So können Sie mit Ihren Kindern ein Klavier basteln

Sie brauchen eine Spielkonsole, Kartonbögen und viel Zeit. Das Ergebnis ist überraschend.

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2018 ist noch nicht um, doch steht für mich die beeindruckendste Tech-Neuheit des Jahres bereits fest. Nein, es ist kein Hochleistungstablet, keine Smartwatch und auch keine Fotokamera: Es ist ein Kartonbausatz.

Tatsächlich befinden sich in der Schachtel von Nintendo Labo (70 Franken) nur vorgestanzte Kartonplatten, ein paar Kleber und Gummibänder. Ganz ohne Technologie gehts freilich nicht. Zwischen den Kartonbausätzen findet sich eine Spiel-Diskette. Die Bausätze sind nämlich auf Nintendos neuste portable Konsole, die Switch (330 Franken), angewiesen.

Je nach Bausatz kann man so aus der Konsole und ihren abnehmbaren Controllern ein ferngesteuertes Auto, eine Angelrute, einen Roboterrucksack oder gar ein Klavier basteln. Diesen Sommer habe ich das ferngesteuerte Auto gebaut und war beeindruckt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir zuletzt eine so unterhaltsame Kombination aus Basteln, Experimentieren, Lernen und Spielen begegnet ist.

Gesteuert wurde das Auto, oder eher UFO, mit dem Switch-Tablet, und die Switch-Controller dienten als Motoren. Mit ihren Vibrationen lenkten sie das Kartonfahrzeug mal nach links oder rechts. Mit Infrarot-Schildchen konnte man das Auto sogar selbstständig fahren lassen. Und das war mit maximal einer halben Stunde Bauzeit nur der einfachste von fünf Bausätzen in der Schachtel.

Geduld gefragt

Für die grösste Herausforderung, das Klavier, brauche man zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden, rechnet Nintendo vor. Nun, da das Wetter nicht mehr ganz so toll ist, war endlich der ideale Zeitpunkt, mich an diese Herausforderung zu wagen.

Die Jungmannschaft aus dem Haus, den Esszimmertisch geräumt, das Telefon auf lautlos, konnte es losgehen. Dass dieses Projekt nicht ganz trivial werden würde, wurde schnell klar. Brauchte es für das Auto ein paar wenige Teile, waren für das Klavier gleich mehrere Kartonbögen mit zahllosen Teilen nötig.

Erst faltete man das Gehäuse, dann die Tasten. Schritt für Schritt führt einen die Nintendo Switch durch die Bastelei. Wenn man mal etwas nicht verstanden hat, kann man zurückspulen. Beeindruckend ist immer wieder, wie stabil alles ohne Leim und Klebeband hält. Nicht immer ist auf Anhieb klar, was man gerade baut, aber sobald man es mit anderen Teilen kombiniert, geht einem ein Licht auf.

Zweieinhalb Stunden und zwei Krüge mit Wasser später ist es vollbracht. Vor mir steht ein Mini-Klavier mit 13 Tasten. Nun muss man nur noch das Switch-Tablet und den roten Controller einschieben. Beide schnappen ein, als wäre das Klavier gerade eben von einer Hochpräzisionsmaschine und nicht von einem halb talentierten Bastler gefertigt worden.

Als wäre das alles nicht schon beeindruckend genug, funktioniert das Klavier viel besser als in den kühnsten Vorstellungen. Billige Plastikklaviere für Kinder sind ein Witz dagegen. Nicht nur haben die Kartontasten einen überraschend guten Druckpunkt, sie funktionieren auch tadellos und ganz ohne Saiten oder Kabel.

Das Geheimnis dahinter erklärt einem die Labo-App auf der Switch. Jede Taste hat hinten einen kleinen Reflektor, der kommt jedes Mal, wenn man eine Taste drückt ins Blickfeld des im roten Controller eingebauten Infrarotsensors. Der meldet dann per Funk ans Tablet, welche Tasten gerade gedrückt wurden und welcher Ton gespielt werden soll.

Töne verändern und verzerren

Mit ebenfalls aus Karton gebastelten Zylindern, Scheiben und Knöpfen wird aus dem Klavier ein kleiner Synthesizer. So kann man Töne auf verschiedene Arten verändern. Ja, man kann das Klavier auch einfach Schütteln, um die Töne zu verzerren. Möglich machen das die zahlreichen im Tablet und Controller verbauten Sensoren, die einem als Gelegenheitsspieler wohl kaum aufgefallen sind.

Und so klingt das Nintendo-Piano, wenn sich «Game of Thrones»-Komponist Ramin Djawadi damit befasst.

Die Konstruktion ist übrigens auch überraschend stabil. Das Klavier hat bis jetzt Konzerte sowohl des dreijährigen Juniors wie des Göttibubs im Teenager-Alter schadlos überstanden.

Fazit: Was für frühere Generationen eine Dampfmaschine oder ein Chemiebaukasten war, ist nun Labo für heutige Kinder: eine wunderbare Fusion aus Technologie, Forschung und Spielspass. Gewiefte Kinder dürften das freilich als Vorwand verwenden, um doch noch an eine Spielkonsole zu kommen.

Erstellt: 14.11.2018, 12:17 Uhr

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