Keine Panik! Das Handy hilft

Daten von Smartphones können das Risiko von Massenandrang und Panik reduzieren. An den Olympischen Spielen war ein System im Einsatz, das deutsche und Schweizer Forscher entwickelt haben.

Die Londoner Polizei informiert Olympia-Besucher per App über grossen Andrang an U-Bahn-Stationen: Strassenszene in London. (Bild: Nicola Pitaro)

Die Londoner Polizei informiert Olympia-Besucher per App über grossen Andrang an U-Bahn-Stationen: Strassenszene in London. (Bild: Nicola Pitaro)

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Es ist ein mulmiges Gefühl. Wenn von hinten gestossen wird. Wenn Ellbogen in die Rippen drücken. Nicht auszudenken, was passiert, wenn einer stolpert und sich die Menschenmasse über den liegenden Körper wälzt. Wer die Olympischen Spiele in London besucht oder am Wochenende an der Zürcher Street-Parade tanzt, geht das Risiko ein, in eine Massenpanik zu geraten.

Panikforscher beschäftigen sich seit Jahren damit, hinter dem menschlichen Verhalten ein Muster zu finden. Der ETH-Soziologe Dirk Helbing glaubt, den Weg von Menschenströmen könne man mithilfe von Computersimulationen vorhersehen (TA 25. Juni). Die Entwicklung solcher Modelle verlangt jedoch einen Wust an Echtzeitdaten. Eine zuverlässige und unerschöpfliche Quelle könnte in Zukunft das Mobilnetz bieten. Dank den inzwischen standardmässig eingebauten Bewegungssensoren in den Smartphones wie iPhone oder Samsung Galaxy lassen sich Position, Bewegung, Richtungsänderung und Geschwindigkeit des Eigentümers in Echtzeit erfassen. Möglich macht das vor allem das geografische Positionssystem GPS.

Warnung vor Andrang

An den Olympischen Spielen in London wollen Forscher und Behörden von diesen technischen Möglichkeiten profitieren. Die City of London Police und die Westminster City Police bieten eine attraktive App für das Smartphone an, die kostenlos heruntergeladen werden kann. Der User erhält dabei nicht nur wertvolle Informationen zu Sportanlässen oder Verkehrsstau. Das Besondere ist: Wer die Olympischen Spiele besucht, wird durch die Einsatzleitung der Polizei benachrichtigt, falls sich etwa ein grosser Andrang an einer U-Bahn-Station entwickelt. Ergänzt wird die Nachricht mit einer Ausweichempfehlung. Letztere Dienstleistung erhält jedoch nur, wer sich einverstanden erklärt, seine Positionsdaten freizugeben. «Die App ist kein Instrument, um Menschenmassen zu dirigieren», sagt Paul Lukowicz, Direktor am Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz DFKI in Kaiserslautern. Der Mensch soll selber entscheiden, wie er handeln will. «Der Computer kann nicht für Katastrophen verantwortlich gemacht werden, dafür gibt es keine rechtliche Basis.»

Die Smartphone-App in London stammt von Forschern des DFKI. Es entstand im Rahmen des EU-Projekts Socionical. Ziel ist, das Zusammenspiel zwischen technologischen Anwendungen wie Smartphones und menschlichem Verhalten zu untersuchen. «Jede Information, die ein User per Smartphone erhält, beeinflusst ihn», sagt Lukowicz. So stellen sich die Fragen: Lassen sich damit gefährliche Menschenansammlungen verhindern? Wie reagieren die User auf die Informationen?

Das System, das derzeit in London verwendet wird, hat sich in ersten Tests bewährt, unter anderem an der «Lord Mayor’s Show», einer gross angelegten traditionellen Prozession in London. Oder am Vienna City Marathon. Dort wurden nahezu 10 Millionen Positionsdaten von mehr als 1000 Usern grafisch verarbeitet. Forscher des Wearable Computing Lab an der ETH Zürich entwickelten die Visualisierungsmethoden und sind für die Serverinfrastruktur verantwortlich. So werden derzeit laufend Positionsdaten von Usern in London an ein Computersystem der ETH gesendet. Die Londoner Polizei hat dann ein Tool zur Verfügung, um rasch Ansammlungsdichte, die Verschiebung von Menschenströmen und deren Geschwindigkeit auf einer Google-Map darzustellen (siehe kleines Bild links). «Das kann helfen, Entwicklungen genauer einzuschätzen und frühzeitig zu erkennen», sagt Martin Wirz, Projektleiter an der ETH Zürich.

Bisher sind Kameras das gängige Instrument der Polizei, um einen Massenandrang vorzeitig zu verhindern. «Grundsätzlich ist es schwierig, effizient und zuverlässig die Zahl der Menschen aus Bildern zu lesen, die grafische Darstellung aus den Echtzeitdaten sind deshalb eine gute Ergänzung», erklärt ETH-Forscher Wirz. Der Computer entscheidet jedoch nicht, wann eine kritische Dichte erreicht ist. Das ist letztlich der Einsatzzentrale der Polizei überlassen – und entsprechend benachrichtigt sie die App-User.

Knapp 1000 Nutzer sind derzeit aber nur in London registriert. Das heisst allerdings nicht, dass diese auch ihre Positionsdaten zur Verfügung stellen. Dafür braucht es laut Wirz erst viel Überzeugungsarbeit. Ein Datenmissbrauch ist laut den Forschern unmöglich. Die Positionsdaten sind weder mit einer Handynummer noch mit einer Wohn- oder E-Mail-Adresse verknüpft.

Daten als Währung

Je mehr Daten, desto zuverlässiger sind die Prognosen zu Massenströmen. Martin Wirz und seine Kollegen an der ETH versuchen, Computermodelle zu entwickeln, um aus wenigen Daten ein realistisches Bild der aktuellen Situation erstellen zu können. Daraus liessen sich schliesslich Szenarien entwickeln, um Vorhersagen treffen zu können. Eine umfassende Datensammlung hilft auch, Simulationen zu entwickeln über das Verhalten der Menschen in Massenansammlungen. «Solche Kenntnisse sind von Vorteil für Organisatoren von Grossveranstaltungen oder in der Stadtplanung», sagt Paul Lukowicz vom Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz. Daher wäre es für ihn durchaus denkbar, per Gesetz durchzusetzen, dass im Notfall das Handy automatisch Positionsdaten melden darf. Dazu brauche es aber Transparenz, wann und wofür die Daten verwendet würden. Die Daten sollten wie eine Währung gehandhabt werden, sagt Lukowicz. «Der User erhält relevante Informationen und zahlt dafür mit persönlichen Daten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2012, 20:46 Uhr

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