So scharf sieht Googles Gigapixelkamera

Eine robotergesteuerte Kamera fotografiert Meisterwerke und Kulturgüter in extrem hoher Auflösung. Online stehen sie der Öffentlichkeit zur Verfügung.

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Charlotte Fechoz erinnert an eine Zauberin, wenn sie im Google Cultural Institute in Paris «Die Kornernte» von Pieter Bruegel dem Älteren präsentiert. Das Gemälde ist auf einer etwa 5 Meter hohen und 18 Meter breiten Bildschirmwand zu bewundern. Das Original aus dem Jahr 1565 dagegen hängt im Metropolitan Museum of Art in New York und ist nur 119 mal 162 Zentimeter gross. Jetzt warten Fechoz’ Zuhörer gespannt darauf, was sie im gross aufgezogenen Meisterwerk gleich hervorzaubern wird, das ihnen bis anhin verborgen blieb.

Die Wand, die «Big Wall», wurde im Cultural Institute entwickelt, um Kunstwerke in Übergrösse zu betrachten. «Die Kornernte» ist eines von gut 1700 Gemälden, die Google bisher mit seiner speziell zu diesem Zweck konzipierten Art Camera gescannt hat.

Die Gigapixelkamera im Einsatz

«Schauen wir nun den Hintergrund des Bildes genauer an», sagt die Koordinatorin der internen Forschungsabteilung The Lab und nimmt die Betrachter mit auf eine Zoom-Reise, taucht immer tiefer ins Gemälde hinein, bis wir an einem Teich landen. Im Original vielleicht acht Zentimeter lang, füllt er jetzt auf der Wand eine Fläche von etwa zwei Quadratmetern. Und plötzlich ist zu erkennen, wer da am Wasser sitzt: Mönche – und nackt badende Damen. «Bruegel, bekannt für seine fröhlichen Darstellungen bäuerlichen Lebens, war eben durchaus auch politisch», sagt Fechoz.

Meisterwerke, Tanz, Ballett, Theater, historische Archive

Andere Blickweisen auf Kunstwerke zu ermöglichen: Das ist eines der Ziele des Cultural Institute. «Wir versuchen, mit unseren Technologien Museen zu helfen, ihre Kulturschätze zu erhalten und sie einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen», sagt Lab-Direktor Laurent Gaveau. Und das kostenlos. Googles digitale Kunstgalerie kann über die Plattform Arts & Culture und die neue gleichnamige App begangen werden.

Vor fünf Jahren als Art Project angestossen, ist das Institut aus einem Nebenprojekt von Google-Mitarbeitern entstanden. Gestartet sei man mit 20 Leuten und 17 Museen, erzählt Gaveau. Inzwischen machen über 1200 Institutionen bei dem mit, was seit 2012 Cultural Institute heisst, darunter grosse Namen wie Moma oder Tate Modern. Auch das Kunsthaus Zürich und die Fondation Beyeler sind dabei.

Mit der Zeit sind zu den Bildern auch Tanz, Ballett, Theater und historische Archive dazugekommen. Die Plattform umfasst insgesamt über 200'000 Kunstwerke und sechs Millionen Fotos, Dokumente und Videos. Wer in Googles Vielspartenhaus vertreten sein will, muss eine Non-Profit-Organisation sein und die Rechte an den Werken besitzen.

«Wir werfen den Museen aber nicht einfach unsere Technologien vor die Füsse, sondern erarbeiten zusammen Lösungen für konkrete Bedürfnisse», sagt Gaveau. So ist vor zwei Jahren das Lab entstanden, ein Ort, wo sich Filmemacher, Schriftsteller, Kuratorinnen und Techniker treffen und nach neuen Wegen suchen, wie man Kunst auch noch erfahren könnte.

Die oben erwähnte Art Camera war eines der ersten Lab-Projekte. In einer überdimensionalen Schuhschachtel versteckt sich nebst 2 Motoren eine 20-Megapixel-Kamera. Sie schiesst vom Original Hunderte von Ausschnitten, die später wieder zusammengefügt werden. So erhält man die nötige Pixeldichte, um einzelne Pinselstriche zu erkennen. Weltweit sind 18 solcher Kameras im Einsatz.

Warum leistet sich Google ein so kostspieliges Projekt?

Eine davon fotografierte auch Marc Chagalls fantastische Deckenmalerei in der Pariser Oper. Was der Besucher dort nur mit Nackenschmerzen vom Nach-oben-Gucken bewundern kann, ist online bequem zu betrachten. Dann taucht Unsichtbares auf, wie das Wort Bizet, das der Maler unter einer Frauen-Figur einritzte.

Am Lab passieren auch Dinge, die über die Kunst hinaus Wirkung haben. In einer Ecke des Schauraums steht etwa eine für Indoor-Aufnahmen optimierte, abgewandelte Version der Street-View-Kamera, die virtuelle Museumsbesuche ermöglicht. Google setzt sich heute generell für Innenräume ein.

Stolz zeigt Gaveau auch eine andere Erfindung: «Das ist der Prototyp der Cardboard», sagt der Direktor und hält ein mit Klebstreifen zusammengehaltenes Modell von Googles Virtual-Reality-Viewer (VR) aus Karton in der Hand. Steckt man vorn ein Smartphone rein, dient er als simple VR-Brille. Zwei seiner Ingenieure haben sie entwickelt, um möglichst vielen Menschen das Eintauchen in Kunst zu ermöglichen: «Als sie mir das Kartonding zeigten, realisierte ich nicht, was es war», gesteht Gaveau. Larry Page erkannte das Potenzial sofort und lancierte die Cardboard offiziell.

Für sieben Franken kann man sich nun damit mitten in eine Ballettaufführung der Pariser Oper beamen oder unter die Berliner Philharmoniker mischen. Das ist nicht so atmosphärisch wie in echt, aber eröffnet einem neue Perspektiven auf Kulturereignisse. Wie auch in ein Gemälde steigen. Dazu baute Gaveaus Team in Zusammenarbeit mit den Königlichen Museen der Schönen Künste in Belgien aus HD-Aufnahmen von Bruegels «Der Sturz der rebellierenden Engel» eine sich bewegende Virtual-Reality-Version.

Gut fürs Image

Experimentiert wird auch mit VR-Kunstformen. So wurden junge Street-Art-Künstler ins Lab eingeladen, um mit der VR-App Tiltbrush herumzuspielen. Wer schon selbst mit Controllern und Virtual-Reality-Brille im schwarzen 3-D-Raum grüne und gelbe Pinselstriche gezogen und sich in seinem Werk bewegt hat, ahnt, welche neuen Kunsterfahrungen und -formen auf uns zukommen.

Im Cultural Institute kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus und fragt sich: Warum tut Google das? Warum leistet sich der Suchmaschinenriese ein so kostspieliges, nicht kommerzielles Projekt? Zum einen wohl, weil er es einfach kann. Und dann, weil Partnerschaften mit den namhaftesten Kulturinstitutionen dem Image guttun. Und drittens gelangt der Konzern so an wertvolle Daten für seinen Masterplan, alle Informationen der Welt zu sammeln.

Betrachten kann man die Bilder der Gigapixelkamera hier: https://www.google.com/culturalinstitute/beta/u/0/project/art-camera (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.08.2016, 13:54 Uhr

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