Nokias Befreiungsschlag

Das Lumia 800 mit Windows Phone 7 ist zu Recht der Hoffnungsträger der finnischen Handyschmiede. Das grösste Hemmnis für Nokia bleibt das Timing.

Attraktivste Alternative zum iPhone: Das Lumia 800 dürfte Nokias erster Hit seit Jahren werden.

Attraktivste Alternative zum iPhone: Das Lumia 800 dürfte Nokias erster Hit seit Jahren werden. Bild: PD

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Noch ist der Sturm nicht vorbei. Gerade musste Nokia einen Quartalsverlust von 1,3 Milliarden Franken ausweisen. Dennoch schoss die Aktie am selben Tag um 7 Prozent in die Höhe. Der Grund dafür: Das neue Flaggschiff, das Lumia 800, hat sich in den ersten Wochen seiner auf wenige Länder limitierten Verfügbarkeit bereits über eine Million Mal verkauft. Zum ersten Mal seit Jahren könnte Nokia wieder einen Hit gelandet haben.

Nun ist das Gerät auch in der Schweiz erhältlich. Wir haben es rund eine Woche lang ausprobiert und teilen den Optimismus der Börse. Das Lumia 800 ist die derzeit eigenständigste und attraktivste Alternative zum ungebrochen populären iPhone.

Originell und zugänglich

Die Hardware überzeugt sowohl ästhetisch wie leistungsmässig. Das Lumia 800 liegt gut in der Hand, der Amoled-Bildschirm ist kontraststark und scharf, und die Kamera (8 Megapixel, Zeiss-Linse) braucht sich nicht vor der Konkurrenz zu verstecken. Allerdings fehlt eine Kamera auf der Vorderseite. Dass «bloss» ein 1,4-Gigaherz-Singlecore-Prozessor darin läuft, schränkt im Alltag kein bisschen ein. Die Batterie hingegen hält nicht länger als einen Arbeitstag, doch da haben andere genügend Vorarbeit geleistet, um uns diesbezüglich fügsam zu machen.

Lob muss man auch Microsoft attestieren. Windows Phone 7 ist ein ansprechendes, übersichtliches und leicht verständliches Betriebssystem. Dessen Interface umfasst erstens einen Startbildschirm, auf dem man seine wichtigsten Apps als «aktive Kacheln» anordnet, zweitens eine alphabetische Liste aller Apps sowie drittens die Apps selbst. Das wars schon, mehr gibt es nicht zu begreifen. Keine Ordner, keine verwirrend unübersichtliche Anzahl von Homescreens, die sich auf alle möglichen Seiten erweitern lassen, und keine mehrfach verschachtelten Einstellungen.

Am Lumia gibt es nebst seitlichen Laut/Leise-Tasten, einer Sperr- und einer Foto-Taste drei weitere am unteren Bildschirmrand: eine für die Suche im Internet, eine Home- sowie eine Zurück-Taste. Vor allem an Letztere gewöhnt man sich rasch und gerne (auf dem iPhone fehlt diese, und bei Android-Handys funktioniert sie längst nicht so stringent). Die meisten Pluspunkte aber muss man Microsoft dafür zugestehen, dass man nicht einfach abgekupfert hat, was andere machen, sondern mit diesem aus dem Zune-Musikplayer hervorgegangenen Interface einen wirklich eigenständigen Weg geht.

Facebook ist tief verankert

Auch bei den kostenlosen Zusatzdiensten kann das Lumia mithalten. Kontakte und Kalender synchronisieren sich automatisch (mit Windows Live, Facebook oder Google, nicht jedoch mit iCloud), man bekommt 5 GB kostenlosen Speicherplatz im Internet (Microsoft Skydrive), und man kann sein Gerät bei Verlust orten, sperren und löschen. Inbegriffen ist auch Nokias Kartendienst mitsamt vollwertiger GPS-Navigation fürs Auto. Das Kartenmaterial lässt sich auf dem Handy speichern, sodass man während der Fahrt offline sein kann.

Tief verankert ist auch Facebook. Facebook-Freunde tauchen als Kontakte auf und sind ohne spezielle App im Chat verfügbar, ihre Fotos erscheinen in den Bildern. Das ist gut und recht, überbordet aber teilweise, so führt die Integration ins Adressbuch leider zu Verdoppelungen. Multimediale Inhalte synchronisiert man via USB-Kabel vom Windows-PC oder Mac hingegen denkbar einfach (wenn auch nicht drahtlos).

Genügend Apps

Von zentraler Bedeutung für ein Smartphone sind Apps. Zwar gibt es weniger Apps als anderswo, doch die wichtigsten sind vorhanden, etwa Whatsapp, SBB oder der E-Book-Reader von Kindle. Ausserdem ist der Marketplace kuratiert wie bei Apple, was für ein tieferes Risiko an Schadsoftware sorgt als bei Google. Die Qualität der Apps könnte alles in allem noch etwas zulegen, und im Bereich «kreative Apps», beispielsweise für Fotos, ist das Angebot noch mager. Dafür gibt es offizielle MS-Office-Apps, die weder iOS noch Android bieten.

Das grösste Hemmnis für Nokia bleibt das Timing. Ein Grossteil der Endkunden hat sich bereits für eine andere Smartphone-Plattform entschieden. Diese noch umzustimmen, dürfte auch mit dem gelungenen Lumia 800 schwierig sein. Doch wer den Umstieg auf ein Smartphone noch vor sich hat, dem steht ein attraktiver dritter Weg offen.

Nokia Lumia 800 mit Windows Phone 7, in Blau oder Schwarz. 628 Fr. ohne Abo, www.nokia.ch.

Erstellt: 30.01.2012, 10:45 Uhr

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