Die kleine Geschichte

Facelift für Facetime und Facebook

Mit Videochats und Social Media werden unsere Gesichter omnipräsent. Das beschert der plastischen Chirurgie Zulauf.

Im Video-Chat wirkt die Nase immer etwas zu gross und man wirkt dicker als in natura: Eine Frau kommuniziert mit der Facetime-Funktion ihres iPhones. (Archivbild)

Im Video-Chat wirkt die Nase immer etwas zu gross und man wirkt dicker als in natura: Eine Frau kommuniziert mit der Facetime-Funktion ihres iPhones. (Archivbild) Bild: Keystone

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Jane Jetson, die futuristische Variante von Wilma Feuerstein aus der Zeichentrickserie «Die Jetsons», war bereits vor fünfzig Jahren bestens für die Herausforderungen der modernen Technik gewappnet. Wenn frühmorgens ihr Videotelefon klingelte, setze sie flink ihre Morgenmaske auf, die sie wie aus dem Ei gepellt erscheinen liess, und zeigte sich dem Anrufer. Die Frage «Wie schaffst du es nur, so blendend auszusehen?» liess nie lange auf sich warten.

Wie man das schafft, will Robert K. Sigal, ein Schönheitschirurg aus dem US-Bundesstaat Virginia, nun herausgefunden haben. Doch anders als für die Trickfilmfigur Jane aus den frühen Sechzigern, ist keine Maske die Lösung, sondern sein «Facetime-Facelift», wie er die von ihm entwickelte Prozedur nach der Videoanruf-Funktion des iPhones werbeeffektiv genannt hat. Er reagiere damit bloss auf die Wünsche seiner Kundschaft. Demnach häufen sich bei ihm Anfragen von Leuten, die spezifisch danach verlangen, er möge dafür sorgen, dass sie auf Skype besser aussehen.

Den morgendlichen Blick in den Spiegel können die Leute also noch ertragen. Doch wenn sie sich im Skype-Chat am PC oder während eines Videoanrufs auf ihrem Smartphone sehen, wird ihnen derart mulmig, dass sie sich ernsthaft einen Gang zum Chirurgen vornehmen.

Kleine, weitwinklige Linsen

Dass im Videochat niemand über 25 besonders gut aussieht, daran ist absurderweise weitgehend die Technik schuld. Einerseits kommen sowohl in Computern als auch in Smartphones besonders kleine, weitwinklige Linsen zum Einsatz. Deshalb sieht beispielsweise die Nase immer etwas zu gross aus und man wirkt stets feisser als in natura. Bei den mobilen Geräten kommt erschwerend hinzu, dass man sich oft aus der Hand filmt, also von unten direkt in die Nüstern, was ungefähr der unschmeichelhafteste Blickwinkel ist, mit dem man jemanden ablichten kann. Wer auch nur den Hauch eines Doppelkinns befürchtet, findet sich in seiner Furcht bestätigt und sieht ein grösseres Übel, als in Wahrheit vorhanden ist.

Doktor Sigals Prozedur, die übrigens 10'000 Dollar kostet, widmet sich deshalb auch der Kinnpartie und ist darauf bedacht, dort keine Narben zu hinterlassen. Kinnoperationen haben in den Vereinigten Staaten seit 2010 um über 70 Prozent zugenommen – und das in Krisenzeiten wie diesen.

«Zum knallharten Kampfsport verkommen»

Auch diverse von Sigals Berufskollegen berichten von ähnlichen Beweggründen der Kundschaft: Rund jeden und jede Vierte treiben Videochats in die Schönheitspraxen. Hinzu kommen die omnipräsenten Fotokameras, mit denen sich die Leute selbst und gegenseitig ablichten. Ein Schönheitschirurg aus New York berichtet, dass ihm vier von fünf Kundinnen ein Foto von sich auf ihrem Mobiltelefon mit den Worten «Sehen Sie das? Genau das stört mich!» unter die Nase halten. Und weil so manches Bild innert Sekunden mit der Welt geteilt wird, etwa via Facebook, steigt der Druck, gut auszusehen, noch stärker.

«Selbstdarstellung ist zum knallharten Kampfsport verkommen»: Zu diesem Schluss gelangt deshalb die Newswebsite betabeat.com. Die Leute zeigen immer mehr von sich, teils freiwillig und direkt, teils indirekt und unfreiwillig durch die Fotobeiträge anderer. Nicht alle haben das Selbstvertrauen, auch die – komplett unvermeidbaren – weniger vorteilhaften Schnappschüsse einfach wegzustecken. Unser Selbstbild ist immer weniger vom Spiegel geprägt und immer stärker von Fotos und Videos. Und durch Social Media verkörpern diese darüber hinaus, wie andere uns sehen, was ihnen ein noch grösseres Gewicht verleiht.

Damit hat eine Sorge, die bisher nur Schauspieler und Moderatoren beschäftigt hat, den Rest der Bevölkerung erreicht. Die Angst, dass einen die Kamera nicht liebt und schlecht aussehen lässt, gehört nun allen. Doch vielleicht wäre Jane Jetsons Maske dann doch die bessere Lösung als das Skalpell.

Erstellt: 15.07.2012, 13:56 Uhr

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