Plötzlich ist Nokia schön

Der weltgrösste Handyhersteller will dank der Partnerschaft mit Microsoft seine Krise überwinden. Die Chancen stehen besser als auch schon. Fünf Thesen, warum der finnische Konzern die Kurve kriegen könnte.

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Am Mittwoch stellte Nokia-Chef Stephen Elop sowohl die neue Softwarestrategie als auch eine grosse Auswahl an neuen Smartphones vor (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Im Mittelpunkt der Präsentation stand das Smartphone Lumia 800 – der Name steht für Licht. Es ist das erste Multimedia-Handy der finnischen Handyschmiede, welches mit Microsofts Betriebssystem Windows Phone 7.5 (Mango) läuft.

Ist dies die Wende für den kriselnden Handykonzern? Die Zeichen stehen gut – sechs Thesen, warum der finnische Mobilekonzern die Kurve noch kriegen könnte.

1. Starker Partner

«Der heutige Tag ist für Nokia und Microsoft von grösster Bedeutung. Es ist der Beginn einer tiefgreifenden Zusammenarbeit, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat», sagt Daniel Moschin, General Manager Consumer Channels Group bei Microsoft Schweiz. «Nokia ist unser wichtigster Partner», so Microsoft-Manager Joe Wilson gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Alles nur Lippenbekenntnisse? Nein. Verschiedenen Quellen zufolge wendet der Softwarekonzern umgerechnet knapp 40 Millionen Franken auf, um die Markteinführung von Nokias Windows-Phones zu promoten. Laut Nokia-Schweiz-Chef Michael Gubelmann gibt Nokia für die Lumia-Kampagne rund dreimal so viel Geld aus wie bei ähnlichen Promotionen in der Vergangenheit.

2. Der Konzern ist kritikfähig

Einst betrug Nokias Marktanteil im Handybusiness über 40 Prozent, heute sind es weniger als 25 Prozent. Nokia beschönigt nichts. «Wir haben viele Fehler gemacht in der Vergangenheit», sagt Michael Gubelmann. Unvergessen ist die öffentlich geäusserte Kritik von Elop, welcher nach seinem Stellenantritt im Jahr 2010 Nokia mit einer brennenden Ölplattform verglichen hatte.

Nokia ist ausserdem ehrlich: Gubelman bezeichnet die Werbeoffensiven der Vergangenheit als «ziemlich langweilig». Und auf die Frage eines Journalisten bei einer Präsentation in Zürich, warum das Lumia 800 anders als viele Konkurrenzgeräte über keine Frontkamera für Videotelefonie verfügt, antwortete ein Nokia-Manager ganz offen: «Wir hatten keine Zeit dafür.»

In Konzernen solcher Grösse haben solch offene Worte im Regelfall keine Chance, die Firewall der PR- und Marketing-Armada zu durchbrechen.

3. Nokia hebt sich ab von der Konkurrenz

Nach dem iPhone kam lange nichts und dann überfluteten ähnliche Geräte den Smartphone-Markt. «Sie kopieren alles», kritisiert Microsoft-Mann Wilson diese Strategie. Microsoft-Partner Nokia geht einen anderen Weg. Etwa bei den Farben: Das Lumia 800 gibt es nicht nur in Schwarz, sondern auch in den Farben Cyan und Fuchsia. Die Light-Version Lumia 710 kann mit Wechselcovern in den Farben Schwarz, Weiss, Cyan Fuchsia und Gelb personalisiert werden. Damit versucht die Handyschmiede bei den Jungen und den Frauen zu punkten.

Hardwaretechnisch entspricht das Lumia 800 mit kleinen Ausnahmen – zum Beispiel ist das Display etwas kleiner – dem ebenfalls kürzlich vorgestellten Nokia N9: Beide sind aus einem Polycarbonat-Block gefräst. Das sorgt nicht nur für einen guten Antennenempfang, sondern sieht cool, ja richtig schön aus. Und dies bei einem Gewicht von nur 142 Gramm. Damit ist es etwa gleich schwer wie das iPhone 4S. Das Lumia 710 wiegt nur 125 Gramm.

Ebenfalls zum positiven Gesamteindruck trägt das leicht geschwungene, 9,4 Zentimeter grosse Amoled-Display aus sogenanntem Gorilla-Glas bei, das sowohl Stössen, Kratzern als auch Abnutzung besser standhalten soll.

4. Nokia ist immer noch riesig

Ja, Nokia hat schon bessere Zeiten gesehen. Im Smartphone-Geschäft musste der Konzern in den letzten Jahren eine Niederlage nach der anderen einstecken. Doch im Handymarkt, also im Segment der Mobiltelefone ohne Computer- und Internetfunktionen, ist er immer noch tonangebend: Pro Sekunde verlassen zwölf Handys die Produktionshallen, pro Quartal werden rund 107 Millionen Nokiahandys verkauft.

Handys sind günstiger als Smartphones und dementsprechend finden diese etwa in Schwellenländern auch mehr Käufer als die teureren iPhones oder High-End-Androidgeräte. Im Schnitt kostet ein Nokia-Handy umgerechnet nur etwa 40 Franken.

Nokias erklärtes Ziel ist es, in weniger entwickelten Absatzmärkten weiter zu wachsen und «die nächste Milliarde Menschen ins Internet zu bringen». Darum lanciert Nokia neben der Edelsmartphone-Reihe Lumia eine Produktpalette namens Asha, welche vier Mobiles umfasst und mehr Funktionen als klassische Handys bietet (etwa schneller Zugang zum Internet und sozialen Netzwerken), aber in der Fertigung doch relativ billig wirkt. Das Asha 201 (98 Franken) sowie das Asha 300 (168 Franken) werden auch in der Schweiz auf den Markt kommen.

5. Die Rückkehr der Fangemeinde

Das erste Handy, welches man als Nutzer irgendwann einmal in den 90er-Jahren in den Händen hatte, stammte weder von Apple noch von Google, die mit ihren Geräten (iPhone) respektive ihrer Software (Android) den Markt der Multimedia-Mobiles dominieren. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um ein Nokia-Gerät.

Die Manager aus dem hohen Norden hoffen nun auf das «Wiederaufflammen der ersten Liebe» (O-Ton Michael Gubelmann), einem Schwärmerei-Revival, ähnlich wie vor rund 10 bis 20 Jahren, als man vor seinen Freunden mit den Nokia-Devices wie dem Cityman, dem Communicator oder dem N-Gage zu prahlen vermochte.

Gut möglich, dass die Erfolge von Nokia schon zu weit zurückliegen, um beim Publikum dieses Pioniergefühl wieder aufleben zu lassen. Die Zeit drängt. Doch mit der gestrigen Präsentation zeigt der Konzern, wie ernst es ihm mit der Aufholjagd ist.

Erstellt: 27.10.2011, 14:48 Uhr

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