«Viele denken ja, das Internet ist Facebook»

Beim Mobile World Congress in Barcelona stellen Europa, die USA und China den Grossteil der 1500 Aussteller. Dabei ist man sich in der Branche des Potenzials bewusst, das in Afrika vorhanden ist.

Die Nachfrage nach günstigen Smartphones steigt: Neues Nokia-Smartphone Lumia 520. (25. Februar 2013)

Die Nachfrage nach günstigen Smartphones steigt: Neues Nokia-Smartphone Lumia 520. (25. Februar 2013) Bild: Toni Albir/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

90 Prozent der zwei Milliarden Menschen, die in den nächsten vier Jahren neu ins mobile Internet einsteigen werden, kämen aus den Entwicklungsländern im Süden, sagte Guy Zibi von der US-Unternehmensberatung Pyramid Research am Dienstag bei einem Podiumsgespräch zum Auftakt der Fachmesse MWC in Barcelona.

Dabei geht es um mehr als nur um das Geschäft. «Eine Verdoppelung der Internet-Zugänge in ärmeren Ländern könnte nahezu 600 Millionen Menschen über die Armutsschwelle hieven», sagte Nasser Marafih, Vorstandschef der Qtel-Gruppe. Diese betreibt vom Golfemirat Katar aus Telekomgesellschaften im Nahen und Mittleren Osten sowie in Indonesien und Nordafrika.

Hohe Preise und Analphabetismus

«Südostasien und Afrika hungern am meisten danach, ins Internet zu gehen», sagte der Vorstandschef des grössten indischen Mobilfunkanbieters Bharti Airtel, Manoj Kohli. Aber zwei Hindernisse verhindern bislang, dass dieser Hunger schnell gestillt werden kann: Die hohen Preise für Handys und den Internet-Zugang sowie mangelnde Bildung und Analphabetismus.

«Wir müssen einen Weg finden, wie wir diese Kundenprobleme lösen können», sagte Telekom-Manager Marafih. Die Preise seien für die meisten Menschen im Mittleren Osten und Nordafrika eine unüberwindbare Hürde.

Ausserdem könnten 23 Prozent der Bevölkerung in dieser Region weder lesen noch schreiben. Die Netzbetreiber könnten das nicht allein lösen. Hier seien auch Regierungen und Regulierungsbehörden gefordert, die Vernetzung mit kreativen Lösungen voranzutreiben.

Mobiles Internet demokratisieren

In Nigeria kümmert sich Segun Ogunsanya um diese Aufgabe. Der Airtel-Chef im bevölkerungsreichsten Land des Kontinents ist nach Barcelona gekommen, «um herauszufinden, wie wir das mobile Internet mit Breitbandzugang billiger machen können».

Er will vor allem die Bauern auf den Dörfern ans Netz bringen - damit diese ihre Preise mit denen im übrigen Land und auf dem Weltmarkt vergleichen oder günstiger Düngemittel bestellen können.

Dabei arbeitet Ogunsanya mit der Regierung zusammen, die vor zwei Monaten ein Programm gestartet hat, um Bauern mit Mobiltelefonen auszustatten. «Es geht darum, das mobile Internet in Afrika zu demokratisieren», sagt der Manager im Gespräch.

Einfache, aber leistungsfähige Handys in die Entwicklungsländer zu bringen: Dieses Ziel verfolgt auch der finnische Hersteller Nokia. Dabei könnten die Rezepte der Industrieländer nicht ohne weiteres übertragen werden. «Wir brauchen eine neue Roadmap», sagte Konzernchef Stephen Elop.

«Viele denken ja, das Internet ist Facebook», sagte Elop. «Wir müssen den Menschen dabei helfen, Informationen zu entdecken, die für sie persönlich wichtig und an ihrem Lebensort sinnvoll sind.»

Billig-Handys in Brasilien

Während Nokia seine Handys mit dem Microsoft-System Windows Phone ausstattet, will das nichtkommerzielle Mozilla-Projekt das Web zum Betriebssystem machen: Das auf dem Mobile World Congress vorgestellte Firefox OS soll Smartphones in Entwicklungs- und Schwellenländern erschwinglich machen.

Die ersten Billig-Handys mit dem neuen System werden derzeit in Brasilien eingeführt. Mozilla-Chef Gary Kovacs schätzt, dass sich die Zahl der Menschen mit Internet-Anschluss in den nächsten fünf Jahren verdoppeln wird - von heute rund 2,5 Milliarden auf 5 Milliarden.

Der Mozilla-Stratege stellt dabei die Dominanz der grossen Internet-Konzerne in Frage: «Die neue Generation von Internet-Nutzern hat ganz andere Erwartungen. Das kann nicht nur von ein oder zwei Unternehmen kommen, die im Silicon Valley sitzen.» (rek/sda)

Erstellt: 26.02.2013, 16:39 Uhr

Artikel zum Thema

«Apple kann natürlich so weitermachen»

Interview Der MWC, der weltgrösste Smartphone-Anlass, hat begonnen. Jörg Wirtgen über den iPhone-Produzenten als Nischenhersteller, Blackberry auf der Suche nach Coolness und die Windows-Phone-Zukunft. Mehr...

Aufruhr im Hinterland der Mobil-Revolution

Samsung, Google und Apple sind die Könige im Mobilfunkmarkt, doch neue Konkurrenz ist in Sicht. Mehr...

Nach dem «Mausfinger» die «iPhone-Schulter»

Touch-Bildschirme statt Tastaturen, Tablets statt Bürodesktops, Glossy Displays statt matte Bildschirme: Forscher Michael Bretschneider-Hagemes über die gesundheitlichen Folgen der neuen Technologien. Mehr...

Bildstrecke

Barcelona zeigt die Smartphone-Zukunft

Barcelona zeigt die Smartphone-Zukunft Jörg Wirtgen über Apple als hochprofitabler Nischenhersteller, Blackberry auf der Suche nach Coolness und die Windows-Phone-Zukunft.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Finden Sie mit unserem unabhängigen Abovergleich das optimale Handyabo.
Jetzt vergleichen.

Blogs

History Reloaded Braucht Brasilien wieder einen Kaiser?

Mamablog Schulzuteilung per Algorithmus?

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...