Zerquetschte Musik will Neil Young nicht

MP3 hat Musik einfach nutzbar gemacht – allerdings auf Kosten der Qualität. Altrocker Neil Young hat jetzt eine Alternative.

Dieses Gerät soll der Musik ihre Seele zurückgeben: Neil Young  zeigt seinen Pono-Player. Foto: Angela Weiss (Getty Images)

Dieses Gerät soll der Musik ihre Seele zurückgeben: Neil Young zeigt seinen Pono-Player. Foto: Angela Weiss (Getty Images)

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Neil Young hält nichts von MP3. Der Alt­rocker hat letztes Jahr auf der Crowd­funding-Plattform Kickstarter mehr als sechs Millionen Dollar für einen Musikplayer und den dazu gehörenden Online­shop gesammelt. Ponomusic verzichtet auf die Kompressionsalgorithmen von MP3, die laut Young «die Seele aus der Musik» quetschen.

Seit heute ist Neil Youngs Musikplayer offiziell erhältlich. Im Store unter Ponomusic.com gibt es Musik in vier Qualitätsstufen. Die niedrigste entspricht der einer Audio-CD. Die anderen drei speichern Klangsamples mit 24 Bit anstelle der bei CDs üblichen 16 Bit. Und sie tasten das Audio­signal bis zu viermal häufiger ab. «High Resolution Audio» werden diese Formate genannt, die digitale Musik feiner beschreiben, als man das von den Silberscheiben gewöhnt ist. Sie entsprechen teilweise der Qualität einer Originalaufnahme aus dem Tonstudio.

Auch Sony will mit High-Res-Audio punkten und obendrein der bekannten Walkman-Marke zu einer Wiedergeburt verhelfen. Der HD-Walkman wurde letzte Woche an der Elektronikmesse CES in Las Vegas vorgestellt und soll ab Frühling für rund 1400 Franken erhältlich sein. Dagegen ist Neil Youngs Pono-Player mit rund 400 Franken ein Schnäppchen.

Young und Sony als Speerspitze einer neuen Qualitätsoffensive? Neel Bechtiger vom Zürcher Audiofachgeschäft K55 winkt ab: «Neil Young als Retter der Musik – das ist ein netter Marketinggag.» Es gebe längst Wiedergabegeräte, die unkomprimierte Formate und High-Res-Audio unterstützen. «Man hat die MP3-Kompression früher vor allem genutzt, weil Speicherplatz exorbitant teuer war.» MP3 hat die Musik einfach benutzbar und mobiler gemacht, doch gerade in der Anfangszeit einen Tribut bei der Qualität gefordert.

Auch für das Smartphone

Speicherplatz ist heute so günstig, dass die mobilen Wiedergabegeräte auch riesige Sammlungen schlucken. Der mobile Musikkonsum ist wegen der Smartphones alltäglicher geworden. Darum steigen auch die Ansprüche, sagt Audio­experte Bechtiger: «Dass Young dieser Entwicklung nochmals Schub gegeben hat, ist aber definitiv der Fall. In der Schweiz haben schon viele Leute einen Pono-Player, obwohl er bis vor kurzem offiziell gar nicht erhältlich war», er­läutert Bechtiger.

Das hochauflösende Musikvergnügen hat indes gewisse Einstiegshürden. Die typischen Dateiformate – Flac als offener Standard, DSD als Nachfolger der Super-Audio-CD von Sony und Philips sowie Apple Lossless aus der iTunes-Welt – sind nicht so einfach nutzbar wie das allgegenwärtige MP3. Immerhin: Die gängigen Player unterstützen alle Formate, sodass man sich als Einsteiger nicht für die eine oder andere Plattform entscheiden müsste.

Es ist sogar möglich, das Smartphone zum High-Res-Musikplayer aufzurüsten. Anstatt den Kopfhörer direkt anzu­schliessen, schaltet man über den USB-Connector einen Digital-Analog-Wandler dazwischen. Über die passende App spielt man so auch die Dateien mit den hohen Bitraten ab. Auch die heimische Stereoanlage lässt sich auf diese Weise ansteuern.

Bei intensiverem Musikgenuss bietet sich ein separates Wiedergabegerät an, weil das länger durchhält und es mehr Vielfalt gibt als bei den Wandlern. Als High-Resolution-Player im Einstiegsbereich empfiehlt Bechtiger den Hidizs AP100 für 369 Franken und den FiiO X5 für 389 Franken. Der zweite wichtige Punkt ist der Kopfhörer. Die Empfehlung des Experten: «Lieber einen Player für 300 Franken und einen Kopfhörer für 700 Franken – das ist besser investiert als umgekehrt.»

Viele Quellen, wenig Musik

Der kniffligste Punkt sind die Stores für die digitalen Songs mit dem Premiumklang. «Das Angebot ist relativ klein», räumt Bechtiger ein. Es sei in den letzten zwei Jahren zwar stark gewachsen, doch es verteilt sich über viele Shops und Plattformen – und bei den US-Stores ist das Einkaufen für Kunden aus Europa oft mit Zusatzhürden verbunden. Ausserdem werden längst nicht alle Genres bedient. Vorherrschend sind Klassik und alternative Labels sowie zeitgenössische Produktionen.

Auf Neil Youngs Ponomusic.com finden sich allerdings auch viele neu digitalisierte Rock- und Popklassiker, beispielsweise von The Doors, Simon & Garfunkel, Miles Davis, Bob Dylan oder Van Morrison. Die Alben kosten typischerweise um die 18 US-Dollar, einzelne Songs 1.99 Dollar.

Weitere Anlaufstellen sind Hdtracks.com und Highresaudio.com. Der Dienst Qobuz.com bietet nebst Kauf-Downloads auch Streaming-Abos in CD-Qualität, wobei die Musik über die Apps auch ­unterwegs genutzt werden kann.

Unhörbare Frequenzen

Natürlich gibt es auch Kritik an der neuen Qualitätsoffensive. Die Xiph.Org-Stiftung, die sich für freie Standards im Internet einsetzt und auch das Flac-­Format promotet, fällte zu Neil Youngs Pono-Player ein harsches Urteil. Hochauflösende Musik sei eine Lösung für ein nicht existentes Problem: «Ein Geschäfts­modell, das auf vorsätzlicher Dummheit und Schwindel basiert». Die höheren Abtastraten würden das reproduzierbare Frequenzspektrum in Bereiche erweitern, die für Menschen unhörbar seien – genauso sinnvoll wie ein Bildschirm, der infrarotes Licht abzubilden vermag –, da werde Musikqualität mit «High Fidelity» verwechselt.

Auch Neel Bechtiger räumt ein, dass hochauflösende Aufnahmen nicht per se besser sind. Es kann sogar sein, dass die komprimierte Aufnahme gnädig Details verschluckt, die in der High-Resolution-Variante stören: «Bei alten Aufnahmen gibt es häufig ein feines Grundrauschen.Da bringt das beste Gerät nichts. Bei der Aufzeichnung eines klassischen Konzerts bekommt man mit, wie die Musiker im Notenheft blättern. Aber das will man nicht unbedingt hören.»

Ob man bei der Musik zur Luxus­variante neigt oder mit der Qualität der normalen Stores und Streamingdienste zufrieden ist – die von Neil Young angestossene Qualitätsinitiative hat bei vielen seiner Musikerkollegen Nachhall ausgelöst. Musik wird wieder weniger als Gebrauchs-, sondern mehr als Genussgut gesehen. Wenn die Produzenten diesem Umstand Rechnung tragen, dann haben alle etwas davon.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2015, 19:29 Uhr

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