Nach dem «Mausfinger» die «iPhone-Schulter»

Touch-Bildschirme statt Tastaturen, Tablets statt Bürodesktops, Glossy Displays statt matte Bildschirme: Forscher Michael Bretschneider-Hagemes über die gesundheitlichen Folgen der neuen Technologien.

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Herr Bretschneider-Hagemes, das iPad ist jetzt seit bald drei Jahren auf dem Markt. Früher waren Computer unhandliche, schwere Dinger. Es spricht eigentlich alles dafür, dass die Erfindung des Tablets für den Nutzer nur positive Folgen hat.
Alle begrüssen es, dass die Geräte den einheitsgrauen und schwergewichtigen Bauformen entwachsen sind. Dies gilt übrigens nicht nur für Tablets, sondern auch für leichte und flache Notebooks, die – zumeist über Solid-State-Technologien – enorm handlich geworden sind. Das Problem sind zum einen gewisse Moden....

Moden?
...zum Beispiel ergonomisch komplett ungeeigneten Glossy Screens, also stark spiegelnde Bildschirme. Zum anderen die technischen Eigenschaften im Kontext falscher Anwendungen. Ein Glossy Screen im abgedunkelten Raum etwa mag für das heimische Kinoerlebnis geeignet sein. Für die Arbeit eines Aussendienstlers unter freiem Himmel birgt er aber ein schweres ergonomisches Risiko. Die bedachte Auswahl und Anwendung der Geräte entscheidet oft über die Frage, ob die Nutzer belastet oder gar gefährdet werden.

Was ist so schlimm an einem spiegelnden Display?
Es führt zu einer übermässigen Anstrengung für die Augen. Das Auge passt sich mal auf die Spiegelung, mal auf den gewünschten Sehbereich an. Ich habe keine Ergebnisse über Langzeituntersuchungen, kann aber nur dringend dazu raten, entspiegelte Geräte zu kaufen respektive die vorhandenen durch Entspiegelungsfolien nachzurüsten. Hier gibt es sehr hochwertige Produkte, die gar nicht teuer sind.

Die Medizin kennt seit der Erfindung der Computermaus das medizinische Problem des «Mausfingers». Wann wird der «Touchfinger» zum Thema für die Medizin?
Das ist schon lange ein Thema! Wie gesagt, die Sehnenscheide und der gesamte Bereich um die Handgelenke werden stark beansprucht. Zudem ist bereits vom SMS-Daumen, dem Handy-Nacken und der iPhone-Schulter die Rede. Also: Hinter solchen Boulevardfloskeln verbergen sich meistens tatsächlich die Folgen einer deutlichen Fehlbeanspruchung.

Grundsätzlich: Wie sollte der Nutzer ein Tablet bedienen?
Er sollte darauf achten, das Handgelenk möglichst wenig abzuwinkeln. Durch die motorisch filigranen Tätigkeiten kann es sonst zu Schmerzen und Problemen kommen. Schon die Verwendung eines Eingabestiftes kann hier helfen. Des Weiteren sollte man längere Eingaben vermeiden, bei denen man das Gerät in der Hand hält. Man muss ja die ganze Zeit den Druck, der bei der Bedienung auftritt und durch eine gewisse Hebelwirkung verstärkt wird, abfedern. Viel besser ist es, das Gerät auf einem entsprechenden Halter unterzubringen.

Allgemein kommen immer mehr Touchgeräte auf den Markt, damit verschwinden Tastaturen. Was sind die Nachteile dieser Entwicklung?
Was so unscheinbar und spielerisch daherkommt, birgt neue Gefahren. Bei Ein- und Ausgabegeräten, die voneinander getrennt waren, konnten Sie diese ergonomisch an die individuellen Nutzerbedürfnisse anpassen. Selbst ein Notebook ermöglicht wenigstens noch die Verstellung des Winkels zwischen Tastatur und Monitor. Beim Tablet fusionieren Ein- und Ausgabegeräte zu einer gläsernen Oberfläche. Für die allermeisten und vor allem für länger andauernde Tätigkeiten stellt sich damit ein ernst zu nehmendes ergonomisches Problem: Der Nutzer ist gezwungen, permanent einen Kompromiss einzugehen. Hält er das Handgelenk in schonender Position, hat er dadurch möglicherweise keine gute Lesbarkeit, weil der Blickwinkel auf den Screen nicht mehr passt und so weiter.

In einem Beitrag auf Ihrer Homepage haben Sie kürzlich vor dem beruflichen Einsatz von Tablets gewarnt. Warum?
Weil wir uns sehr häufig mit einem gänzlich unkritischen Einsatz der Geräte, die dann zum Arbeitsmittel werden, konfrontiert sehen. Zum Beispiel legt man das Gerät flach auf den Tisch, weshalb man sich vorbeugen muss – das ist keine gute Körperhaltung! Schlimmer noch: Tablets werden in die Fahrzeugflotte eingebaut, oft unsachgemäss. Die Folge sind Sichtbehinderungen und Ablenkungen. Das Ergebnis ist oft dramatisch: Wir wissen von tödlichen Unfällen.

Unterschätzen die Arbeitgeber das Problem?
Eindeutig. Solche Probleme sind in den Betrieben oftmals nicht bekannt. Hier gilt es, die Verantwortlichen ebenso wie die Nutzer aufzurütteln. Tablets und mobile IT müssen dringend Gegenstand der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung sein. Der Arbeitgeber hat hier nicht nur eine grosse Verantwortung, sondern mit Blick auf die Produktivität auch ein vitales Interesse am Einsatz geeigneter Arbeitsmittel.

Wie müsste aus der Sicht des Gesundheitsexperten ein Tablet gebaut sein?
Es müsste, wie gesagt, entspiegelt sein, eine Leuchtdichte von mindestens 400 cd/m² aufweisen und ausserdem sehr leicht und handlich daherkommen. Die Tastatur sollte sehr fehlertolerant sein und ein gebrauchstaugliches physisches Feedback liefern (hier wird derzeit mit Piezotechnik geforscht) und gegebenenfalls eine optionale Entsprechung auf die Tischplatte projizieren. Die Schnittstellen sollten zu allen gängigen Ein- und Ausgabegeräten schnell und einfach kompatibel sein. Das Gerät hätte natürlich einen eingebauten Beamer.

Bis das alles kommt, haben die meisten wohl schon eine Datenbrille auf.
Ja. Und die bringt dann wieder ganz andere Probleme mit sich.

Zum Beispiel?
Es gibt Technologien, die eine Retinaprojektion vorsehen, andere projizieren auf das Brillenglas. Beides ist aus ergonomischer Sicht sehr problematisch. Die Details dazu werden arbeitsmedizinische Untersuchungen liefern. Zudem findet eine soziale Isolation des Arbeiters statt: Dieser wird in konsequent tayloristischer Manier als Rädchen in den voll vernetzten Maschinenpark integriert. Sozialpolitisch haben wir es noch mit einem grösseren Problem zu tun. Das Erfahrungswissen der Beschäftigten wird in die IT-Infrastruktur gespeist und via Ambient Intelligence über Endgeräte wie Datenbrillen an die Beschäftigten geleitet. Das führt zu einer Dequalifizierung und dazu, dass jeder Leiharbeiter den Job des Facharbeiters übernehmen kann.

Erstellt: 22.02.2013, 13:30 Uhr

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Der Experte

Michael Bretschneider-Hagemes studierte Soziologie mit Schwerpunkt Arbeits- und Techniksoziologie, Psychologie und Politikwissenschaften. Der 34-Jährige ist ausgebildeter Coach für Führungskräfte und seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) mit dem Forschungsschwerpunkt Belastungen und Beanspruchungen bei mobiler IT-gestützter Arbeit. Der Experte ist Autor des Fachbuches «Intervention in komplexe Systeme – Eine systemtheoretische Betrachtung im Umfeld von Unternehmensberatung und Coaching».

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