Mit der Drohne über die Teppich-Stadt

Pöstler bekommen in Zukunft Konkurrenz aus der Luft. Der Zürcher Robotikprofessor Davide Scaramuzza trägt mit einer neu entwickelten Drohne entscheidend dazu bei.

Die Drohne von Davide Scaramuzza kennt ihre Position innerhalb eines Raums. Foto: Alain Herzog (EPFL)

Die Drohne von Davide Scaramuzza kennt ihre Position innerhalb eines Raums. Foto: Alain Herzog (EPFL)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eminem lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Davide Scaramuzza schubst ihn, zieht ihn nach rechts, drückt ihn nach links. Doch die Drohne mit dem Rapper-Spitznamen fängt sich in Sekundenbruchteilen auf und schwebt sogleich wieder ruhig an Ort und Stelle. Wir stehen in einem grossen Raum am Institut für Informatik der Universität Zürich. Am Boden liegt ein überdimensionierter Spielteppich für Kinder, auf dem Strassen und Häuser abgebildet und mehrere künstliche Felsbrocken verstreut sind. Dies ist das Trainingsgelände der Drohnen von Davide Scaramuzza. Der 35-jährige Italiener ist Professor für Robotik an der Uni Zürich und einer der renommiertesten Drohnenexperten.

Weltweit arbeiten mehrere Anbieter daran, Drohnen für Transportdienste vorzubereiten. Sie sollen Pakete direkt zum Kunden liefern. Scaramuzza und sein Team haben nun eine wichtige Neuerung vorgestellt, welche die Realisierung der Pöstler-Drohnen einen Schritt näher bringt. Seine Drohnen haben seit neuestem ein Notfallsystem und sind damit noch selbstständiger geworden. Gerät eine Drohne in Schwierigkeiten, fängt sie sich selber wieder auf oder bereitet eine Notlandung vor. «Nur unter dieser Voraussetzung können Drohnen irgendwann in naher Zukunft Transportdienste übernehmen», sagt Scaramuzza.

Die Drohne ist völlig autonom

Möglich macht dies die besondere Konstruktionsweise der Zürcher Drohnen. Scaramuzza war weltweit der erste Robotiker, der eine Drohne baute, die sich ohne das Navigationssystem GPS und dafür mit einer Kamera orientiert. Das GPS-Signal ist gerade im inner­städtischen Bereich störungsanfällig. Scaramuzzas Drohnen sind mit einer ­Kamera, einem Beschleunigungssensor und ­einem Gyroskop, einer Art Gleichgewichtsorgan, ausgerüstet. Zusätzliche Sensoren messen die Distanz zu anderen Objekten. Die Drohne fliegt autonom und orientiert sich mithilfe der ­Kamera und einer Karte, die sie von der Umgebung ständig erstellt.

Neu ist nun, dass der Beschleunigungs­sensor dem Onboardcomputer sofort meldet, wenn die Drohne in eine instabile Fluglage gerät. Mithilfe des Gyroskops versucht das kleine Flugobjekt dann als Erstes, seine Lage zu stabilisieren. Die Kamera und der Distanzmesser schätzen anschliessend die ungefähre Höhe. Der winzige Smartphone-Computer an Bord führt sämtliche Rechenoperationen allein durch. Die Drohne ist deshalb völlig autonom und verliert auch keine Zeit durch allfällige Verzögerungen beim Schicken wichtiger Daten.

Erfahrungen mit Drohnen hat im letzten Herbst auch der Kurierdienst DHL gesammelt. In Deutschland stellten die Flugobjekte eine Luftbrücke zwischen dem Festland und der Nordseeinsel Juist sicher. Juist hat ein eher bescheidenes Gesundheitssystem und liegt inmitten der rauen See. Die Drohnen flogen deshalb regelmässig über das Meer, um die Menschen mit Notfallmedikamenten zu versorgen. DHL wertet die Resultate des Pilotprojektes, das in Zusammenarbeit mit der Universität RWTH Aachen lief, momentan aus. «Der Paketcopter hat auch bei Regen, Nebel und Dunkelheit einwandfrei funktioniert», sagt DHL-Sprecherin Dunja Kuhlmann. 40 Flüge machte die DHL-Drohne, aus Sicherheitsgründen war sie, anders als Scaramuzzas Drohnen, noch ferngesteuert.

Auch Schweizer Post will testen

Im Geschäft mit den fliegenden Pöstlern wollen auch die Internetriesen mitmischen. Sowohl Amazon wie Google verfolgen eigene Projekte. Amazon testet im Moment in Grossbritannien und in Kanada Paketdrohnen. Sie sollen bis zu 2,3 Kilo schwere Pakete transportieren können, mehr als 80 Prozent aller Amazon-Lieferungen fallen in diese Kategorie. Auch ein Doktorand des Zürcher Instituts arbeitet inzwischen im englischen Cambridge an den Amazon-Drohnen. Fliegen sollen sie dereinst in einer Höhe zwischen 60 und 150 Metern, um weder Passanten zu irritieren, noch den Flugverkehr zu gefährden.

Bei der Schweizer Post verfolgen die Verantwortlichen die Entwicklung ebenfalls aufmerksam. «Wir planen im Lauf des Jahres erste Tests in diesem Bereich», sagt Bernhard Bürki, Sprecher der Schweizer Post. Auch die Logistiker der Schweizer Post denken daran, Drohnen einst für Transporte in abgelegene Gebiete, für innerbetrieblichen Transport oder die Letzte Meile einzusetzen.

Bis die Drohnen im Alltag Pakete zustellen können, wird es wohl noch einige Jahre dauern, schätzt Scaramuzza. «Alle Sicherheitsfragen müssen zuerst geklärt sein», sagt der Professor. Vorstellen könne er sich auch, dass sie zuerst nur auf klar zugewiesenen Korridoren fliegen.

Scaramuzza beschäftigt momentan auch ein humanitäres Projekt. In ­Ruanda hilft er dabei, Blutproben aus ländlichen Gebieten mithilfe von Drohnen in die Labors fliegen zu lassen. Zum Einsatz kommen dabei keine Quadrocopter, sondern Drohnen mit Flügeln. Sie können über längere Distanzen fliegen, weil ihr Akku länger durchhält.

Eminem geht die Puste momentan noch nach 15 Minuten aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2015, 23:45 Uhr

Artikel zum Thema

Wir bleiben Sklaven der Steckdose

Kommentar Der Akku ist zur Achillesferse der mobilen und digitalen Gesellschaft geworden. Mehr...

Fliegen ist schöner

Analyse Als mein Sohn seine erste Drohne jagte. Mehr...

Wenn ein Pilot der Drohne hinterherfliegen muss

Die Luftwaffe will sechs moderne Drohnen beschaffen. Anders als das bestehende angejahrte Modell soll das neue unbegleitet fliegen dürfen. Wenn das klappt, spielt die Schweiz eine Pionierrolle. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Dieses Wochenende wird umgestellt!

Mamablog 5 Methoden gegen Nägelkauen

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...