«Nur Ingenieure und Tech-Fans wollen Technologie auf dem Körper tragen»

Technologie in Kleidern und auf dem Körper – wo stehen wir? Einer, der es wissen muss, gibt Auskunft.

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Herr Hutchings, Technologie auf den menschlichen Körper zu bringen, ist schwierig. Sie machen es seit Jahren. Wie?
Ausser Ingenieuren und Tech-Fans will niemand Technologie auf seinem Körper tragen. Wir versuchen, entweder schöne oder unscheinbare Sachen zu machen: Sachen, die man gerne anschaut oder die man nicht wahrnimmt.

Was sind die grössten Hürden?
Bei unserer Activité-Uhr war die grösste Hürde, dass die Leute solche Wearables nie lange tragen und sie bald vergessen. Der Hauptgrund dafür ist, dass man diese Geräte ständig laden muss. Menschen sind es sich nicht gewohnt, einen Gegenstand, den sie täglich tragen, immer wieder aufladen zu müssen.

Und die weiteren Gründe?
Leute langweilen sich schnell mit kurzlebiger Technologie. An Uhren haben wir uns seit Jahrzehnten gewöhnt. Wir tragen sie nicht, weil sie viel bieten, sondern weil sie schön sind. Und man sieht die Zeit, ohne einen Knopf zu drücken oder eine Geste zu machen. Wenn einem das mal klar ist, muss man sich überlegen, wie man die Technologie mit dem Uhrwerk kombiniert, ohne dass ein Sandwich von einem Produkt entsteht: ein klumpiges und dickes Gerät.

Die Activité-Uhr hat einen Bewegungssensor. Was für andere Biodaten interessieren Sie?
Withings hatte schon immer das Ziel, vernetzte Gesundheitsgeräte zu machen. Wir haben Geräte, die Schlaf, Blutdruck und Gewicht messen, und in der Zukunft kommen noch mehr dazu. Ich kann natürlich nichts Genaues verraten, aber wir werden optische Sensoren sehen, die unser Blut analysieren, ohne dass man eine Blutprobe nehmen muss.

Die Auswahl an Smartwatches wächst ständig. Gibt es eine, die Sie tragen würden?
Das sind alles Modelle der ersten Generation, ziemlich dicke Tech-Geräte. Ich sehe weder ein Killer-Design noch eine Killer-App.

Die Akkulaufzeit ist ein Problem. Wie lange müsste eine ideale Smartwatch durchhalten?
Alles unter sechs Monaten ist mühsam. Gerade wenn man reist oder in den Ferien ist.

Ihre Firma hat es dank des eleganten und praktischen Designs fertiggebracht, eine Internetkamera in meine Wohnung zu bekommen, obwohl ich bei Kameras prinzipiell paranoid bin. Was war ihre Idee hinter der Home-Kamera?
Wir wollten eine einfache Kamera, die man als Babymonitor brauchen kann – ob nun im Nachbarzimmer oder am anderen Ende der Welt. Wenn eine Kamera einfach genug ist, um als Babymonitor zu funktionieren, dann taugt sie auch für alle anderen Belange. Und man muss dem Gerät vertrauen können, denn es filmt die eigenen Kinder.

Wie wichtig ist das Design?
Sehr. Das Gerät ist nicht für Kinder gedacht, sondern für die Eltern. Es ist darum kein Teddybär mit einer versteckten Kamera drin.

Wie schwierig ist es als französische Firma, mit den Grossen wie Fitbit, Apple und Google zu konkurrieren?
Ich würde es nicht konkurrieren nennen. Klar, Fitbit ist Marktführer bei Trackern. Aber wir haben einen anderen Ansatz: Wir wollen keine Tracker machen, sondern Alltagsgeräte wie die Uhr. Unsere Activité-Uhr mit der automatischen Schwimm- und Renn-Erkennung ist in einer Kategorie für sich, zwischen Tracker und Smartwatch.

Und wie ist es mit den wirklich Grossen: Google und Apple?
Wenn Apple in ein neues Geschäftsfeld einsteigt, ist das interessant für alle, die schon drin sind. Es schafft Aufmerksamkeit und erschliesst neues Publikum jenseits der technikbegeisterten Fans. Natürlich konkurrieren wir nicht mit der Apple Watch, was Funktionen angeht. Aber klar, wir konkurrieren ums Handgelenk – jeder Mensch hat nur zwei davon. Aber ich glaube nicht, dass die aktuellen Smartwatches den Otto Normalverbraucher interessieren. Deswegen haben wir eine Chance. Die Gesundheit interessiert fast alle.

Nicht Krankheiten zu heilen, sondern die Gesundheit zu fördern, ist der Ansatz.
Prävention war immer auf Verboten aufgebaut: Man darf dies nicht und jenes schon gar nicht. Mit Trackern, wie der smarten Waage, sieht jeder für sich selbst, was gut für ihn ist und was nicht.

Ich sehe den Einfluss von Jetlag auf meinen Ruhepuls.
Ja. Solche Informationen können sehr motivierend sein.

Motiviert wird auch mittels Gamification: Wer viele Schritte macht, bekommt eine Auszeichnung.
Es gibt viele Theorien dazu, was uns motiviert. Wettbewerb, Ziele zu erreichen ... Manchen helfen auch Gruppenziele, die sie mit anderen erreichen wollen, wie man bei den Weightwatchers sieht. Weil nicht jeder Motivator alle gleichermassen anspricht, ist es wichtig, dass man sehr offen ist.

Zurück zu den grossen Firmen. Wollte eine davon Withings schon mal aufkaufen?
Ich darf dazu natürlich nichts sagen. Aber wir haben gute Kontakte zu Apple und Google. Mit Apple haben wir einen guten Partner bei den Health-Produkten: In jedem Apple Store wird unsere Waage verkauft. Auch bei Apple Health waren wir früh dabei und haben unsere Daten integriert.

Apple ist aber auch dafür bekannt, dass ehemalige Partner aus den Stores entfernt werden, wenn Apple selbst ein ähnliches Produkt anbietet.
Ich wäre sehr überrascht, wenn Apple eine Waage oder einen Blutdruckmesser herstellen würde. Aber klar, die Activité-Uhr ist nicht im Apple Store erhältlich. Trotzdem machen wir uns keine Sorgen.

Würden Sie Ihre Firma verkaufen?
Das steht nicht zur Debatte. Letzten Juni haben wir unseren siebten Geburtstag gefeiert. Seither ist die Aufmerksamkeit für unseren Bereich stark gestiegen. Unsere Vision besagt, dass es eine Vermischung von Konsumenten- und Gesundheitsprodukten geben wird. Wir sprechen mit Gesundheitsunternehmen über Datenauswertungsmöglichkeiten. Und wir sehen, dass es nur wenige Player gibt, die in beiden Bereichen mit beiden Füssen auf dem Boden stehen.

Wir hatten letzte Woche eine Tages-Anzeiger-Konferenz zum Thema E-Health. Ich habe da gesagt, dass die ganze Branche noch am Anfang steht – ähnlich wie das Internet in den 90ern. Jemand sparch gar vom Mittelalter. Was sagen sie, wo befinden wir uns aktuell?
Wir stecken auf jeden Fall noch in einer frühen Phase. Bei grossen Umwälzungen folgt immer auf die erste Welle eine noch viel grössere. Ich weiss jedenfalls nicht, was Google und Facebook planen. Facebook hat das Thema erst kürzlich entdeckt. Uns ist daran gelegen, dass wir Produkte machen, die die Leute haben wollen, und dass wir selber Daten auswerten können. Wenn man das nicht selbst macht, steht man auf wackligen Beinen.

Sie werten alle gesammelten Daten selber aus?
Wir haben ein Team mit Datenwissenschaftlern aufgebaut. Wir entwickeln unsere eigenen Tools. Darum müssen wir das nicht auslagern.

Also alles intern?
Ja. Ausser die Datenhaltung. Dafür nutzen wir auch externe Datenzentren. Wenn unser Schlafsensor Daten hochlädt, werden sie auf unserer Plattform ausgewertet und in der App dargestellt. Wir lernen daraus und können unsere Algorithmen anpassen. Da wir selbst über die Daten verfügen, können wir kontrollieren, ob unsere Theorien stimmen, und sie anpassen und präzisieren.

Was machen Sie mit den Daten?
Wir sind in einem innovationsgetriebenen Business tätig. Wir behaupten nicht, schlauer zu sein als andere, aber wir arbeiten hart. Auf unserem Gebiet kann man nichts machen, was andere nicht auch könnten. Doch je mehr Daten man hat, desto grösser ist der Vorteil.

Sie wissen, wie viel Sport mein Redaktionskollege treibt und wann mein Sohn aufwacht. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Ich selbst weiss das natürlich nicht – aber ich verstehe die Frage. Wir orientieren uns am amerikanischen HIPAA-Standard, der die Verarbeitung und Weitergabe von Gesundheitsdaten regelt. Wir erfüllen heute noch nicht alle Anforderungen des Standards, aber wir nutzen ihn als Wegweiser.

Können Sie konkreter werden?
Ich gebe ihnen ein Beispiel: Wenn uns jemand meldet, dass die von seiner Waage erhobenen Daten nicht in der App sichtbar sind, müssen wir uns das anschauen können. Doch es gibt strikte Regeln, und ein einfaches Passwort reicht nicht. Der Zugriff ist nur mit einem Support-Ticket möglich, und er wird registriert. Die grösste Gefahrenquelle liegt im Unternehmen. Wenn eine Firma gehackt wird, ist das ein grosses Medienthema. Doch viel gefährlicher sind interne Vorfälle, wenn Leute an Daten gelangen, die sie nicht sehen dürften.

Und wie steht es mit externen Augen? Dürfen Werbefirmen oder Forscher Ihre Daten sichten?
Werbefirmen kriegen keinen Zugang. Wir geben aber gelegentlich auf Projektbasis anonymisierte Daten an Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Wenn man mal anfängt Daten zu sammeln, zieht das allerhand Interessenten an. Wie gehen sie mit staatlichen Anfragen um? Will etwa die Polizei Zugriff auf ihre Kamera um in die Wohnung von möglichen Verbrechern zu gucken?
Das ist bei uns erst einmal vorgekommen. In einem europäischen Lagerhaus wurde eine Palette mit Withings-Produkten gestohlen. Der Käufer schaltete die Polizei ein, und diese wollte informiert werden, sobald die gestohlenen Geräte aktiviert werden würden. Es stellte sich heraus, dass ein Lagerhaus-Mitarbeiter der Dieb gewesen war.

Andere Firmen sagen aus dem Grund sie verkaufen lieber Geräte als sich mit sowas herumzuschlagen.
Man kann auch übervorsichtig sein. Wir setzen auf volle Transparenz. Wir waren die ersten mit einer WLAN-Waage. Es gab aber eine ähnliche Firma, die eine Bluetooth-Waage hatte. Bei der konnte man über einen Adapter die Gewichtsdaten an den PC senden, Smartphones oder Tablets gab es damals noch nicht. Wir boten demgegenüber einen Mehrwert, weil wir die Daten aufbereiten und managen konnten. Das selbst zu machen, ist den Kunden zu mühsam.

In der Schweiz gibt es Bestrebungen, ein Recht auf eine Kopie im Gesetz zu verankern. Nutzer von Internetdiensten könnten eine Kopie all ihrer Daten verlangen. Hätten Sie ein Problem damit?
Nein. Ohne das Gesetz zu kennen, glaube ich, dass wir es schon befolgen. Wenn Sie wollen, können Sie auf unserer Website Ihre Daten als CSV-Datei herunterladen. Man kann seine Withings-Daten über Schnittstellen in anderen Diensten hinterlegen, aber wer die Daten für sich selbst speichern möchte, kann das tun.

Die Initianten wollen so eine genossenschaftliche Gesundheitsdatenbank erstellen. Da könnte man dann auch das eigene entschlüsselte Genom einlagern. Aber Genetik geht dann doch etwas weit für Sie.
Genau. Aber es ist wichtig, dass wir solche Projekte ermöglichen. Wir dürfen es einfach nicht zur Pflicht machen. Denn den meisten Leuten ist es zu kompliziert, das selbst zu machen. Die zuvor erwähnte Bluetooth-Wage würde die Anforderung zwar erfüllen, aber viel zu wenig Nutzer finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2015, 15:38 Uhr

Cédric Hutchings hat das französische Technologieunternehmen Withings 2008 gegründet und ist seither CEO. Das Unternehmen produziert unter anderem smarte Waagen, Uhren und Kameras.

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