Was hält die Chefin von Apple Pay von Schweizer Banken und Twint?

Heute startet Apples Bezahldienst in der Schweiz. Die verantwortliche Managerin stand Tagesanzeiger.ch/Newsnet Rede und Antwort.

Die Apple-Pay-Chefin Jennifer Bailey präsentiert ihren Bezahldienst 2015 an der Entwicklerkonferenz von Apple.

Die Apple-Pay-Chefin Jennifer Bailey präsentiert ihren Bezahldienst 2015 an der Entwicklerkonferenz von Apple. Bild: Reuters

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Als Jennifer Bailey, die Chefin von Apple Pay, im letzten Sommer an der Apple-Entwicklerkonferenz die Vorzüge und Fortschritte ihres Bezahldienstes vorstellt, ist sie die erste Frau in fünf Jahren, die an den sonst männerlastigen Events des Techkonzerns spricht.

Nun ist sie am anderen Ende einer Telefonleitung und verkündet: «Am Donnerstag starten wir Apple Pay in der Schweiz.» Ein Start in diesem Jahr war erwartet worden – spätestens seit ein Finanzportal den Start für Anfang Juni vorhergesagt hatte.

Drei kleinere Anbieter

Zum Start sind mit der Cornèr Bank, Swiss Bankers und Bonus Card drei kleinere Anbieter dabei. Die grossen Namen fehlen. Auf die Frage, ob es in einem Jahr schon mehr sein werden, antwortet sie lachend: «Mein Ziel sind 100 Prozent.» Man darf gespannt sein, ob sie dieses ambitionierte Ziel erreichen kann.

Tatsächlich ist Apple Pay 2014 in den USA mit sechs Banken auch klein gestartet. Nun sind es rund 2500. Ob es denn schwieriger gewesen sei, mit Schweizer Banken zu verhandeln, als in den sechs Ländern zuvor, in denen der Bezahldienst schon läuft, verneint sie. Es habe sogar Freude gemacht, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.

Apple als Bedrohung

Trotzdem sehen manche Banken Apple Pay als Bedrohung. Zu Recht? «Wir sehen Apple Pay als Plattform für Banken, um ihre Services anzubieten. Die Banken behalten ihre Kunden, sie entscheiden, welche Karte den Dienst nutzen darf, sie bestimmen, welche Transaktionen ausgeführt werden und welche nicht. Also genau so wie heute schon mit Kreditkarten.» Wie viel die Teilnahme an Apple Pay die Banken aber kostet, sagt sie nicht. Das sei vertraulich.

Bailey, und damit auch Apple, hofft darauf, dass die hohe Kundenzufriedenheit von Apple Pay die Banken überzeugen werde mitzumachen. Ihre Türe sei jederzeit offen, wenn eine weitere Bank sich anschliessen wolle.

Twint nie ausprobiert

Mit Twint haben die Schweizer Post und mehrere Banken eine eigene mobile Bezahllösung entwickelt. Die kleinen giftgrünen Bezahlterminals sieht man in immer mehr Schweizer Läden. «Ja, ich kenne Twint, habe es aber leider nie ausprobieren können», sagt Bailey.

Auf die Frage, was sie denn davon halte, antwortet sie, wie man es von amerikanischen Managern kennt, indirekt: «Wenn wir mobiles Bezahlen generell und im Bezug auf die Akzeptanz bei Kunden anschauen, dann sehen wir, dass es einfach sehr, sehr simpel, sehr schnell, sehr sicher und sehr privat sein muss. Das muss alles klappen, wenn mobiles Bezahlen Erfolg haben soll. Also alles, was komplizierter ist und viele Schritte braucht, macht es für Kunden schwierig, es in ihren Alltag zu integrieren.»

Gerade was die Anzahl Schritte angeht, ist die Apple-Lösung tatsächlich weniger kompliziert als Twint. Während die Schweizer Lösung auf den Funkstandard Bluetooth und eigene Terminals setzt, nutzt Apple Pay mit NFC dieselbe Technologie, wie sie schon heute Bezahlkarten nutzen, die man nur schnell ans Terminal halten und nicht mehr hineinstecken muss (Was ist NFC?). So kann Apple die bereits gut ausgebaute Bezahlinfrastruktur der Schweiz nutzen, während Twint erst seine eigenen Terminals ausliefern muss.

Siebtes Land

Die gute Verbreitung von NFC in der Schweiz sei dann auch ein entscheidender Grund gewesen, warum Apple Pay in der Schweiz früher als in anderen Ländern lanciert wurde. Für gewöhnlich ist die Schweiz bei Apple, was die Lancierung von neuen Produkten angeht, in der zweiten Reihe. Bei Apple Pay gehört die Schweiz nun als siebtes Land zu den schnelleren. In Deutschland etwa gibt es den Bezahldienst noch nicht.

Im Vorfeld der Präsentation von Apple Pay 2014 war spekuliert worden, dass Apple mit einem eigenen Bezahldienst zu einer Bank werden könnte. Die nötigen finanziellen Reserven sind ja reichlich vorhanden. Solchen Spekulationen erteilt Bailey eine Absage. Schon beim Start des iPhones hätten Leute gefragt ob Apple nun auch ein Telecomanbieter werden wolle. «Wir sehen unsere Aufgabe mehr darin, Banken, die Kunden kennen, schätzen und denen sie vertrauen, die Möglichkeit zu bieten, auf dem iPhone präsent zu sein. Das ist für uns viel interessanter und für die Kunden auch. Darum lieber Partnerschaften als selber machen.»

Auch etwas für Android?

Den eigenen Musikdienst Apple Music hat der Techkonzern im letzten Jahr auch auf Android, der Konkurrenzplattform von Google, lanciert. Bailey zweifelt, ob das mit Apple Pay auch möglich wäre. Um das Mass an Komfort und Sicherheit zu bieten, brauche es eine tiefe Integration von Hard- und Software. «Apple Pay auf andere Plattformen zu bringen, wäre sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich.»

Diese Verzahnung von verschiedenen Technologien, die Apple Pay möglich machen, macht es auch schwierig, einen genauen Zeitpunkt zu nennen, wann Apple mit der Entwicklung seines Bezahldienstes begonnen habe. Zum Beispiel am Fingerabdrucksensor habe der Konzern viele Jahre gearbeitet, dann sei er 2013 vorgestellt worden, und seither habe man ihn ständig verbessert.

Warten auf Technologie

Ähnlich sei es mit anderen Technologien gewesen. Auch mit der Arbeit am NFC-Modul habe man lange vor der Präsentation von Apple Pay begonnen. Man habe gewartet, bis die Technologie so weit fortgeschritten war, dass sie sehr hohe Kundenzufriedenheit erreiche und wenig Strom verbrauche.

Während Apple den NFC-Chip exklusiv für Apple Pay einsetzt, nutzen ihn Android-Geräte, um Daten auszutauschen oder per Berührung bequem eine Fotokamera oder einen Kopfhörer zu verbinden. Beim iPhone vermisst man diesen Komfort. Nach dem Gespräch mit Bailey hat man den Eindruck, dass sich daran bei Apple nicht so bald etwas ändern wird.

NFC bleibt exklusiv

«Wenn man sein iPhone heute an ein NFC-Terminal hält, weiss das Telefon automatisch, dass es Apple Pay öffnen muss. Wenn mehrere Apps NFC nutzen könnten, wäre es schwierig denselben Komfort und dasselbe Tempo zu bieten.» Auf Nachfrage präzisiert die Apple-Pay-Chefin: «Bei NFC gibt es kein Protokoll, das einem Telefon sagen würde, welche App es öffnen soll. Etwa in einem Hotel ist es möglich, per NFC Türen zu öffnen. Leider ist es heute nicht möglich, dass die Türe dem Telefon sagt, ich bin eine Hoteltüre, öffne diese App. Um diese einfache und schnelle Art zu garantieren, geben wir nur der Wallet-App und damit Apple Pay Zugriff auf den NFC-Chip.»

Nach dieser Aussage dürften sich auch die Hoffnungen von anderen Bezahldiensten bis aus weiteres zerstreuen, in naher Zukunft Zugriff auf den NFC-Chip des iPhones zu bekommen und mit ihren Diensten denselben Komfort zu bieten (siehe Box).

Erstellt: 07.07.2016, 06:05 Uhr

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Klage gegen Apple Pay

Da Apple anderen Bezahldiensten nicht erlaubt, den NFC-Chip des iPhones zu nutzen, hat die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) am Dienstag Klage bei der Wettbewerbskommission (Weko) eingereicht. Die Problematik sei der Behörde bekannt, sagte Weko-Sekretariat-Vizedirektor Olivier Schaller auf Anfrage. Die Wettbewerbsbehörden werden zurzeit kein Verfahren einleiten, sondern beobachten, wie sich der Markt entwickelt. Ein Ende der Monopolisierung der NFC-Schnittstelle forderte unlängst auch Urs Rüegsegger, Chef der Finanzdienstleisterin SIX. Der Konzern ist neben den fünf grössten Schweizer Banken und den Detailhändlern Coop und Migros einer der Besitzer von Twint. (SDA)

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