Nokia vermisst die Welt neu

Die finnische Telekommunikationsfirma entwirft ein ausgeklügeltes digitales Abbild der Welt. Der Konkurrenz ist sie weit voraus.

Schlauere Kartendienste: Dreidimensionale Stadtmodelle, wie hier von London, sind nur ein kleiner Teil dessen, was Nokia noch alles vorhat.

Schlauere Kartendienste: Dreidimensionale Stadtmodelle, wie hier von London, sind nur ein kleiner Teil dessen, was Nokia noch alles vorhat. Bild: Screen: TA

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Die ersten Früchte der Zusammenarbeit zwischen Nokia und Microsoft sind letzte Woche präsentiert worden. Mit dem Lumia 800 schliessen die Finnen wieder weitgehend zur Konkurrenz auf. Im Zentrum des Interesses steht dabei das Betriebssystem Windows Phone 7.

Nicht ganz so viel Aufmerksamkeit hat ein anderer Eckpfeiler in Nokias Strategie bekommen. Mittel- und langfristig dürfte dieser ähnlich bedeutsam sein wie gute Hardware und eine robuste Software- und App-Plattform. Die Rede ist von Nokias Kartendiensten.

Karten, die mehr wissen

In der Abteilung Location and Commerce, geleitet vom Schweizer Michael Halbheer, beschäftigt Nokia rund 3000 Entwickler in Berlin, Chicago und Boston. Halbheer sieht uns am Beginn einer neuen Phase der Mobilität, die nach schlaueren Kartendiensten verlangt. Nach Karten, die mehr wissen, als nur was wo ist oder wer sich gerade wo aufhält. Nach Apps, die das hervorheben, was uns interessiert, und anderes ausblenden. Nach Navigation, die nicht nur auf der Strasse, sondern auch auf dem Trottoir funktioniert, die uns sagen kann, über welche Rolltreppe wir am schnellsten zu unserem Zug gelangen. Nach Check-in-Diensten, die unseren engen Freunden meldet, in welchem Café wir sitzen, anderen aber nur, in welcher Stadt wir sind oder gar nichts.

Solche Dienste verlangen ein präziseres Abbild der Welt, das nicht nur Objekte erfasst, sondern auch deren Beziehungen untereinander. Ebenso braucht man Daten darüber, wie sich die Menschen in einer Stadt konkret bewegen oder welche Orte sie tatsächlich frequentieren, wie der Verkehr läuft.

Die Anwender sammeln mit

«Gewisse Leute denken ja, es sei die Vollendung der Kartografie, wenn man mit ein paar Kameras auf dem Auto die Gegend abfährt», sagt Halbheer über die Konkurrenz. Nokia erfasst die Welt einiges aufwendiger als Google – und detaillierter. Einerseits sind die Nokia-Autos mit ausgeklügelteren Sensoren unterwegs, die verblüffende 3-D-Modelle von Städten erstellen können (Beispiele davon kann man auf //maps.nokia.com/3-D sehen). Anderseits werden auch die Endanwender eingespannt, das digitale Modell der Welt stets zu verfeinern. Jedes Mobiltelefon kann dafür Daten liefern, etwa über das Innere von öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel darüber, welche Cafés wirklich populär sind oder wo der Verkehr gerade stockt.

Bisher ist schon einiges zusammen gekommen: 38 Millionen Strassenkilometer sind erfasst, aktuelle Verkehrsdaten liegen für 13 Länder und für 450 Städte in 44 Ländern vor, 430 davon mitsamt Fussgängerrouten. Pro Monat werden 10 Milliarden Messpunkte erfasst, täglich gibt es 2,4 Millionen Änderungen, und 100 Millionen Menschen nutzen diese Daten jeden Tag.

«Daten nicht planlos anhäufen»

Wer die Endanwender als Datensammler einspannt, weckt natürlich Befürchtungen bezüglich deren Überwachung. Doch Halbheer hat damit bisher keine Probleme gehabt. «Wir halten uns an ein paar einfache Grundregeln», sagt er. So werden unter anderem alle Daten vollständig anonym erfasst und rasch wieder gelöscht, sogar die IDs der Geräte werden regelmässig geändert. «Wichtig ist, dass Daten nicht einfach planlos angehäuft werden, sondern dass man sie stets dafür verwendet, die Dienste zu verbessern», sagt der Schweizer weiter. Was der Einzelne macht, ist nicht von Interesse, stattdessen ist Halbheer an statistischen Auswertungen der Daten vieler Nutzer interessiert.

Einzelne können zudem erfassen, was sie besonders interessiert, etwa ihre Lieblingsorte speichern. Die Kombination aus persönlichen Präferenzen und statistischen Mittelwerten ermöglicht in der Folge spannende Anwendungen.

Einblicke in die Zukunft

Einen Eindruck, in welche Richtung das geht, kann man auf der Website der Nokia Beta Labs gewinnen (//betalabs.nokia.com). Hier gibt es diverse Apps, teils noch für Symbian oder das N9, teils schon für Windows Phone, die auf Nokias Kartendaten basieren. Da wäre etwa Live View, eine Augmented-Reality-App, die thematisch Tipps in der Umgebung anzeigt. City Scene zeigt Panorama-Ansichten mit Zusatzinfos, etwa wo Freunde auf Facebook oder Foursquare eingecheckt haben. Public Transport gibt für bestimmte Städte Informationen zum öffentlichen Verkehr sowie Tür-zu-Tür-Navigation. Auch Pulse ist interessant, ein Social-Check-in-Service, bei dem man unter anderem festlegen kann, wer wie genau sehen darf, wo man gerade ist. Die App erstellt ausserdem eine Art Tagebuch mit Fotos, das festhält, wann man mit wem wo war. Die App Transit liefert jederzeit die beste Route quer durch eine Stadt, My Route merkt sich den Arbeitsweg (oder andere, oft zurückgelegte Routen) und hilft, diese den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. «Das Interesse an unseren Beta-Apps übersteigt in einigen Fällen sogar jenes an kommerziellen Apps, die wir anbieten», so Halbheer.

Im Lumia 800 steckt ausserdem bereits ein vollwertiges Auto-Navi mitsamt gesprochenen Anweisungen, ebenfalls ein Produkt aus Halbheers Abteilung. Kartenmaterial für über 90 Länder lassen sich kostenlos bei Nokia herunterladen. Bereits heute fahren übrigens 80 Prozent aller Autos mit Kartendaten von Nokia, auch wenn deren Marke dort nicht direkt auftaucht.

Michael Halbheer will seine Kartendaten auch künftig auf möglichst vielen Plattformen sehen. «Meine oberste Priorität ist es, den weltbesten Social-Location-Dienst anzubieten. Zweitens wollen wir einen hervorragenden Kartendienst in Windows Phone integrieren. Erst dann geht es darum, dass Nokia-Smartphones sich damit von der Konkurrenz abheben können», erklärt er. Ihm kann es nur recht sein, wenn auch die Windows-Smartphones von Samsung oder HTC seine Kartendienste nutzen.

Selbst Apps für Android oder iOS schliesst er keineswegs aus. Heute schon kann man Nokia Maps dank HTML 5 via jedem Webbrowser auf allen Smartphones nutzen. Man kann sie sogar abspeichern, man muss also im Ausland nicht stets für teures Geld online sein.

Werbung vorerst sekundär

Nebst Facebook nutzen auch Yahoo und Bing die Kartendaten von Nokia. Dennoch denken die Leute beim Stichwort «Maps» zuerst an Google. «Mich interessiert nicht, was die machen. Wir werden die Leute mit innovativen Apps und hervorragenden Services gewinnen», ist Halbheer zuversichtlich. Ihm gehe es nicht darum, künstlich neue Bedürfnisse zu kreieren, sondern die bestehenden besser zu bedienen.

Er verstehe Karten ausserdem nicht als blosse Werbefläche. «Wir fokussieren darauf, dass wir das Erlebnis wirklich gut hinbekommen. Wir möchten den Leuten, etwa einem passionierten Café-Betreiber, eine Plattform bieten, auf der sie auftreten können. Das muss aber nicht über klassische Werbeanzeigen laufen», so Halbheer.

Nokias digitales Abbild der Welt steht nach wie vor erst am Anfang. «Wir sind wie kritzelnde Kinder, die gerade erst das Zeichnen lernen», sagt er, «und wir verbessern uns laufend.» Künftig will man auch das Innere von Gebäuden oder abgelegene Gegenden erfassen, etwa Berge oder Seeufer. «Das wird die nächste grosse Herausforderung der Kartografie sein», ist Halbheer überzeugt.

Erstellt: 30.10.2011, 14:18 Uhr

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