Wofür die Kompaktkamera eben doch gut ist

Überrumpelt und überholt von Smartphones, suchen Hersteller von handlichen Kameras nach einer neuen Daseinsberechtigung für die «Kamera für alle». Gefunden?

Wer macht das schönere Foto? Die Digitalredaktoren Zeier (links) und Schüssler mit den Premium-Kompaktkameras von Sony (links) und Canon. Foto: Doris Fanconi

Wer macht das schönere Foto? Die Digitalredaktoren Zeier (links) und Schüssler mit den Premium-Kompaktkameras von Sony (links) und Canon. Foto: Doris Fanconi

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Die Digitalisierung hat nicht die Zukunft, sondern das Ende der Kompaktkamera als Produkt für die Massen eingeläutet. Aus dem Windschatten dieser Entwicklung hat sich – zum Schrecken der traditionellen Kamerahersteller – das Kamerahandy durchgesetzt. Jahr für Jahr ­gehen die Verkaufszahlen für Kompaktkameras zurück. Urs Tillmanns, Herausgeber des Schweizer Onlinemagazins ­Fotointern.ch, geht daher davon aus, dass Kompaktkameras zwischen 100 und 300 Franken schon in kurzer Zeit komplett verschwinden werden.

Hundert Jahre nachdem Oskar Barnack mit der Ur-Leica die Kompakt­kamera erfand und einen Grundstein für die Demokratisierung der Fotografie legte, erlebt die «Kamera für alle» derzeit ihre grösste Krise. Die Hersteller ­haben es verschlafen, dem Smartphone ­etwas entgegenzusetzen. Im Glauben, dass ihre Kameras besser sind, merkten sie zu spät, dass die Bildqualität der Handykameras zwar vergleichsweise nicht besser, aber gut genug wurde.

Premium und Abenteuer

Doch Krisen machen erfinderisch. Spät, aber wohl nicht zu spät haben die Hersteller reagiert: Sie verabschieden sich von der «Kamera für alle». Aktuelle Kompaktkameras spezialisieren sich auf Segmente, in denen das Smartphone nicht mithalten kann. Das Premium-­Segment sei besonders interessant. «Alle Hersteller werden sich künftig darauf konzentrieren», ist Tillmanns überzeugt. Wie das aussehen könnte, zeigen die neusten Kameras von Sony und Canon: hohe Bildqualität dank grosser Sensoren, mehr Zoom und einfacher Fototransfer zu Smartphones dank Funk. Damit wird die Kompaktkamera preislich und in Sachen Bildqualität näher an die höherklassige Kategorie der Spiegelreflex- und Systemkameras mit Wechselobjektiv herangeführt. Doch mit hohen Preisen wird die Kompaktkamera unweigerlich zur Nischenkamera.

Dass der Wechsel vom Mainstream in die Nische eine Chance ist, zeigen die Abenteuerkameras. Diese robusten Kompaktkameras richten sich an Ex­trem- und Hobbysportler. Sie sind aber wegen ihrer Robustheit auch bei gewöhnlichen Urlaubern und sogar Drohnenpiloten beliebt. Das amerikanische Unternehmen Gopro hat dieses Segment geprägt. Doch inzwischen haben auch traditionelle Hersteller diese Nische ins Visier genommen. Die Kompaktkamera wird uns also in verschiedenen Nischen und neuen Formen erhalten bleiben. Ganz so häufig wie noch vor ein paar Jahren wird man «die Kamera für alle» aber nicht mehr sehen: weder in den Läden noch in den Händen von Touristen.



Sony RX100 III
Die Kleine in der Liga der Grossen

Sonys RX100-Reihe hat schon immer gute Kritiken eingeheimst. Die «New York Times» nannte 2012 das erste Modell die beste Kompaktkamera aller Zeiten. Nun kommt die dritte Ausgabe, die RX100 III, auf den Markt. Begleitet wird auch sie von lobenden Kritiken. Das Fotomagazin Dpreview.com etwa schreibt: «Die leistungsfähigste Kompaktkamera, die wir je gesehen haben.» Doch den eigenen Eindruck können gute Kritiken nicht ersetzen. Bei einem empfohlenen Preis von 999 Franken ist Ausprobieren vor dem Kauf Pflicht.

Auch mit der dritten RX100-Ausgabe ist das Konzept dasselbe geblieben: so viel Fototechnik wie möglich in ein Gehäuse zu packen, das kaum grösser ist als ein Zigarettenpäckchen und in die Hosentasche passt. Ein 20-Megapixel-Sensor, 1 Zoll gross, bietet höhere Bildqualität als bei billigeren Kompaktkameras oder Smartphones mit kleineren Sensoren. Das Zeiss-Objektiv ist ­äusserst lichtstark. So gelingen Aufnahmen in dunklen Räumen besser, und Hintergründe lassen sich leichter unscharf stellen, wie man es von Profifotografen kennt. Im wahrsten Sinne des Wortes herausragend ist der elektro­nische Sucher. Der versteckt sich im Gehäuse und lässt sich bei Bedarf – ähnlich wie ein Blitz – ausfahren.

Interessant ist die RX100 III für Enthusiasten, die keine grosse Kamera mit Wechselobjektiven mit sich tragen wollen, und für anspruchsvolle Schnappschussfotografen mit grossem Budget. Beide werden an dieser Kamera viel Freude haben. Schnappschüsse gelingen zuverlässig und sehen erst noch sehr gut aus. Aber auch komplexe Fotoideen lassen sich mit den umfangreichen manuellen Einstellmöglichkeiten verwirklichen. Für die Mehrheit ist die Kamera jedoch bei all ihren Qualitäten zu teuer. Zumal es für weniger Geld schon flexiblere System- und Spiegelreflexkameras gibt. In die Hosentasche passen die zwar nicht mehr, aber dafür hat man ja das Smartphone. (zei)



Canon Powershot G1 X Mark II
Canon wagt die Flucht nach oben

Wie bleibt das Segment der Kompakten trotz der allgegenwärtigen Kamerahandys interessant? Die Antwort von Canon auf diese Frage heisst Powershot G1 X Mark II. Das Flaggschiff in der Kompaktliga kostet nicht nur ähnlich viel wie eine Spiegelreflex aus dem Einsteigerbereich. Es hat auch einen Sensor, der sich mit der DSLR-Klasse messen kann: Die Auflösung bewegt sich bei 13 Megapixeln, er verwendet das typische Seitenverhältnis von 3:2, und auch bei der Fläche ist er fast so gross wie der APS-C-Sensor einer Spiegelreflex.

Dank des grossen Sensors schlägt sich die Kamera bei schwierigen Lichtverhältnissen besser als die durchschnittliche Kompaktknipse (maximale ISO: 12 800). Sie liefert auch mehr kreativen Spielraum bei der Bildgestaltung mit der Schärfentiefe, wie er bei den Handy­kameras undenkbar ist – bei ihnen ist ab ein bis zwei Metern einfach alles scharf.

Auch trumpft die Powershot G1 X Mark II genau in den Bereichen auf, in denen Smartphones ihre Defizite haben. Ein Drehring am Objektiv (12,5 bis 62,5 mm Brennweite) stellt komfortabel die Zoomstufe ein. Im AV-Modus wählt man über den Ring die Blende, bei TV die Belichtungszeit. Über einen zweiten Drehring kann man auf Wunsch auch manuell fokussieren. Und nebst JPEG steht auch RAW zur Verfügung.

Es gibt WLAN mit der Möglichkeit, Bilder ans Smartphone zu übertragen, einen eingebauten Blitz und einen (separat zu erwerbenden) optischen Sucher. Das Display kann fürs obligate Selfie ausgeklappt und nach oben geschwenkt werden. Es ist touchsensitiv, was nicht nur die Bedienung der Menüs vereinfacht, sondern es auch erlaubt, den ­Fokuspunkt per Finger zu setzen. Indem Canon mit Funktionen klotzt, vermag die Powershot ihre Nische gegenüber den Smartphones zu behaupten – doch das hat seinen Preis. Für die G1 X Mark II sind offiziell 998 Franken zu berappen. Immerhin gibt es sie bei Discountern für rund 800 Franken. (schü.)

(Erstellt: 28.07.2014, 07:17 Uhr)

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