Microsofts Computerbrille ausprobiert

Der Windows-Konzern hat mit der Hololens 2 die zweite Generation der eigenen Computerbrille vorgestellt. Wir haben sie ausprobiert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Microsoft 2015 die Welt mit der ersten Hololens überraschte, nannten wir sie einen PR-Coup und schrieben, Microsoft könne damit nur gewinnen. Entweder die Brille wird ein Erfolg, oder sie ist wenigstens gut fürs Image.

Nun, vier Jahre später, hat Microsoft an der weltgrössten Handymesse in Barcelona die zweite Generation der Brille vorgestellt. Der Konzernchef Satya Nadella kam dafür extra nach Europa und wurde dabei von zahlreichen US-Journalisten begleitet. Entsprechend gross waren die Erwartungen vor der Präsentation.

Schluss mit Handys?

Zwei Szenarien waren denkbar: Entweder gibt es eine Weiterentwicklung mit etwas grösseren Bildschirmen respektive grösserem Blickfeld, die aber weiterhin nur etwas für Entwickler und Geschäftskunden ist, oder es gibt eine Revolution und Nadella sagt: «Ihr schaut euch hier alle Handys an, aber ich sage euch, die braucht man jetzt nicht mehr.»

Natürlich wurde es ersteres. Für zweiteres sind Zeit und Technologie noch nicht reif. Das musste Google mit Google Glass einsehen, und auch Microsoft gelingen da keine Wunder.

Teurer Spass

Die neue Brille sei 3-mal bequemer und habe ein doppelt so grosses Blickfeld. Das sind auf dem Papier löbliche Verbesserungen, aber am Verwendungszweck der Brille ändert das alles nichts. Sie bleibt ein Zukunftsprojekt, das bei Firmenkunden gelegentlich zum Einsatz kommt, um beispielsweise Handwerkern, Fabrikarbeitern und Technikern komplexe Abläufe direkt am Gerät zu erklären.

Das pompöse Produktvideo von Microsoft:

Auch der Preis von 125 Dollar pro Monat und 3500 Dollar für die Entwickler-Version sorgt dafür, dass sich die Brille kaum in Stuben und schon gar nicht auf die Strassen verirren wird.

So weit die nüchternen Zahlen und Buchstaben.

Ganz anders sieht es aus, wenn man die neue Brille ausprobiert. Schon die erste Variante war beeindruckend. Technisch eingeschränkt, unbequem, aber beeindruckend. Zum Beispiel konnte sie die Hologramme nur in einen winzigen Bereich des eigenen Blickfelds projizieren. Trotzdem staunte man, dass die ganze Technologie in dieser futuristischen Skibrille und nicht in einem per Kabel verbundenen Computer steckt.

Besser ausbalanciert

Wenn man nun die zweite Brille aufsetzt, merkt man sofort, dass hier reichlich Zeit und Entwicklung seit der ersten Variante verstrichen ist. Die Brille fühlt sich in der Hand etwas leichter und auf dem Kopf um Welten bequemer an.

Mit einem Drehring fixiert man sie auf dem Kopf, ähnlich wie bei einem Velohelm. Da sich nun ein Teil der Technik am Hinterkopf befindet, wirkt die Brille viel besser ausbalanciert und leichter. Auch gelungen: Die Brille lässt sich nach oben klappen. So kann man sie auf dem Kopf lassen und muss sie nicht jedes Mal ablegen, wenn man sie gerade mal schnell nicht braucht.

Farbige Punkte und Triebwerke

Ja, und dann gehts los. Erst sieht man ein paar farbige Punkte (Die dienen dazu, die eigenen Augen zu tracken und das Gerät zu konfigurieren), und schon ist man startklar.

Ich soll ein Flugzeugtriebwerk reparieren. Vor mir steht tatsächlich so ein Teil (also kein Hologramm), und die Brille zeigt mir nun mit Pfeilen, Diagrammen und Infografiken, welche Kabel ich wo lösen muss, wo ich sie einklicken muss, wie ich sie durch eine Öffnung schieben muss, wo ich es wieder anschliessen soll, und zum Schluss, in welchem Regal ein Schlüssel liegt, mit dem ich prüfen kann, ob alles richtig gemacht wurde.

Das konnte die erste Brille alles auch schon. Nur jetzt, mit dem erweiterten Blickfeld, sieht alles so viel besser aus. Was vorher ein Gimmick war und etwas Übung erforderte, funktioniert nun ganz selbstverständlich. Während der Demo muss ich immer wieder schmunzeln und vergesse vor lauter Staunen, dass ich ja eigentlich ein Flugzeugtriebwerk reparieren sollte.

Zum Schluss setze ich den Schlüssel ein, drehe ihn, und das grüne Licht leuchtet. Geschafft.

Milliarden investiert

So beeindruckend die neue Brille ist, so weit ist sie aber weiterhin davon entfernt, einen Platz im Alltag zu finden. In Fabriken, Lagerhallen, Architekturbüros oder beim Militär werden sich ohne Frage Kunden finden. Aber bis die Technologie massentauglich ist, ist es noch ein weiter Weg.

Trotzdem braucht es nicht viel Fantasie, um sich eine nahe Zukunft mit Computerbrillen und Hologrammen vorzustellen. Schliesslich investiert gerade jeder Techgigant von Apple bis Google Milliarden. Die Demos sind inzwischen so gut, dass auch der knausrigste Finanzchef nicht mehr Nein sagen kann, wenn die Ingenieure mehr Budget brauchen.

Erstellt: 25.02.2019, 11:46 Uhr

Artikel zum Thema

Realität und Projektion

Analyse Microsoft hat mit seiner Holo Lens überrascht. Unabhängig vom Erfolg der wagemutigen Brille ist dem Unternehmen der PR-Coup bereits gelungen. Mehr...

Das Smartphone ist fertig erfunden? Von wegen!

Gleich mehrere vielversprechende Ideen und Technologien stehen kurz vor dem Durchbruch. Was uns in den nächsten Jahren erwartet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Best of: So schlafen Sie in zwei Minuten ein

Beruf + Berufung «Unsere Gesellschaft bleibt an der Oberfläche»

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...