfügen geeignete Seniorenhandys über physische Tasten, die eine gewisse Grösse haben und beleuchtet sind. Das Display sollte nicht zu klein sein, wichtig sind aber vor allem ein guter Kontrast und dass die Menüs und Schriften gross genug und gut lesbar sind.

Hilfe auf Knopfdruck

Das Emporiaclick verfügt über drei prominente Tasten, die mit wichtigen Kontakten belegt werden können. Es enthält eine Kamera und einen Taschenlampen-Modus, beide sind über gut erreichbare Tasten auf der Seite zugänglich.

Auf der Rückseite gibt es ausserdem eine Notruftaste. Wenn man diese drei Sekunden lang gedrückt hält, werden nacheinander bis zu fünf zuvor festgelegte Telefonnummern angerufen. Bei privaten Anschlüssen wird eine Minute klingeln gelassen, bevor die nächste probiert wird, bei Notrufnummern wie der Polizei klingelt es so lang, bis sich jemand meldet. Kann man nicht mehr sprechen, sieht man am anderen Ende der Leitung zumindest die betroffene Rufnummer. Ortungsdaten werden hingegen keine übermittelt, denn die aktuellen Modelle enthalten kein GPS-­Modul. Das Telefon schaltet ausserdem auto­matisch in den Freisprech-Modus, damit man auch noch kommunizieren kann, wenn man beispielsweise gestürzt ist. Vom Design her sieht es aus wie ein etwas in die Jahre gekommenes Klapphandy. Zugeklappt auf dem Tisch wirkt es aber keineswegs wie ein ödes, schnödes Seniorenhandy, für das man sich schämen müsste.

Den Druck, smarter zu werden, kennen aber auch Hersteller wie Emporia. So entwickelt man derzeit ein Modell, das einfach zu bedienen ist, gleichzeitig aber gewisse Internetfunktionen bietet, etwa simple Websites anzeigt. Es enthält auch eine Lösung, mit der man Fotos mit anderen Handy­nutzern einfacher teilen und gemeinsam betrachten und kommentieren kann. Es soll im Lauf des kommenden Jahres erscheinen.

Erstellt: 17.09.2012, 07:44 Uhr

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