Nokia, billig abzugeben

Am Donnerstag veröffentlicht der finnische Konzern neue Zahlen. Weil die Smartphone-Strategie zu scheitern droht, könnte es zu einem Totalabsturz der Aktie kommen – für Microsoft keine schlechte Nachricht.

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Es ist eines der eindrücklichsten Memos, das ein Chef je verschickt hat: Vor eineinhalb Jahren bezeichnete Nokia-Chef Stephen Elop sein Unternehmen als «brennende Bohrinsel»: Um zu überleben, müsse das Management «ins eiskalte Wasser springen», so der ehemalige Microsoft-Manager. Nokia befinde sich «Jahre hinter der Konkurrenz (...) Apple kam 2007 mit dem iPhone heraus und wir haben noch immer kein Produkt, das an das Gerät herankommt». Auch Konkurrent Google habe Nokia nichts entgegenzusetzen. Das sei «unglaublich».

Doch auch unter seiner Führung – er übernahm das finnische Traditionshaus im September 2010 – ist keine Besserung eingetreten. Im Gegenteil: Der Konzern ist nur noch 6,6 Milliarden Franken wert, als Elop sein Amt antrat waren es noch 36 Milliarden Franken. Seit 2000 verlor das Papier 98 Prozent an Wert und erreichte letzte Woche den tiefsten Wert seit 17 Jahren.

Nokia: Ein «nicht unüblicher Vorgang»

Laut dem Marktforschungsunternehmen Nielsen kommt Nokia im wichtigsten Absatzmarkt der Welt, den USA, mit seinen Windows-Phones noch auf einen Marktanteil von 0,3 Prozent. Der grösste Mobilfunkprovider der USA, AT&T, hat nun reagiert: Seit Sonntag kostet das Lumia 900 noch knapp 50 Dollar, die Hälfte des ursprünglichen Verkaufspreises.

Die Frage sei erlaubt: Wird das Smartphone verscherbelt? Nokia-Sprecher Benjamin Lampe verneint. In den USA sei das Lumia 900 gemeinsam mit AT&T und einem 24 Monatsvertrag erhältlich. Diese «Zuzahlung» sei nun von 99 auf 49 Dollar gesenkt worden. «Dies ist bei Smartphones mit Vertrag nicht unüblich. Faktisch kann man also von keiner Halbierung des Preises sprechen, sondern einer Halbierung der Zuzahlung mit Vertrag», so Lampe gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Rücktrittsforderungen werden lauter

Dass sich das Flaggschiff in Übersee allerdings schlecht verkauft, ist nicht von der Hand zu weisen: Gemäss Berechnungen von Horace Dediu vom Marktforschungsunternehmen Asymco wurden in den USA in den vergangenen vier Monaten gerade mal 330'000 Lumia-Mobiles abgesetzt. Zum Vergleich: Samsung hat im ersten Quartal dieses Jahres weltweit 44,5 Millionen Smartphones (Handys nicht eingerechnet) verkauft. Und vom erst seit fünf Jahren im Smartphonebusiness tätigen Apfelkonzern gingen im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2012 35 Millionen iPhones über den Ladentisch.

Nokia selber nennt keine Verkaufszahlen, auch nicht für die Schweiz. Die Swisscom gibt sich ebenfalls wortkarg. Was der grösste Schweizer Mobilfunkanbieter konkret sagt, klingt indes wenig euphorisch: «Die Verkaufszahlen befinden sich im erwarteten Rahmen», sagt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze. Preisanpassungen seien keine geplant. Das Gerät ist bei der Swisscom bei einer Abolaufzeit von einem Jahr ab 299 Franken zu haben.

Nach mehreren Gewinnwarnungen, Herabstufungen von Analysten und der Bekanntgabe von Massenentlassungen Mitte Juni wartet die Finanzwelt nun gespannt auf die Bekanntgabe der Quartalszahlen am 19. Juli. Für Jean-Louis Gassée, Ex-Apple- und HP-Manager, hat Nokia unter der jetzigen Führung keine Zukunft mehr. Er hat unlängst in einem Interview die Entlassung von Elop und des gesamten Verwaltungsrats gefordert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Unterstützung erhält Gassée vom ehemaligen Nokia-Manager Tomi T. Ahonen, dessen Blogeintrag sich wie eine Abrechnung liest.

Kalkül von Microsoft?

Für Ahonen gibt es nur einen Ausweg aus der Krise: Nokia muss sich aus der Microsoft-Umklammerung lösen. Denn seit feststehe, dass für das Flaggschiff Lumia 900 kein Update auf das Betriebssystem Windows Phone 8 möglich sei, müsse man am ehrlichen Willen Microsofts zweifeln.

Tatsächlich wird seit längerem gemunkelt, dass Microsoft seinen finnischen Handypartner bewusst schwächen will, um ihn dann günstig aufzukaufen. Einige Skeptiker warnten 2010 sogar, dass Elop den Job überhaupt nur bekommen habe, um die Akquisition vorzubereiten. Wenn Stephen Elop am Donnerstag weitere Hiobsbotschaften verkünden sollte, flammen diese Gerüchte wohl wieder auf.

Erstellt: 16.07.2012, 14:34 Uhr

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