Hintergrund

Nokias kleine Werbelüge

Das neue Smartphone Lumia 920 gilt als Nokias grösster Trumpf gegen iPhone und Android-Smartphones. Wenn da nur nicht dieser Werbespot wäre.

Die schöne Werbewelt: Ausschnitt aus Nokias neustem Werbespot. 
Bild: Screenshot.

Die schöne Werbewelt: Ausschnitt aus Nokias neustem Werbespot. Bild: Screenshot.

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Als hätte der strauchelnde Handypionier Nokia in den letzten Monaten nicht schon genug einstecken müssen, machen Blogger des Technologieblogs The Verge eine Marketing-Schummelei publik. Dabei geht es um das neue Lumia 920, das neue Windows-8-Smartphone, welches im wichtigen Weihnachtsgeschäft den Umsatz ankurbeln soll.

Im Spot für das neue Smartphone wird die neue Kamerafunktion beworben. Es soll laut Eigendeklaration die beste Kamera sein, die je in einem Smartphone eingebaut wurde. Mithilfe eines optischen Bildstabilisators sollen besonders gute Aufnahmen gelingen.

Der Skandal – wenn man so will – ist ab Zeitcode 0:25 (siehe Video in Box links) zu sehen. Der Werbefilm von Nokia zeigt ein Paar beim Velofahren. Auf der linken Seite zeigt Nokia die nicht stabilisierte Videoversion, die erwartungsgemäss verwackelt daherkommt. Auf der rechten Seite dann die perfekt Aufnahme, realisiert mit der neuen Stabilisierungstechnologie von Nokia. Das Problem: Die Aufnahme wurde nicht mit einem Smartphone, sondern mit einer Profikamera gedreht. Eine Reflexion in einer Scheibe zeigt nicht den filmenden Mann auf dem Fahrrad, sondern einen Van mit offener Seitentür. Für Sekunden spiegelt sich im Fenster ein Lieferwagen mit einer Profikamerainstallation.

Entschuldigung von Nokia

Für die Finnen bedeutet das Aufdecken dieses Schwindels ein Desaster, zumal der Konzern stets die neue «beste» Kamera ins Zentrum seiner PR- und Produktkommunikation rückt. Zu beschönigen gibt es nach dem Bekanntwerden des Schwindels denn auch nicht viel. Statt den peinlichen Fehler kommunikativ totzuschweigen, gab Nokia sofort zu, dass es sich nicht um Aufnahmen eines Lumia 920 handelt. In einer Stellungnahme schreiben die Skandinavier: «Wir entschuldigen uns für die Verwirrung, die wir bei den Konsumenten dadurch ausgelöst haben. Wir hätten einen Hinweis einblenden sollen, dass es sich um eine Simulation der Bildstabilisation handelt.»

Wie sehen Werbeprofis den Schwindel? Sind solche Tricks erlaubt? Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt Alexander Jaggy, Kreativchef der Werbeagentur Jung von Matt Limmat: «Obwohl sich das Publikum inzwischen an die geschönte Realität der Kosmetik- und Waschmittelwerbung gewöhnt hat, darf man bei einer Produkt-Gegenüberstellung nicht mogeln. Ob der Mann im Van tatsächlich eine grosse Kamera hält oder eine Installation, auf der das Nokia Lumia installiert ist, lässt sich aufgrund der Bildaufnahmen nicht sagen. Vielleicht ist ja alles halb so schlimm wie die Verschwörungstheoretiker meinen.»

«Das ist clever ausgedacht von Nokia»

Sein Branchenkollege Markus Ruf, zweimaliger Werber des Jahres und Inhaber der Agentur Ruf Lanz, sieht im Video keinen Skandal, sondern höchstens einen Schönheitsfehler: «Ein typischer Feel-good-Movie, wie es unzählige gibt. Dennoch hoffe ich, dass er extrem erfolgreich ist, weil ich noch einen Restposten Nokia-Aktien in meinem Portfolio habe.» Und Peter Brönnimann, Kreativdirektor der Agentur Spillmann Felser Leo Burnett, nimmt es mit Humor und sieht gar eine Taktik der Finnen dahinter: «Das ist ganz clever ausgedacht von Nokia, damit Journalisten über den Spot schreiben.»

Ob die Finnen das genauso sehen? Ihr neues Flaggschiff Lumia 920 sowie das etwas kleinere Lumia 820 gelten als Hoffnungsträger, damit der gebeutelte Handykonzern den Anschluss an Samsung und Apple nicht verliert.

Auch Apple nahms mit der Wahrheit nicht so genau

Wobei festgehalten werden muss: Auch Konkurrent Apple hat in der iPhone-Werbung schon geschummelt. Vor vier Jahren wurde in Grossbritannien ein iPhone-Spot verboten. Die Aufsichtsbehörde Advertising Standards Authority (ASA) hatte Apple die Ausstrahlung einer TV-Kampagne untersagt, weil das Unternehmen falsche respektive unpräzise Angaben zur Schnelligkeit des Gerätes machte.

Die Werbung bezeichnete das Handy als «really fast» und zeigte dazu Internetseiten, die zum Laden weniger als eine Sekunde brauchten. Bei der ASA gingen daraufhin 17 Beschwerden von Kunden ein, die kritisierten, der Spot sei irreführend und unwahr.

Erstellt: 06.09.2012, 14:10 Uhr

Video - nicht offiziell

In der Kritik - Nokias Werbespot

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