Fairphone-Test

Ist fair produziert auch tauglich?

Jetzt ist das Fairphone zu haben, das erste sozialverträglich produzierte Handy. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat es getestet – und ist schon beim Auspacken auf einen Scherz gestossen.

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Fast pünktlich hat eine kleine niederländische Firma ihr erstes Telefon ausgeliefert. Eine Firma, deren Gründer angibt, vorher nicht einmal ein Handy besessen zu haben. Angesichts dessen ist man fast zwangsläufig positiv überrascht: Was wir aus der Verpackung zogen, wird nicht von Klebeband zusammengehalten. Das Fairphone ist ein solides, gut verarbeitetes Gerät. Als Scherz liegt dem Handy dafür eine Karte mit dem Schriftzug «Failphone» bei – den Kritikern des Projekts zum Trotz.

Etwas klobiger und schwerer als vergleichbare Modelle ist das Fairphone zwar, gerade bei der Gerätedicke hebt sich das Telefon ab. Mit einem Zentimeter ist das Fairphone merklich dicker als etwa das iPhone 5 (7,6 mm), mit 170 Gramm auch schwerer als Apples Telefon (112 Gramm). Im Inneren arbeitet eine Version von Googles Android-Betriebssystem. Insgesamt liegt das Telefon gut in der Hand, reagiert schnell auf Eingaben und lässt den Nutzer beim Start von Apps nicht warten. Wer nicht eigens Wert darauf legt, ein Spitzengerät zu erstehen, dürfte mit der verbauten Technik zufrieden sein.

Ein Handy, das nicht stören will

Ein überraschendes Detail ist die Möglichkeit, zwei SIM-Karten gleichzeitig zu nutzen. Wer öfter im Ausland unterwegs ist, kann sich mit dem Einsetzen einer günstigen Prepaidkarte Roamingkosten ersparen und gleichzeitig auf seiner normalen Nummer erreichbar bleiben. Eine weitere praktische Zugabe ist der Ruhemodus. Fairphone-Gründer Bas van Abel ist ein erklärter Offline-Fan. Wohl darum lässt das Fairphone Nutzer mit dieser Funktion dem Handy eine Pause verordnen. Mit einem Schieberegler kann der Smartphone-Besitzer einstellen, wie lang er nicht gestört werden möchte, zum Beispiel während einer Stunde. So lange zeigt das Fairphone keine neuen Nachrichten an und weist Anrufe ab.

Der Fairphone-Hersteller ist zurzeit dabei, die erste Ladung der Geräte an die Käufer auszuliefern. Wer sich ein Fairphone kaufen wollte, konnte im vergangenen Jahr online vorbestellen. 325 Euro kostete das Handy für das gute Gewissen. Trotz der kleinen Anfangsstückzahl bleibt das Gerät günstig, da die Lohnkosten nur einen vergleichsweise kleinen Posten der Handyherstellung ausmachen. Im Herbst war die erste Serie von 25'000 Stück ausverkauft - eine winzige Zahl im Vergleich mit der Konkurrenz. Der Löwenanteil der Käufer kommt aus dem deutschsprachigen Raum. Eine nächste Serie soll im ersten Halbjahr 2014 in Produktion gehen. Rund 20'000 Interessenten haben sich laut Fairphone-Sprecherin Roos van de Weerd dafür auf eine Warteliste setzen lassen.

Die Frage nach der Fairness

Kern des Fairphone-Projekts ist das Versprechen, sozialverträglich und nachhaltig zu produzieren. Dazu soll das Gerät kein Wegwerfprodukt, sondern langlebig sein. Aus diesem Grund verfügt das Fairphone über einen austauschbaren Akku, und der Hersteller setzte bei der Produktion auf ein leicht zu reparierendes Displayglas. Der Langlebigkeit im Wege steht, dass das Gerät als Mittelklassetelefon bei der Leistung zwar mithalten kann, aber schon jetzt zu den langsameren Geräten zählt. Es fragt sich darum, wie lange es dauert, bis die Rechenleistung für State-of-the-Art-Apps nicht mehr ausreicht. Ein kleiner Wermutstropfen ist ausserdem das Fehlen von Zukunftstechnologien: Aussen vor bleiben der schnellere Mobilfunkstandard LTE ebenso wie NFC, das etwa bei kontaktlosem Bezahlen zum Einsatz kommt.

In erster Linie muss sich das Fairphone aber nicht an den Leistungsdaten, sondern an seinem Kernziel «Fairness» messen lassen. Das Problem ist bekannt: Die Rohstoffe, die beim Handybau zum Einsatz kommen, werden grösstenteils in Drittweltländern gewonnen. Die dortigen Arbeitsbedingungen stehen in der Kritik. Gleiches gilt für die nach westlichen Standards miserablen Zustände bei der Smartphone-Montage in Asien. Regelmässig in die Schlagzeilen gerät etwa der Apple-Zulieferer Foxconn.

Wer sich von der Fairphone-Kampagne die Lösung all dieser Probleme erhofft, wird zunächst enttäuscht. Hier setzte der Hersteller in den vergangenen Wochen auf die entwaffnende Wirkung der Transparenz. Die Fairphone-Macher zeigen detailliert auf, wie der Preis der Handys zustande kommt. Auch ausgewiesen werden die Arbeitsbedingungen der Arbeiter in Südchina. Diese sind auf den ersten Blick ernüchternd. Während die Fairphone-Macher eine Reihe von Verbesserungen in Gang setzen konnten, gehört etwa eine Sechstagewoche trotzdem zum Standard. Die Verbesserungen liegen im Kleinen. So hat Fairphone einen Fonds aufgelegt, der für 1000 Angestellte je einen zusätzlichen Monatslohn einzahlt und der für Arbeiteranliegen bereitsteht. Weiter hat man bessere Sicherheitsstandards und kostenlose Verpflegung der Angestellten eingeführt. Die Macher versprechen mehr Verbesserungen in Zukunft: «Es ist wichtig, dass dies ein erster Schritt ist», so Van de Weerd. «Wir haben vielleicht keine faire Fabrik gefunden, aber einen Dialog über ethische Bedingungen gestartet.»

Fairphone oder Failphone?

Zwei Dinge hat Fairphone geschafft: Erstens haben die Gründer mit wenig Kapital und als Neueinsteiger in einer globalen Branche ein Handy produziert, das den Vergleich mit aktuellen Geräten nicht zu scheuen braucht. Zweitens haben sie vorgeführt, dass Nachfrage nach einem fairen Mobiltelefon besteht. Das Fairphone hat das Thema erfolgreich gesetzt. Ob es längerfristig ein Erfolg ist, wird sich daran zeigen, ob es seinen eigenen Zielen in Zukunft näher kommt und ob es das Thema Fairness auf der Agenda halten kann.

Die Idee dahinter ist jedenfalls aktuell. Der Chiphersteller Intel gab vergangene Woche bekannt, künftig bei der Herkunft von Materialien genauer hinzuschauen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.01.2014, 16:11 Uhr

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