Handyrebellion im hohen Norden

Ehemalige Nokia-Angestellte erwecken ein tot geglaubtes Betriebssystem zu neuem Leben. Für den Nokia-Chef und ehemaligen Microsoft-Manager Stephen Elop wird die Luft derweil immer dünner.

«Das beste Smartphone der Welt»: Jolla-Chef Jussi Hurmola lobt das Meego-Smartphone Nokia N9.

«Das beste Smartphone der Welt»: Jolla-Chef Jussi Hurmola lobt das Meego-Smartphone Nokia N9. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Nokia N9 ist das einzige Finnen-Smartphone mit Meego. Die Handysoftware ist ein von Intel und Nokia entwickeltes Open-Source-System. Die Android- und iOS-Alternative geniesst, obwohl erst seit 2011 auf dem Markt, nicht nur bei iPhone-Müden Kultstatus.

Mit der Kooperation zwischen Nokia und Microsoft respektive der daraus resultierenden Windows-Phone-Produktpalette wurde das Linux-basierte Betriebssystem allerdings kaltgestellt. Nun haben Jussi Hurmola und Marc Dillon in einer Pressemitteilung angekündigt, Meego aufzutauen. Laut den beiden ehemaligen Nokia-Mitarbeitern wird bereits seit Ende 2011 am Meego-Nachfolger namens Jolla gearbeitet. Noch dieses Jahr sollen entsprechende Smartphones auf den Markt kommen.

Das grösste Manko: Zu wenig Apps

Für Hurmola, der als Jolla-Mobile-Geschäftsführer amtet, stellt das N9 nichts anderes als «das beste Smartphone der Welt» dar. Laut Hurmola besteht das Jolla-Team aus «Direktoren und wichtigen Mitarbeitern aus Nokias Meego-N9-Sparte, zusammen mit einigen der besten Meego-Entwicklern aus der Gemeinschaft». Das Projekt Meego verdiene es, fortgesetzt zu werden. Zusammen mit internationalen Investoren und Partnern werde Jolla «neue Meego-basierte Smartphones konzipieren, entwickeln und verkaufen».

Ob sich allerdings genügend Kunden für das Jolla-Produkt finden werden, ist mehr als fraglich: Anders als Multimedia-Handys mit iOS- und Android-Software gibt es für Meego-Hardware zu wenig Applikationen.

Unabhängig von der Beantwortung der Frage nach der längerfristigen Zukunft von Jolla scheint die Zukunft von Meego gesichert: Seit längerem ist bekannt, dass Intel das OS unter dem Projektnamen Tizen weiterentwickelt. Im Juni verkündete Samsung, nicht nur auf das Standbein Android setzen, sondern auch auf Tizen setzen zu wollen. Noch dieses Jahr, so die Ankündigung aus Südkorea, wird der weltgrösste Handyhersteller ein Smartphone auf Basis des Tizen-OS lancieren.

Samsung – weg von Android?

Beobachter interpretieren diesen Schritt als Versuch, die Abhängigkeit von Android-Hersteller Google zu minimieren. Das Know-how dazu hat Samsung in jedem Fall, ist doch bereits das eigene (erfolglose) Handybetriebssystem Bada ein Linux-System. Die Strategie birgt allerdings grosse Risiken, basiert der Aufstieg Samsungs zur Nummer 1 im Handymarkt doch auf der Beliebtheit seiner Android-Galaxy-Reihe.

Und Nokia? Der einstige Handyprimus wird am Mittwoch die Halbjahreszahlen präsentieren. Nach der kürzlichen Bekanntgabe von Massenentlassungen, einem Verlust von 1 Milliarde Euro im ersten Quartal 2012 und der mehrmaligen Herabstufung der Aktie wäre es schon positiv, wenn der angezählte Mobile-Konzern keine weiteren Schocknews nachreichen würde.

Ex-Apple-Manager gegen Stephen Elop

Sonst müssten die Aktionäre vielleicht doch noch auf die Forderung von Jean-Louis Gassée zurückkommen. Der ehemalige Apple- und HP-Manager hat unlängst in einem Interview die Entlassung von Nokia-Chef Stephen Elop und des gesamten Verwaltungsrats gefordert: Elop habe «keine Erfahrung, was für einen Smartphone-Hersteller wichtig ist. Und was ist seine Erfahrung im Management von Lieferketten? Null!»

Setzt sich der Abwärtstrend fort, könnte Microsoft sogar in Versuchung kommen, Nokia zu übernehmen. Dies jedenfalls prognostiziert der deutsche App-Spezialist Ralf Rottmann: «Vielleicht haben sie (die Microsoft-Manager, Red.) den Mut und sagen, wir machen das nicht mehr. Wir bauen in Zukunft eigene Windows-Phones und kaufen dafür Nokia. Dann hat das Unternehmen eine echte Chance.»

Das Apple-Modell kopieren?

Kopiere Microsoft das Apple-Modell, habe der Windows-Hersteller ausgesorgt: «Apple kopiert auch von sehr erfolgreichen Modellen – vom Design bis zu allem anderen. Niemand diktiert Microsoft, was es in der Telefonie und im Mobile-Geschäft machen muss.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.07.2012, 16:17 Uhr

Artikel zum Thema

Moody's stuft Nokia auf «Ramsch» herab

Ein Tag nach Nokias Ankündigung, 10'000 Stellen zu streichen, hat die Ratingagentur die Bonität des Handy-Herstellers von Ba1 auf Baa3 gesenkt. Mehr...

Nokia baut 10'000 Stellen ab

Der kriselnde finnische Elektronikkonzern hat bekannt gegeben, wie er an seine einstige Vormachtstellung anschliessen will. Bis Ende 2013 gehen 10'000 Jobs verloren. Mehr...

Nokia kämpft mit Billighandys um Schwellenländer

Telekommunikation Helsinki Nokia kämpft mit neuen Billighandys um die Kunden in Schwellenländern. Mehr...

So funktioniert Meego


Im Test: Das Nokia N9. Quelle: Youtube/Golem.de

Bildstrecke

Mit Windows 8 aus der Krise?

Mit Windows 8 aus der Krise? Nokia wird einem Bericht zufolge am 5. September ein Multimedia-Handy mit dem neuen Betriebssystem Windows 8 lancieren.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...