Vernichtendes Urteil über Nokia-Führung

Insider sprechen von «bürokratischem Monster» und «Sowjet-Regierung» und beschuldigen die Manager des finnischen Handy-Giganten, im Kampf gegen das iPhone konkrete Vorteile verspielt zu haben.

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Dieser Artikel hat in den USA und Finnland eingeschlagen wie eine Bombe: Mehrere ehemalige Nokia-Angestellte berichten in der «New York Times» über die Zustände beim weltgrössten Handyhersteller.

Da ist etwa Kai Nyman. Der früher für das Betriebssystem Symbian zuständige Manager klagt, dass sein Team «den kompletten Systemcode mehrfach hätte neu schreiben können». Seine Leute hätten um die Schwachpunkte des Programms gewusst und über 500 Optimierungsmöglichkeiten vorgeschlagen, sie seien damit aber auf taube Ohren gestossen: «Wir hatten die Zeit, die Ressourcen und die Leute. Aber wir taten es nicht.»

Der App-Store hätte früher realisiert werden können

Auch ein anderer hochrangiger Mitarbeiter, Ari Hakkarainen, nimmt kein Blatt vor den Mund. Sein Vorwurf: Das Unternehmen habe bereits drei Jahre vor der Lancierung des Konkurrenzproduktes iPhone einen Smartphone-Prototypen mit grossem touchscreenfähigen Bildschirm entwickelt. Die Firmenspitze habe das Projekt aber nicht weiterverfolgen wollen. Gleichzeitig hätten seine Leute einen Onlineshop für Zusatzprogramme im Kopf gehabt. Auch diese (von Apple mit dem App-Store 2008 umgesetzte) Idee wurde von Nokia nicht realisiert.

Mangelnde Risikofreude ist jedoch offenbar nicht der einzige Grund dafür, dass Nokia auf dem Smartphone-Markt den Anschluss verloren hat. Juhani Risku, der acht Jahre bei Nokia gearbeitet hat, vergleicht im Artikel der «New York Times» die interne Entscheidungsfindung mit der Sowjet-Bürokratie. Wichtiger als Inhalte seien Machtkämpfe gewesen.

Nokia wehrt sich

Nokia weist die Vorwürfe allerdings entschieden zurück: Natürlich sei es möglich, Innovationen verpasst zu haben. Das gebe es aber in jedem Konzern. «Wir waren dafür mit anderen Innovationen erfolgreich.» Die von der «New York Times» zitierten ehemaligen Nokia-Angestellten seien im Übrigen nur für Spezialaufträge zuständig gewesen und hätten wenige Leute geführt, weshalb deren Kritik auch nicht überbewertet werden solle. (rek)

Erstellt: 28.09.2010, 12:56 Uhr

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