Ambitionierter als Apple

Wer drahtlose Ohrstöpsel sucht, kommt derzeit an The Dash von Bragi nicht vorbei. Wir haben dieses ambitionierte Audio-Gadget getestet.

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Der typische Ohrstöpsel ist ein uninspirierter Nutzungsgegenstand: Wenig glamourös, aber zweckdienlich. Er versorgt seinen Träger beim Pendeln mit Musik, einem Hörbuch oder Podcast und isoliert ihn akustisch von der Umwelt. Mission erfüllt.

Nicht so der Bragi Dash. Das ist ein Ohrstöpsel, der geradezu vor Ambitionen strotzt – ein Gadget, das den Nutzer nicht nur befriedigen, sondern begeistern will. Das sieht man auf den ersten Blick. Die Ohrstöpsel sind nicht nur drahtlos, sondern kommen komplett ohne Kabel aus. Eine kleine Kapsel für jedes Ohr ist alles, was man mit sich herumträgt. Unauffällig, aber markant genug, dass Eingeweihte sie als edles – und teures – Audiozubehör erkennen. Genau so, wie man das als Freund des edlen Understatements schätzt.

Toller Klang

Und man hört es: Der Klang ist ausgezeichnet, so gut, wie man ihn von Ohrstöpseln nicht gewohnt ist. Die Bauweise ist bekanntlich im Vergleich zu den viel grösseren, die Ohren per Muschel abdeckenden Kopfhörern im Nachteil. Doch diese Stöpsel bieten einen nuancierten, kraftvollen Klang, gut zu hören etwa bei «Good Time Girl» von Cobra Killer, das im typischen Stöpsel nur als undifferenzierter Soundmatsch ankommt. Bemerkenswert ist auch, wie gut die Stöpsel einen (ohne aktives Noise Cancelling) gegen den Aussenschall isolieren. Der erste Eindruck ist somit klar: Hier passen Optik und Sound zusammen. Der Dash vermag seinem Anspruch an sich selbst standzuhalten.

Der Dash ist 2013 aus einer Kickstarter-Kampagne hervorgegangen. Fast 16’000 Leute haben damals mehr als 3,3 Millionen US-Dollar gesammelt, um die Vision dieses Accessoires der Münchner Produktdesigner wahr werden zu lassen: ein Zubehör, das Musik liefert, aber auch Schritte zählt und so futuristisch wirkt wie die kolbenartige Ohrmuschel, die sich Lieutenant Uhura in «Star Trek» jeweils in ihr Ohr steckt, wenn es mit Ausserirdischen zu kommunizieren gilt.

Futuristisch? Wenn die Kapseln in ihrem Ladeschächtelchen liegen, pulsiert ein grünes Lichtband an den Seiten. Sind sie per Bluetooth mit dem Smartphone verbunden, wird das durch ein blaues Pulsieren angezeigt. Auch die Bedienung ist Sience-Fiction-kompatibel: Man steuert nicht nur die Musikwiedergabe, sondern auch die Fitnessfunktionen über Gesten, die auf den Touchfeldern auf dem rechten oder linken Dash ausgeführt werden. Man kann tippen, tippen und halten, tippen und lange halten sowie in verschiedene Richtungen wischen. Amüsant: Wenn man sich eine Kappe über den Kopf zieht, registrieren die Sensoren das und schalten zum Schutz vor Fehlbedienungen die Touchfelder ab.

Steuerung durch Fummeln am Ohr

Die Steuerungsfunktionen für die Musik und Telefonate werden auf der rechten Kapsel aufgeführt: Wischen nach rechts oder links macht die Musik lauter oder leiser. Mit Tippen startet und stoppt man die Wiedergabe. Zweimal tippen – man wechselt zum nächsten Musikstück, dreimal tippen – die Wiedergabe kehrt zum vorherigen Stück zurück. Fragen der synthetischen Stimme kann man durch Kopfnicken oder -schütteln beantworten.

Auf der linken Kapsel aktiviert man durch Wischen die sogenannte Audio Transparency. Sie lässt einen über die eingebauten Mikrofone hören, was in der Umgebung gesprochen wird, und reduziert die akustische Abschottung. Das ist praktisch, wenn man sich mit jemandem unterhalten möchte, ohne die Stöpsel herauszunehmen. Trotzdem: Wer es nicht mag, von seinen Kopfhörern akustisch von der Welt abgekoppelt zu werden, sollte einen Bogen um dieses Produkt machen. Dann sind weniger isolierende Kopfhörer die bessere Wahl.

Es gibt weitere Steuerungsmöglichkeiten auf der linken Kapsel, namentlich für die Fitnessfunktionen. Diese sind in der Anleitung, die ich zu Rate ziehen musste – von allein hätte sich mir die Bedienung nicht erschlossen.

Stichwort Fitness: Der Dash ist nämlich nicht nur Musiklieferant. Er zählt auch Schritte und misst die Herzfrequenz. Gekoppelt mit der App kann man Aktivitäten wie Rennen, Velofahren und Schwimmen aufzeichnen, also Dauer der Sportbetätigung, Schrittzahl und Herzrate protokollieren. Man erhält Rückmeldungen zu seiner Leistung und kann beim Sport die Ohrstöpsel auch ohne Smartphone nutzen. Dafür haben sie eine interne Speicherkapazität von 4 GB. Die Musik überspielt man per USB, wenn die Kapseln in der Ladeschachtel liegen.

Verlustängste

Fazit: Die komplett kabellose Bauweise ist in Zeiten von abgeschafften Klinkensteckern natürlich folgerichtig und logisch. Sie hat aber ihre Nachteile. Die Verlustangst ist gerade beim Sport gross, auch im Vergleich zu Modellen, die über ein Nackenband stabilisiert werden. Wenn man die Kapseln nicht vorsichtig einsetzt, kann es einem auch im Alltag passieren, dass man sie verliert.

Für den Dash gibt es ein solches Band namens The Leash, das 19 Dollar kostet – aber das zu benutzen, wirkt dann so, wie wenn man als Kontaktlinsenträger eine Brille aufsetzt, um intellektuell zu wirken. Die Touchbedienung eröffnet vielfältige Steuerungsmöglichkeiten, will aber erlernt sein. Und: Fehlbedienungen sind relativ häufig.

Der Vergleich mit den Apple Airpods liegt natürlich nahe. Im direkten Vergleich empfand ich The Dash als überlegen. Erstens, weil die Airpods mit ihrem langen «Stiel» an meinem Ohrring reiben. Zweitens, weil die futuristischen Kapseln von Bragi besser klingen. Und drittens, weil sie, im Gegensatz zu den Airpods, jetzt schon käuflich sind.

Das Testexemplar hat uns Bragi.com zur Verfügung gestellt. Preis dort: 299 Dollar, plus 20 Dollar Versand, was rund 322 Franken ergibt.

Erstellt: 24.11.2016, 11:19 Uhr

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