Kinderkrankheiten kluger Uhren

Smartwatches haben grosse Fortschritte gemacht, doch ausgereift sind sie noch nicht. Ein Überblick.

Im Gehäuse der Tag Heuer Connected stecken keine Zahnräder, sondern Chips von Intel.

Im Gehäuse der Tag Heuer Connected stecken keine Zahnräder, sondern Chips von Intel. Bild: Shannon Stapleton, Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tag Heuer ConnectedDie hübscheste Google-Uhr

Schön ist sie geworden, aber nicht ganz problemfrei: Im Frühjahr hat Jean-Claude Biver, der Chef von Tag Heuer, angekündigt, er wolle mit Google und Intel eine Uhr bauen. Am Montag hat das Unternehmen die Schweizer Smartwatch in New York vorgestellt. Laut Biver will Tag Heuer damit einerseits verhindern, dass die Kunden zu Apple abwandern, und andererseits im Fahrwasser von Apple von der neuen Aufmerksamkeit für Smartwatches profitieren.

Die Tag Heuer Connected nutzt Googles Android Wear Platform. Anders als LG, Huawei, Sony, Motorola und Co., die ebenfalls Googles Uhren-Betriebssystem nutzen, siedelt Tag Heuer seine Uhr aber im Luxussegment an. Mit einem Preis von 1400 Franken bewegt sie sich in der ­gleichen Klasse wie die teuren Varianten der Apple Watch. Für den Preis bekommt man von Tag Heuer eine Smartwatch mit einem Titangehäuse und Saphirglas – allerdings mit Gummi- statt Metallarmband.

Um der Kritik entgegenzuwirken, dass Smartwatches nach ein paar Jahren technisch überholt sind, hat Tag Heuer ein Umbauprogramm vorgestellt: Nach zwei Jahren kann man die Uhr gegen eine Zahlung von 1400 Franken in eine mechanische Uhr umbauen lassen. Wer aber lieber die neusten und smartesten Chips in seiner Uhr hätte, muss sich eine neue kaufen.

Leichter als gedacht

Mit einem Durchmesser von 46 Milli­metern ist die Tag Heuer sehr gross. Umso grösser ist dann aber die Über­raschung, wenn man sie das erste Mal in der Hand hält. Sie fühlt sich sehr leicht an. Wer ­Titanuhren mag, dürfte sich darüber freuen. Wer sich schwerere Stahluhren gewohnt ist, muss sich erst daran gewöhnen.

Ansonsten unterscheidet sich die neue Uhr auf den ersten Blick kaum von anderen Uhren mit Android Wear. Wer genauer hinsieht, bemerkt aber kleine ­Unterschiede. So hat Tag Heuer durchgesetzt, dass Benachrichtigungen nicht mehr so prominent auf dem Zifferblatt angezeigt werden. Auch ist der Hintergrund der App-Auswahl nicht weiss, sondern dunkelgrau. Mit diesen Änderungen will Tag Heuer den Fokus zurück auf die Uhr und weg vom ständig blinkenden Handgelenkcomputer lenken. Wenn man die Uhr umdreht, fällt auf, dass ein Pulssensor fehlt. Ausser eifrigen Selbst-Trackern dürfte den kaum jemand vermissen. Pulssensoren am Handgelenk waren bis jetzt eher Spielerei und nicht sonderlich zuverlässig.

Fazit: Schöner als Tag Heuer hat noch niemand eine Android-Smartwatch verpackt. Aber so gut die Verpackung auch sein mag, am Schluss kommt es darauf an, ob man sich für Googles Software begeistern kann. Apple und Samsung haben in vielen Bereichen intuitivere Lösungen gefunden. Ob Tag Heuers Änderungen an Android Wear den Rückstand etwas aufholen können, muss ein ausführlicher Test zeigen. Für ein Problem mit Googles Software hat aber auch Tag Heuer keine Lösung präsentieren können: Android Wear und das iPhone vertragen sich mehr schlecht als recht. Das dürfte die potenzielle Käuferschaft drastisch einschränken.

Samsung Gear S2Sie hat den Dreh raus

Innert zwei Jahren hat Samsung sieben Smartwatches vorgestellt und mit allerhand Formen, Designs und Funktionen experimentiert. Das neuste Modell, die Gear S2, ist die alltagstauglichste. Wie schon Apple haben die Südkoreaner jetzt eine Uhr mit smarten Funktionen gebaut. Im Vergleich dazu waren die Vorgängermodelle Handgelenkcomputer, die ein wenig aussahen wie Uhren.

Samsungs Gear S2 hat mit der Lünette das bequemste Bedienkonzept.

Die beste Neuerung ist die Lünette (das Drehrad um das Zifferblatt). Damit kann man die Uhr bedienen, ohne den Bildschirm mit seinen Fingern zu ver­decken. Das funktioniert zuverlässig und intuitiv. Da die Software gut auf die Lünette abgestimmt ist, braucht man den Touchscreen nur selten. Andere Hersteller ­wären gut beraten, sich diese Methode genau anzuschauen.

Löblich ist auch die Akkuleistung der Gear S2. Samsung verspricht zwei bis drei Tage. Zwei Tage lagen im Test gut drin. Dann sollte man die Uhr aber ­sicherheitshalber laden. Nicht ganz so gelungen ist die Weck- und Benachrichtigungsfunktion. Die Uhr ­vibriert, wie man es von einem Handy kennt. Hier hat Apple mit seinen Klopfzeichen klar die Nase vorn. Auch bei den Apps ist Samsungs Auswahl nicht so gross wie bei der Konkurrenz. Da gute Apps aber bei allen Systemen Mangelware sind, kann man das verschmerzen.

Preis: Ab 360 Franken Funktioniert mit: Android (evtl. bald schon mit dem iPhone)

Huawei WatchImmerhin schön verpackt

Die erste Smartwatch des chinesischen Telecomkonzerns macht auf Anhieb fast alles richtig. Die verschiedenen Design­optionen ecken nicht an (auch wenn die Uhren nicht die schlanksten sind). Der Bildschirm füllt das ganze Rund und nicht wie bei Motorola nur einen Teil ­davon. Der Akku hält sicher einen Tag. Wer sparsam ist, schafft vielleicht sogar zwei Tage.

Die Huawei Watch setzt wie Tag Heuer auf Android.

Das grösste Problem der Huawei Watch ist die Software von Google. Anders als Samsung und Apple, die mit Tizen und WatchOS nebst der Hardware auch die Software selbst machen, ist Huawei auf Google angewiesen.

Android Wear ist die komplizierteste Smartwatch-­Software. Wie schon bei Googles smarter Brille wird die Huawei-Uhr über vielerlei Wischgesten bedient. Das braucht deutlich mehr Eingewöhnungszeit als bei der Konkurrenz und lässt die Uhr unnötig technisch erscheinen. Ähnlich wie die Gear S2 von Samsung kann auch die Huawei Watch nicht mit den präzisen und unaufdringlichen Vibrationen der Apple Watch mithalten. Lässt man sich damit wecken, vibriert die Uhr aufgeregt vor sich hin, und der Bildschirm leuchtet grell. So startet niemand gern in den Tag. Erfreuliches ­Detail: Von allen Smartwatches hat die Huawei die schönste Verpackung, die auch mit deutlich teureren mechanischen Uhren mithalten kann.

Preis: Ab 400 Franken, Funktioniert mit: Android, eingeschränkt mit iOS

Mondaine Helvetica SmartZeiger statt Bildschirm

Wer die erste Schweizer Smartwatch gebaut hat, ist schwer zu sagen und hängt massgeblich davon ab, was man unter ­einer Smartwatch versteht. Der für die Bahnhofsuhr am Handgelenk bekannte Hersteller Mondaine gehört auf jeden Fall zu den schnellsten. Die Firma hat dieses Jahr ihre Helvetica Smart vorgestellt.

Nebst den üblichen Zeigern zeigen zwei weitere Schritte und Datum an.

Vom Prinzip her ist sie eine normale Uhr mit Bewegungssensoren. Nebst einem Stunden- und Minutenzeiger zeigt die Uhr auf zwei zusätzlichen Zeigern das Datum und die gemachten Schritte an. Die Mondaine ist wasserdicht und soll äusserst ausdauernd sein. Der Hersteller verspricht, die Batterie halte zwei Jahre.

Da die Uhr nicht vibrieren kann, weckt sie per Piepston. So informiert sie ihren Träger auch, wenn er zu lange im Bürostuhl gesessen hat. Bedient und gesteuert wird die Uhr über ein verbundenes Android- oder Apple-Handy. Möchte man wissen, wie aktiv man tagsüber war, öffnet man die App, drückt den Knopf auf der Uhr, und die Daten werden übermittelt. Auch wenn Mondaine bei der App auf die Dienste eines Zulieferers angewiesen ist, funktioniert sie einfach und setzt keine technischen Fähigkeiten voraus. Es ist allerdings schade, dass die App nicht komplett auf Deutsch ist. Auch wenn alle Menüs deutsch sind, gibt es die Gesundheitstipps nur in Englisch.

Preis: ab 800 Franken Funktioniert mit: iPhone und Android

Apple WatchSo steht man gern auf

Die Apple Watch ist nicht die erste Smartwatch, aber wie nicht anders von den Marketingprofis von Apple zu erwarten, bereits die bekannteste. Das liegt nicht nur an der allgegenwärtigen Werbeoffensive und der prominenten Marke, sondern auch daran, dass Apple mehr richtig gemacht hat als die Konkurrenz zuvor.

Apple hat reichlich Zifferblätter und Armbänder im Angebot. Bilder: PD

Die Smartwatch macht in erster Linie als Uhr einen sehr guten Eindruck. Aber auch als Handgelenkcomputer ist sie deutlich weniger aufdringlich als andere Smartwatches. Zudem lässt sich keine andere Smartwatch so gut den eigenen Vorlieben anpassen. ­Apple hat mehr Modellvarianten und Armbänder als jeder andere Hersteller.

Mit der neusten Softwareversion ist auch einer der Hauptkritikpunkte wenigstens teilweise entkräftet worden. Dank ­WatchOS2 starten Apps deutlich schneller. Allerdings nutzen bisher wenige Apps die neuen Möglichkeiten. Beim Akku darf man keine Wunderleistung erwarten. Sicherheitshalber sollte man die Uhr vor dem Schlafengehen oder gleich nach dem Aufstehen laden. Ein unterschätztes Detail an der Uhr ist ihr Vibrationsalarm. Der fühlt sich tatsächlich an, als würde einem jemand aufs Handgelenk klopfen. So stören Benachrichtigungen nicht, und als Wecker möchte man die Uhr schon nach wenigen Tagen nicht mehr missen.

Preis: ab 390 Franken Funktioniert: nur mit einem iPhone

Erstellt: 11.11.2015, 08:56 Uhr

Artikel zum Thema

Der erste Eindruck der Schweizer Luxus-Smartwatch

Tag Heuer hat zusammen mit Google und Intel eine Smartwatch vorgestellt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sie bereits ausprobiert. Mehr...

Die neusten Gadgets sind schon da

In Las Vegas zeigt die Heim- und Unterhaltungselektronik-Branche, was uns 2015 beglückt. Das sind die Highlights. Mehr...

Die zwei Gesichter der Apple Watch

Die neue Smartwatch im Dauertest. Was taugt sie? Gibts mehr her als im Kurztest? Das Resultat von Autor Rafael Zeier. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

History Reloaded Was Lavater Köbi Kuhn voraushatte

Mamablog «And the Bobby-Car goes to …»

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...