Warum es für Microsoft Zeit ist, das Handtuch zu werfen

In den letzten drei Jahren hat Microsoft seine letzten Smartphone-Kunden verprellt. Der Chef aber glaubt unbeirrt an ein Comeback.

Damals war die Windows-Phone-Welt noch einigermassen in Ordnung: Microsoft-Chef Satya Nadella im April 2014 mit einem Lumia-Telefon.

Damals war die Windows-Phone-Welt noch einigermassen in Ordnung: Microsoft-Chef Satya Nadella im April 2014 mit einem Lumia-Telefon. Bild: Robert Galbraith/Reuters

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Gestern hat Microsoft still und leise Windows Phone 8.1 beerdigt. Paul Thurrott, ein intimer Kenner des Konzerns, rief zu einer Schweigeminute auf: «Das war das letzte Smartphone-Betriebssystem von Microsoft, das noch etwas getaugt hat.»

Im Juli 2014 ist Windows Phone 8.1 mit einer Reihe von innovativen Funktionen auf den Markt gekommen, beispielsweise dem «Action Center» mit einer Kombination aus Benachrichtigungen und Einstellungen. Microsoft erzielte mehr als einen Achtungserfolg. In einem guten Dutzend Ländern haben sich die Windows-Telefone in dieser Zeit sogar vors iPhone gesetzt. Die Kacheln – das optische Markenzeichen des Systems – fanden unter anderem in Italien, Polen, Mexiko, Tschechien und Finnland Anklang.

Doch seit 2015 geht es steil bergab. Heute liegt der Marktanteil global unter einem Prozent, und er wird weiter sinken. Wer heute noch ein Windows Phone verwendet, wird es wahrscheinlich ersetzen müssen. Da Microsoft nach dem offiziellen Aus keine Updates mehr liefert, ist die Sicherheit nicht mehr gewährleistet. Und die letzten Windows-Phone-Mohikaner werden ihrer Marke kaum treu bleiben. Viele von ihnen fühlen sich im Stich gelassen. Denn nur wenige Geräte lassen sich überhaupt auf Windows 10 Mobile umrüsten. Es bleiben auch Modelle aussen vor, bei denen Microsoft ursprünglich explizit eine Umstiegsmöglichkeit versprochen hatte.

Jedes Interesse verloren

Windows 10 Mobile ist zwar der offizielle Nachfolger von Windows Phone, aber de facto keine Alternative: Gerätehersteller wie Kunden haben das Interesse verloren. Das einzige nennenswerte Gerät ist das Elite x3 von HP, das schon 2016 auf den Markt gekommen ist. Es richtet sich an Geschäftskunden, die es mittels Dockingstation auch als Laptop nutzen. Microsoft selbst hat nach dem Lumia 650 vom Februar 2016 keine neuen Modelle mehr lanciert. Das allein kommt einem Aufruf gleich, einen grossen Bogen um die Telefone mit der Kachel-Oberfläche zu machen.

Knapp 7 Jahre nach dem Start von Windows Phone bleibt die nüchterne Feststellung: Microsoft hat auf doppelter Linie versagt. Einerseits war das Investment in Nokia ein milliardenschweres Debakel. Beide Unternehmen haben sich 2013 aus einer Position der Schwäche zusammengetan. Google-Top-Manager Vic Gundotra hatte bei der ersten Annäherung der Konzerne gespottet, «zwei Truthähne würden eben keinen Adler ergeben». Microsoft konnte die Gerätehersteller nicht vom eigenen System überzeugen und Nokia hatte mit Symbian aufs falsche Pferd gesetzt.

Andererseits hat Microsoft die (bescheidenen) Erfolge mit Windows Phone in den letzten drei Jahren mutwillig aufs Spiel gesetzt. Unter dem Schlagwort «Konvergenz» ging Microsoft 2014 daran, die Betriebssysteme für den Desktop und die Smartphones zusammenzuführen. Das Resultat ist besagtes Windows 10 Mobile, das sich mit dem normalen Windows 10 für PC und Laptops einen gemeinsamen Systemkern teilt.

Die kleinen Erfolge verspielt

In der Theorie klingt der universelle Ansatz ausgezeichnet: Das Team, geleitet von Terry Myerson, entwickelt die ganze Palette an Windows-Varianten, die optimal aufeinander abgestimmt ist und im Gleichschritt verbessert wird. Es gibt einen gemeinsamen Store, und App-Hersteller brauchen nur wenige Modifikationen anzubringen, um ihre Produkte von einer Geräteklasse auf die andere zu bringen.

Das erschien als geniale Lösung für das grösste Problem, nämlich das im Vergleich mit Android und dem iPhone dünne Angebot an Apps. Die Aussicht, auch auf Windows-10-PC präsent zu sein, ist für Softwareentwickler ein attraktiverer Anreiz, als wenn sie ihre Produkte nur für eine kleine Handy-Nutzerschar bereitstellen. In der Praxis zeigten sich die gravierenden Nachteile dieses «One Windows»-Ansatzes: Windows 10 Mobile war im Vergleich zu Windows Phone 8.1 ein Rückschritt. Und Microsoft war nicht in der Lage, einen nahtlosen Übergang vom alten zum neuen System zu gewährleisten.

Manche halten diese strategischen Fehlentscheide für nebensächlich. Balaji Viswanathan war seinerzeit Softwareingenieur bei Microsoft. Er hat 2015 gesagt, Apple hätte sich voll aufs iPhone konzentriert, während das Telefonprojekt «zu den 40 Dingen gehörte, die Microsoft gerade am Laufen hatte». Vom damaligen Android-Chef Andy Rubin weiss man, dass Google seine Telefonpläne nach der iPhone-Ankündigung 2007 über den Haufen geworfen hat.

Das falsche Ertragsmodell

Microsoft hingegen war sich seiner Sache wegen der dominierenden Position im PC-Markt zu sicher. Der damalige Chef Steve Ballmer hat den Fehler gemacht, das Windows-Ertragsmodell auf die Smartphone-Welt zu übertragen. Doch die Hersteller waren kaum gewillt, Lizenzgebühren an Microsoft zu entrichten, wo es Android mitsamt den Google-Diensten praktisch zum Nulltarif gab.

Steve Ballmer hat Ende letzten Jahres in einem viel beachteten Interview mit Bloomberg gesagt, er wünschte, er hätte daran gedacht, sich die Telefone von den Mobilfunkbetreibern subventionieren zu lassen: «Die Leute haben gesagt, das iPhone werde sich mit einem Preis von 700 Dollar nicht verkaufen. Doch Apples Innovation beim Geschäftsmodell war, es in der monatlichen Telefonrechnung zu verstecken.»

Comeback mit dem «Surface phone»?

Nach heutigem Stand der Dinge ist Microsoft raus aus dem Mobilfunkmarkt. Doch der Chef, Satya Nadella, will die Sparte nicht beerdigen: In einem Podcast-Interview sagte er vor kurzem, er sei sicher, dass Microsoft wieder Telefone bauen werde – die gerüchteweise unter dem Namen «Surface phone» laufen. «Sie werden aber wahrscheinlich nicht so aussehen wie die Telefone, die es heute gibt.»

Nadella erwähnte auch explizit die Continuum-Funktion, die es einem Telefon erlaubt, als Laptop oder Desktop-PC benutzt zu werden. Microsoft hat den alten Traum vom universellen Computer – der vom PC über das Tablet bis hin zum Mobiltelefon jede Rolle spielt – noch nicht ausgeträumt.

Erstellt: 11.07.2017, 16:55 Uhr

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