Interview

«Ich will das Comeback miterleben»

Michael Gubelmann, Geschäftsführer von Nokia Alps, über seine Treue zu den Finnen und deren neuste Smartphones.

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Nokia hat zwei schwierige Jahre hinter sich, und noch ist nicht alles überstanden. Wie haben Sie es geschafft, den Finnen treu zu bleiben?
Ich habe die guten Zeiten erlebt, dann ist es bergab gegangen. Nun will ich auch unser Comeback miterleben – das ist meine Motivation.

In der Branche gibt es selbst seitens der direkten Konkurrenz auffällig viel Mitgefühl für Nokias Schicksal. Kommt das auch bei Ihnen an?
Indirekt. Wir spüren das eher von unseren Partnern, den Netzbetreibern und dem Handel. Da besteht immer noch eine grosse Loyalität zu uns, auch zu den neuen Geräten. Wir hören von diversen Seiten, dass es schön wäre, wenn wir «wieder dabei wären».

Wie erklären Sie sich das?
Wir waren stets fair, auch als es gut lief, und sind nie arrogant aufgetreten.

Wo stünde Nokia heute, wenn man Anfang 2011 statt auf Windows Phone auf Android gesetzt hätte?
Das ist schwierig zu beurteilen. Unser grösster Trumpf nebst der Hardware – unsere Mitgift in die Partnerschaft mit Microsoft – sind unsere Karten- und Navigationsdienste. Die hätten wir bei Google sicher nicht einbringen können.

Aber Windows Phone war bisher vor allem ein Hemmschuh: Beim Lumia 800 war die Software noch nicht hundertprozentig ausgereift, und es gab deutlich zu wenig Apps. Beim Lumia 900 hat die fehlende Upgrade-Möglichkeit auf Windows Phone 8 die Käufer abgeschreckt.
Der Marktanteil von Windows Phone ist vielversprechend, gemessen daran, wie jung die Plattform ist. Android ist auch nicht über Nacht so gross geworden. Und das Feedback unserer Kunden ist sehr gut, wir haben eine Wiederempfehlungsrate von über 90 Prozent.

Windows Phone 8 bringt Nokia wieder auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Warum ist es noch nicht zu spät?
Der Smartphone-Markt wächst weiterhin, unsere Marke ist immer noch beliebt. Und es wird oft vergessen, dass es eine beachtliche Zahl von Kunden gibt, die noch kein Smartphone haben. Weltweit haben wir im letzten Quartal 77 Millionen Feature-Phones verkauft. Wenn diese Kunden dereinst ihr erstes Smartphone kaufen, können sie Nokia treu bleiben.

An der IFA hat Samsung das erste Windows-Phone-8-Smartphone angekündigt und Nokia die Show gestohlen. Nun kommt HTC mit der Lancierung in der Schweiz zuvor. Wie sehr ärgert Sie das?
Gar nicht. Jeder Anbieter, der auf Windows Phone setzt, ist gut für die Plattform. Und ob jemand ein paar Tage oder Wochen vorher lanciert, stört uns nicht.

Haben Sie das neue HTC Windows Phone 8X schon gesehen? Es ist leichter und dünner als Nokias neues Flaggschiff. Warum sollen sich Kunden dennoch für das Lumia 920 entscheiden?
Wer lieber ein leichteres Gerät will, kann unser Lumia 820 kaufen. Im 920er ist einfach alles drin, etwa drahtloses Laden, die derzeit beste Kamera oder ein 4,5-Zoll-Bildschirm.

Die Schweiz galt lange als treues Nokia-Land. Nun scheint es, dass wir kein Top-Nokia-Markt mehr sind. Neuheiten werden anderswo zuerst lanciert. Wie ist diese Entwicklung zu erklären?
Das täuscht, wir haben schon früher Neuheiten in der zweiten Lancierungswelle erhalten. Die Schweiz ist weiterhin ein wichtiger und attraktiver Markt für Nokia.

Ist Nokia überhaupt noch eine finnische Firma? Seit Stephen Elop, ein Ex-Microsoft-Mann, am Ruder ist, wirkt bei Ihnen alles sehr amerikanisch.
Wir sind nach wie vor finnisch, die interne Firmenkultur hat sich nicht verändert. Was deutlicher nach aussen dringt, ist dieser Drang, wieder zu gewinnen. Mehr Ehrgeiz.

Von aussen scheint es jedoch, als sei Nokia zur Hardware-Abteilung von Microsoft verkommen.
Das sehen wir nicht so. Und selbst wenn es so wäre – das wäre gar nicht so negativ. Wir kooperieren in der Schweiz und in Österreich sehr eng und sehr professionell mit Microsoft.

Microsoft hat mit dem Surface ein eigenes Tablet lanciert. Nun gibt es Hinweise, dass Redmond sogar ein eigenes Smartphone entwickelt. Wie sehr beunruhigt Sie das?
Gerüchte kommentieren wir nicht. Aber Bauchweh habe ich deswegen nicht. Wie gesagt: Je mehr Hersteller sich zu Windows Phone bekennen, umso besser ist das auch für uns.

Mehrere Jahre vor dem iPad gab es ein Nokia-Linux-Tablet – es wurde kein Erfolg. Bringt Nokia nun bald ein Windows-8-Tablet?
Wenn wir eines bringen würden, müsste es etwas ganz Spezielles sein, etwas, das es so noch nicht gibt. Bloss ein weiteres Tablet unter vielen anzubieten, interessiert uns momentan nicht. Aber wir beobachten diesen Markt weiterhin.

Aber der Tablet-Markt ist noch nicht so festgefahren und überfüllt wie jener der Smartphones.
Das sehen wir nicht so. Es buhlen etliche Tablet-Anbieter um Kundschaft, aber nur wenige Tablets werden wirklich gut verkauft. Wir konzentrieren uns bewusst auf Smartphones.

Europa ist als Technologiestandort eher trist im Vergleich zu den USA oder Fernost. Warum eigentlich?
Nokia gibt immer noch sehr viel Geld aus für Forschung und Entwicklung, und das geben wir hier in Europa aus.

Abgesehen von Nokia gibt es aber keinen europäischen Handyhersteller mehr. Es gibt keine europäische Suchmaschine, kein PC-Betriebssystem und keinen PC-Hersteller.
Das ist tatsächlich so. Warum das so ist, kann ich nicht erklären.

Erstellt: 20.11.2012, 08:16 Uhr

Michael Gubelmann ist General Manager von Nokia Alps (Schweiz und Österreich). Er ist seit 2000 beim finnischen Hersteller tätig. (Bild: PD)

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