Startschuss ins Biometrie-Zeitalter

Mit dem Fingerabdruckscanner hält eine umstrittene Technologie Einzug ins neue iPhone 5S.

Apple ist nicht der erste Hersteller, der entsprechende Anläufe unternimmt. Trotzdem könnte das iPhone 5S den Scanner massentauglich machen.

Apple ist nicht der erste Hersteller, der entsprechende Anläufe unternimmt. Trotzdem könnte das iPhone 5S den Scanner massentauglich machen. Bild: Reuters

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Letztes Jahr fasste die Leitung der Grundschule von Lake Charles in Louisiana den Plan, die Schlangen in der Mensa zu verkürzen. Dazu wurde ein Produkt namens Palm Secure angeschafft. Dieser Scanner tastet berührungslos die Venen der Handfläche ab, identifiziert den Schüler und stellt die Pausen-Cola in Rechnung. Nicht gerechnet hatte die Schule mit dem vehementen Protest der Eltern: Dieser Scanner sei das, was in der Bibel als «Malzeichen des Tiers», sprich als Symbol des Leibhaftigen bezeichnet werde.

Nicht nur fundamentalistische Christen haben ihre liebe Mühe mit der Biometrie – der Identifizierung eines Menschen anhand persönlicher Merkmale. Der biometrische Pass war beim Start des Pilotprojekts 2006 stark umstritten. Nebst dem Umstand, dass er die Fingerabdrücke und das Passbild in digitaler Form enthält, weckte auch der RFID-Chip Bedenken. Er ermöglicht das berührungslose Auslesen der Daten. Facebook hat 2011 bei der Einführung einer neuen Funktion heftige Gegenwehr durch Nutzer und Datenschützer erfahren. Bei diesem «Tagging» wurden Gesichter bei hochgeladenen Fotos automatisch mit dem Namen des dazugehörenden Nutzers verknüpft. Aufgrund der Proteste wurde die umstrittene Neuerung Ende 2012 auf Eis gelegt.

Das Ende der Anonymität?

Beschert uns die Biometrie das Ende der Anonymität? Mittels biometrischer Methoden können Menschen im öffentlichen Raum auf Schritt und Tritt identifiziert werden – unfreiwillig und ohne ihr Wissen. Per Überwachungskamera erfolgt eine Gesichtserkennung auch aus der Ferne, und auch die Stimme oder der Gang können als Erkennungsmittel herangezogen werden.

Eine besondere Form der biometrischen Datenbank führte die Staatssicherheit der DDR. Sie sammelte in Einmachgläsern Geruchsproben von vermeintlichen Staatsfeinden. Beim Grenzübertritt wurde die Ohrenform der Ein- und Ausreisenden festgehalten, da sie eine eindeutige Identifikation erlaube. Die US-Ermittlungsbehörde FBI investiert seit 2011 Milliarden in Systeme zur Erkennung von Fingerabdrücken, Handballen, Iris und Gesichtern. Das System soll nicht nur zur Terror- und Kriminalitätsbekämpfung zur Verfügung stehen. Auch die Merkmale unbescholtener Bürger könnten bei der Stellensuche durch die Datenbank gejagt werden, schrieb 2011 die Electronic Frontier Foundation. Diese NGO setzt sich für die Grundrechte im digitalen Zeitalter ein.

Unfreiwillige Überwachung und Identifikation ist das eine. Sicherheitsexperten werfen der Biometrie andererseits vor, nicht zuverlässig genug zu sein. Körperliche Merkmale verändern sich im Laufe der Zeit. Verletzungen oder Krankheiten führen dazu, dass eine signifikante Zahl von Leuten die überprüften Merkmale gar nicht aufweisen. Das stellte die Studie des US-amerikanischen Nationalen Forschungsrats 2010 fest. Ein biometrisches System operiert im Rahmen der vorgegebenen Toleranzen. Eine Identifikation oder Nichtidentifikation erfolgt nie hundertprozentig, sondern immer nur in einer vorgegebenen Wahrscheinlichkeit. Die Studie weist darauf hin, dass selbst geringe Fehlerquoten bei behördlichen Ermittlungen «erhebliche Ressourcen» verschlingen würden.

Einfacher Identitätsdiebstahl

Dass Fingerabdrücke «gestohlen» und missbraucht werden können, hat der Chaos Computer Club schon 2007 bewiesen. Zusammen mit zwei Reportern des ARD-Magazins «Plusminus» gelang es den Computerexperten, die biometrische Kasse eines Supermarkts zu überlisten. Die entsprechende Anleitung ist inzwischen als Video bei Youtube zu finden. Gestoppt hat das die Fingerabdruckscanner nicht. Die deutschen Grossverteiler Rewe, Edeka und Metro testen entsprechende Systeme als Alternative zur Kredit- und EC-Karte. Immerhin: Eine sogenannte Lebendfinger-Erkennung soll die Blutzirkulation überprüfen und sicherstellen, dass keine Attrappe ins Lesegerät gehalten wird.

Mit dem iPhone 5S hält die Biometrie nun – vielleicht – Einzug in die Welt der Smartphones und Computer. Apple ist jedoch längst nicht der erste Hersteller, der entsprechende Anläufe unternimmt. Bei den Laptops sind die Fingerabdrucksensoren wieder weitgehend verschwunden. Zum einen, weil sie sich nicht immer als zuverlässig erwiesen haben. Zum anderen wiesen manche Lösungen unter Windows so eklatante Lücken auf, dass sie die Sicherheit des gesamten Systems kompromittierten.

Unter Verlässlichkeitsproblemen litt auch der Fingerabdruckscanner, den Motorola schon 2011 bei seinem Atrix-Modell eingebaut hatte. Bei diesem Smartphone musste man laut diversen Testern den Finger oft mehrmals scannen; sodass man über die normale Entsperrung schneller ans Ziel kam.

Für Zwillinge ungeeignet

Die Funktion «Face Unlock» von Googles Android-Betriebssystem gibt das Gerät frei, wenn sie via Kamera das Gesicht des Besitzers erkennt. Blogger haben Videos veröffentlicht, bei denen sich das Gerät auch über ein Bild des Besitzers entsperren liess, das entweder ausgedruckt oder sogar per Display vor das Telefon gehalten wurde. Google-Entwickler haben dieser Darstellung widersprochen – doch wer einen Zwilling oder ähnlich aussehende Familienmitglieder hat, tut gut daran, sie dennoch nicht zu nutzen.

Die biometrischen Identifikations­systeme sind eine zweischneidige Sache. Im Idealfall machen sie den Alltag einfacher, indem sie dem Nutzer die Passworteingabe ersparen und ihm helfen, ein bisschen Zeit zu gewinnen. Und: Sie können auch durchaus einen Sicherheits­gewinn darstellen. Dann nämlich, wenn Leute sie einsetzen, die bisher aus Bequemlichkeit auf jegliche Absicherung ihres Telefons oder Computers verzichtet haben. Es ist jedoch eine Techno­logie, die oft genug Sicherheit nur vorgaukelt und neue Fehlermöglichkeiten einführt.

Seine biometrischen Merkmale kann man, anders als ein Passwort, nicht eben mal einfach so wechseln. Es lässt sich einwenden, dass die gängigen Scanner einen Algorithmus verwenden, mit dem sich ein gescannter Abdruck zwar prüfen, aber nicht rekonstruieren lässt – was aber nicht alle Skeptiker beruhigen dürfte. Das gewichtigste Argument gegen den Sensor ist, dass Apple auf gewohnt elegante Weise den Komfort des Benutzers ins Zentrum stellt und unbequeme Dinge von ihm fernhält – Sicherheit aber ist etwas, das im Kopf des Benutzers beginnt und deshalb nicht komplett ausgeblendet werden darf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.09.2013, 10:14 Uhr

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