Nintendos Flucht nach vorn

Die Switch verheiratet Gaming unterwegs und zu Hause. Es ist nicht der erste Tabubruch der Japaner.

Was bisher bekannt ist über die Switch, verrät Nintendo in einem Ankündigungsvideo.


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Mit der Switch setzt Nintendo alles auf eine Karte. Die Mischung aus Konsole und Handheld verschmilzt, was in den 80er-Jahren mit NES und Gameboy seinen Anfang nahm. Nintendos neue Konsole will damit gleichzeitig unterwegs und im Wohnzimmer punkten. Damit konsolidieren die Japaner ihr Hardwaregeschäft, das im Spielbusiness üblicherweise kaum Gewinn abwirft. Dabei muss dem neuen Konsolen-Zugpferd das gelingen, was der Vorgänger Wii U nicht schaffte: über Nintendo-Fans hinaus Gelegenheitsspieler anzusprechen.

Während Sony und Microsoft bei ihren Konsolen jeweils kaum überraschen, versucht es Nintendo wie schon bei Wii und Wii U mit einem rundum neuen Hardware-Konzept. Der Name ist Programm: Die Switch hat zwei abnehmbare Knopfleisten, die sich seitlich an den Bildschirm klicken lassen oder an einen Controller, um vom Sofa aus zu spielen. Per Docking-Station angeschlossen an einen Fernseher, funktioniert die Switch als HD-Konsole.

Keine Tabus mehr

Das passt: Der japanische Gaming-Konzern hat sich dieses Jahr neu erfunden. Smartphone-Games auf dem Vormarsch, die Wii-U-Konsole ein Ladenhüter. Viele Branchenbeobachter sahen Nintendo zuletzt mit dem Rücken zur Wand. Der neue Nintendo-Chef Tatsumi Kimishima kündigte darauf Anfang 2016 einen Aufbruch an. Es wurde auch ein Tabubruch. Nintendos wohlgehütete Marken tauchten erstmals auf fremden Plattformen auf – allen voran «Pokémon Go» auf Smartphones. Die Japaner landeten (mithilfe ihrer US-Partner) einen Hit – das Spiel mit dem meisten Medieninteresse des Jahres. Dabei soll es nicht bleiben: Weitere Titel sind für Android und iOS angekündigt. Überhaupt ist Nintendo dabei, eine Art japanisches Disney zu werden. So sollen Spielfiguren wie Mario künftig in Filmen und Serien auftreten.

Nintendos erfolgreichste Plattformen der letzten Jahre waren die DS und die Wii. Beide sprachen gleichzeitig Nintendo-Fans und Gelegenheitsspieler an. Die Wii U dagegen wurde kein Erfolg. 13 Millionen verkaufte Geräte verglichen mit den über 100 Millionen des Vorgängers – es waren die tiefsten Verkaufszahlen einer Nintendo-Konsole, die es je gab. Mitschuld dürfte die mobile Konkurrenz sein: Smartphones haben reine Handheld-Spielkonsolen nahezu überflüssig gemacht und bieten Gelegenheitsspielern ein kostenloses bis günstiges Riesenangebot an zugänglichen Games – just diese sind traditionell die Stärke von Nintendo.

Hauptgegner Smartphone

Bislang sind erst wenige Details zur Switch-Konsole bekannt. Weder weiss man, was für eine Akkulaufzeit das knapp 7 Zoll messende Gerät haben wird, noch wie leistungsstark die Hardware ist. Die Switch scheint sich aber abheben zu wollen, indem sie auf Bewährtes setzt. So ist offenbar eine klassische Button- und Sticksteuerung Trumpf. Falls die Switch auch einen Touchscreen besitzen sollte, ist das im Ankündigungsvideo nicht zu sehen. Auch sonst bewirtschaftet Nintendo gezielt, was Mobilegaming nicht bietet: Die für viele Spieler mit Nostalgie verbundenen Multiplayer-Matches mit mehreren Spielern im selben Zimmer.

Hier will die Switch offenbar anknüpfen an das Gefühl früherer Konsolen- und Spielergenerationen. Das geriet auf den aktuellen Geräten gegenüber der Online-Erfahrung zunehmend ins Hintertreffen. Auf Smartphones und Tablets sind lokale Mehrspieleroptionen rar – gerade darauf schiesst Nintendo gemäss dem Ankündigungsvideo. So lassen sich die beiden Minicontroller der Switch auf zwei Spieler aufteilen, die ein Splitscreen-Match spielen. Ausserdem können Spieler zwei Switches für eine Vierspielerpartie koppeln.

Hoffnung auf E-Sport

Nicht zuletzt hofft Nintendo offenbar, sich im wachsenden Sektor E-Sport zu etablieren, worauf eine Turnierszene im Trailervideo hindeutet. Das wäre Neuland für Nintendo, könnte sich aber als attraktiver Markt herausstellen. Führende E-Sport-Turniere wie die League-of-Legends-Weltmeisterschaft verzeichnen 35 Millionen Zuschauer. Und hier sind die Konsolenwettbewerber nämlich ebenso wie die Smartphone-Konkurrenten bislang aussen vor – das Feld liegt fest in der Hand der PC-Games.

Nintendo hat schon früher überrascht. So wurde die Wii zum Hit, obwohl sie leistungsmässig nicht mit der Playstation oder der Xbox mithalten konnte. Mitentscheiden über den Erfolg dürften zwei bislang unbekannte Faktoren. Der Einstiegspreis und wie gut es Nintendo gelingt, die Spieleentwickler für eine breite Gameauswahl an Bord zu holen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2016, 12:39 Uhr

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