Analyse

Ist der Tablet-Boom zu Ende?

Ein Experte glaubt, iPad und Co. hätten nach gerade mal vier Jahren schon wieder ausgedient. Unser Autor hält dagegen.

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«Ich war überzeugt, Tablets seien eine dritte Gerätekategorie zwischen Smartphones und Laptops. Ich träumte von Tablet-Apps, die Häuser fernsteuern, die Milliarden von Menschen unterhalten und ihnen bei der Arbeit helfen.» So beschreibt der ehemalige Mobile-Verantwortliche der Filmplattform Netflix, Zal Bilimoria, im Tech-Magazin Recode seine erste Begeisterung für Tablets im Jahr 2011. «Doch jetzt, drei Jahre und 225 Millionen Tablets später, beginne ich zu sehen, wie unangebracht meine Begeisterung war.»

Die Ära der Tablets neige sich, kaum habe sie begonnen, bereits wieder ihrem Ende zu. Die meisten der verkauften Geräte würden auf Nacht- und Sofatischen Staub ansetzen. Bilimoria vergleicht die aktuelle Phase mit jener vor über einem Jahrzehnt, als Microsoft sich erfolglos an Tablets mit Windows XP versuchte.

Kaum Mehrwert

Nach einem kurzen Hype verschwanden diese Mischgeräte aus Laptops und Tablets wieder vom Massenmarkt. Sie hatten die hohen Erwartungen nicht erfüllt und boten den Nutzern kaum einen Mehrwert (Die zweite Vermählung von Laptop und Tablet).

Das wiederhole sich nun. Beim amerikanischen Videostreamingdienst Netflix war Bilimoria als Mobile-Verantwortlicher in einer idealen Position, um dies anhand von Nutzerdaten zu beobachten. Die 2011 lancierte Tablet-App sorgte für deutlich bessere Nutzerzahlen und wurde von Kritikern gelobt.

Doch ein anderer Trend war noch deutlicher. Je besser die Smartphone-Apps wurden, desto mehr Nutzer griffen laut Bilimoria per Handy aufs Netflix-Angebot zu. Basierend auf den Zahlen entschloss sich Netflix, die spezielle Tablet-App einzustellen und mit der Smartphone-App zusammenzulegen.

Grössere Telefone lösen Tablets ab

Denselben Trend könne man im Moment auch bei der Hardware mit den immer grösseren Telefonen beobachten, schliesst Bilimoria sein Argument. Tablet und Smartphone fusionieren, und heraus kommen Smartphones mit Bildschirmdiagonalen jenseits von 12 Zentimetern. Das Riesentelefon als Nachfolger des Tablets?

Tatsächlich scheinen die Riesentelefone nach dem asiatischen Markt auch hierzulande langsam Fuss zu fassen. Selbst Apple, wird immer wieder spekuliert, könnte sich noch dieses Jahr dem Trend anschliessen und ein oder gleich zwei grössere iPhones vorstellen. Aber auch wenn die grösseren Telefone den Tablets Konkurrenz machen, so dürfte dies vor allem die derzeit populären 7- und 8-Zoll-Tablets, wie das iPad mini oder das Nexus 7, betreffen.

Alternative zum Mini-Tablet

Im Alltag ersparen einem Riesen-Smartphones wie das Galaxy Note 3 (5,7 Zoll), das HTC One Max (5,9 Zoll), das Xperia Z Ultra (6,4 Zoll), das Nokia 1520 (6 Zoll) oder das LG G Flex (6 Zoll) in vielen Fällen das Mini-Tablet. Dafür muss man sich damit abfinden, dass diese Telefone nur noch bedingt hosensacktauglich und zum Telefonieren doch arg gross sind.

Wer sein Smartphone aber sowieso nur in der Jacken- oder Handtasche transportiert, gewöhnt sich schnell an die Grösse dieser Telefone. Auf ein iPad mini oder ein Nexus 7 kann man dann ziemlich gut verzichten.

Selbst ein 5-Zoll-Handy macht im Pendleralltag des Autors ein 7-Zoll-Tablet fast vergessen. Im Internet surfen, Artikel lesen, E-Mails und Texte schreiben, das geht darauf fast genauso gut wie auf einem Mini-Tablet. Der Bildschirm mag nicht ganz so gross sein, dafür ist das Telefon handlich und immer mit dabei.

Keine Alternative für grosse Tablets

Bei den kleinen Tablets könnte Bilimoria also recht haben. Anders sieht es dagegen bei den grösseren 10-Zoll-Tablets aus. Diese Kategorie wird von den grossen Smartphones nicht verdrängt werden. Wer sein Tablet auf dem Sofa nutzt oder es in einer Umhängetasche mit sich trägt, wird es kaum durch ein kleineres Gerät ersetzen wollen.

Sogar das Xperia Z Ultra von Sony, das mit seiner Bildschirmdiagonalen von über 16 Zentimetern selbst unter den Riesen-Smartphones ein Riese ist, bietet nicht den Komfort, den ein 10-Zoll-Tablet mit einer Bildschirmdiagonalen von um die 25 Zentimeter mit sich bringt.

Der Hauptkonkurrent dieser 10-Zoll-Tablets ist und bleibt der Laptop – und mit dem ziehen sie in immer mehr Bereichen gleich (Der PC kommt flach raus). Was die Funktionalität angeht, hat der Laptop immer noch einen Vorsprung. Aber Jahr für Jahr machen die Tablets Boden gut. Die Betriebssysteme werden vielseitiger, die Apps können immer mehr und Zubehör wie Tastaturen und Hüllen werden immer besser.

Tatsächlich setzt sich im Alltag des Autors zusehends die Kombination aus 10-Zoll-Tablet (gelegentlich mit Tastatur) und 5-Zoll-Smartphone durch. Das 7-Zoll-Tablet und der Windows-8-Laptop kommen immer seltener zum Einsatz. Einzig am Redaktions-PC führt weiterhin kaum ein Weg vorbei.

Fazit

Mag sein, dass die kleinen Tablets gegenüber den grösseren Telefonen an Bedeutung verlieren werden. Gut möglich auch, dass der Trend sogar in die andere Richtung geht und 12-Zoll-Tablets ein Erfolg werden (Die Schreibtischtablets kommen). Aber eins ist sicher, verschwinden werden die Tablets nicht noch einmal.

Denn im Gegensatz zu den Tablet-PC vor über einem Jahrzehnt bieten die heutigen Tablets einen wirklichen Mehrwert in Form von Ausdauer, Handlichkeit, einfacher Bedienung und, dank Apps, immer neuer Funktionen. Die Tablets jetzt schon abzuschreiben, ist verfrüht. Sie haben gerade einmal einen Fuss in der Tür.

Wie halten Sie es mit den Tablets? Ist bei Ihnen die Euphorie verflogen oder hat das Tablet einen festen Platz in Ihrem Alltag gefunden? Sagen Sie uns Ihre Meinung in der Kommentar-Rubrik.

Erstellt: 17.02.2014, 20:08 Uhr

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