Begeisterung und Panik: Das Galaxy Fold im Alltagstest

Samsungs erstes Handy mit Faltbildschirm kommt doch noch in den Handel. Im Frühjahr wurde eine erste Version wegen Mängeln zurückgezogen. Ist die Zeit nun reif fürs Falthandy?

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Der Testbericht war fast fertig. Dann tauchten in Amerika Meldungen von Journalisten auf, dass ihr Galaxy Fold kaputtgegangen ist. Erst eine, dann zwei, und dann gab auch das Testgerät des Kollegen des «Blicks» den Geist auf.

Manche Tester hatten eine vermeintliche Verpackungsfolie vom Bildschirm abgekratzt, andere entdeckten seltsame Wölbungen des Bildschirms. Ende April zog Samsung die Notbremse und stoppte das Galaxy Fold nur Tage bevor es in den Handel hätte kommen sollen. Unser ausgeborgtes Testgerät musste umgehend zurück zu Samsung.

Schon ausverkauft

Nun ist das Galaxy Fold in einer leicht überarbeiteten Version zurück und in der Schweiz bereits ausverkauft, wie das Unternehmen übers Wochenende voller Stolz verkündete. Weitere Geräte sollen aber schon diese Woche folgen. Wie viele Geräte bereits verkauft wurden, sagt das Unternehmen freilich nicht.

Aber immerhin ist die Zeit nun reif für einen ausführlichen Testbericht. Die grösste Überraschung für mich war in der ersten Woche mit dem Fold im Frühling und nun auch in meinem zweiten Anlauf, wie viel besser das Gerät im Alltag funktioniert, als ich es anhand von Pressebildern und Videos vermutet hatte.

Seit das erste Test-Fold im April nach Bekanntwerden der Mängel umgehend zurückgerufen wurde, vermisste ich es als eine Art zusammenfaltbares iPad Mini für die Hosentasche. Denn das Fold ist in erster Linie ein Mini-Tablet, das nebenher auch noch ein Smartphone ist.

Heilsamer Minibildschirm

Möchte man telefonieren, schnell die Uhrzeit kontrollieren oder auf dem Weg zum Bahnhof ein kurzes SMS tippen, kommt der kleine Aussenbildschirm zum Einsatz. Dass der Bildschirm im Vergleich zum Gerät ziemlich klein ist, sieht einerseits ulkig und etwas unförmig aus. Andererseits hat es zur Folge, dass man nicht in Versuchung gerät, in irgendwelchen Apps unnötig Zeit zu vertrödeln.

So gesehen, erinnert der Aussenbildschirm mehr an eine Smartwatch. Auch auf der Uhr macht man nur das Nötigste und lässt sich nicht von bunten Bildchen oder Videos zum Verweilen verleiten.

Da das zusammengeklappte Fold relativ lang und dicker als übliche Handys ist, erinnert es beim Telefonieren erfreulich an die massigen Telefonhörer von einst. In meine Jeanstasche passt es gerade noch knapp.

Beim Gewicht ist es mit 276 Gramm kein Leichtgewicht. Da ich parallel dazu ein iPhone 11 Pro Max mit ebenfalls nicht bescheidenen 226 Gramm verwende, ist mir das Gewicht im Alltag nicht negativ aufgefallen. Wer sich ein leichteres Handy gewohnt ist, dürfte aber mindestens die ersten Tage überrascht sein.

Von klein auf gross

Startet man doch einmal ein Youtube-Filmchen auf dem Minibildschirm, kann man das Handy aufklappen, und das Video geht nahtlos auf dem Tablet-Bildschirm weiter. Im Frühling klappte das längst nicht bei allen Apps so flüssig. Nun, ein paar Monate später, klappt das etwa bei Twitter, Telegram oder Bring ebenso zuverlässig.

Während man auf dem Minibildschirm nur das Nötigste erledigen und das Handy schnell wieder weglegen möchte, verleitet der Tablet-Bildschirm zum Verweilen.

Wer will, der kann bis zu drei Apps parallel anzeigen lassen. So kann man etwa links seine E-Mails überfliegen, oben rechts den neuen «Star Wars»-Trailer auf Youtube schauen und unten rechts noch die neusten Twitter-Benachrichtigungen im Blick behalten.

Faltbares Fotostudio

Persönlich gefiel mir der grosse Bildschirm unterwegs am besten, um Fotos in Lightroom zu bearbeiten. Schnell die Kamera per USB-C-Kabel ans Handy anschliessen, Fotos übertragen und dann bequem am grossen Bildschirm bearbeiten.

An einem kleineren Handybildschirm ginge das freilich auch. Aber am Faltbildschirm ist es deutlich komfortabler. Für gewöhnlich habe ich für solche Arbeiten jeweils ein iPad dabei. Mit dem Fold könnte ich mir das sparen.

Dass der Fold-Bildschirm oben rechts eine Aussparung für die Kamera hat, stört im Alltag genauso wenig wie bei anderen Smartphones ähnliche Aussparungen für Selfie-Kameras. Auf Fotos sieht es schlecht aus. Im Alltag schaut man kaum dahin.

Nicht ganz so unauffällig ist der Bildschirm-Falt. Ähnlich wie bei einem Buch sieht und spürt man auch beim Fold-Bildschirm den Falt. Wie bei einem Buch arrangiert man sich aber sehr schnell damit. Hat man den Bildschirm genau vor sich, sieht man ihn kaum. Schaut man schräg auf das Gerät, sieht man ihn deutlicher. Auch wenn sich Lampen oder die Sonne im Bildschirm spiegeln, sieht man den Falt.

Störender als der Falt ist, wie verschwenderisch die meisten Apps mit dem grossen Bildschirm umgehen. Dass App-Hersteller noch Zeit brauchen, ist verständlich. Aber auch Samsung nutzt den grossen Bildschirm nur ungenügend. Etwa in den Einstellungen gibt es freien Platz noch und nöcher. Das sieht zwar luftig aus, ist aber gerade bei langen Listen reichlich ineffizient.

Mühsame Bedien-Gesten

Auch bedauerlich ist, dass Samsung bei der Bedienung weiter auf die drei Android-Knöpfe für Home, Zurück und Multitasking setzt. Man kann sie zwar ausblenden und durch Wischgesten ersetzen, aber verglichen mit Apples und Huaweis komfortablen Wischgesten-Bedienung ist Samsung deutlich im Hintertreffen.

Ansonsten bietet das Fold alles, was man von einem aktuellen Smartphone in der obersten Preisklasse erwarten kann. Der Akku hält einen Tag, die Kamera gefällt, und es hat sogar schon 5G. Na ja, es bietet fast alles.

Das Fold ist nicht wasserdicht, und beim Auspacken warnt ein Hinweis, dass man es mit grösster Sorgfalt benützen soll. Man solle nicht mit einem Stift auf den Bildschirm drücken, nichts ins Gerät legen, wenn man es zuklappt, nebst Wasser sei es auch nicht vor Staub und Sand geschützt, und man solle keine eigenen Schutzfolien auf den Faltbildschirm kleben.

Kurz: Das Galaxy Fold ist eine richtige Diva. Und das merkt man im Alltag. Man lebt in ständiger Angst, das Fold könnte Schaden nehmen. Etwa wenn man spazieren geht und es plötzlich anfängt zu regnen. Nicht nur kann man dann nicht mehr telefonieren, wenn es klingelt, man kann auch nur hoffen, dass das Handy in der Jackentasche trocken bleibt. Es ist also nicht übertrieben paranoid oder kleingeistig, für unerwartete Regengüsse ein Plastiksäckli fürs Fold mitzunehmen. Sicher ist sicher.

Oder ähnlich schrecklich: Man gibt es jemandem zum Ausprobieren, und das Gegenüber öffnet den fragilen Bildschirm etwas brüsk. Vor dem inneren Auge sieht man das 2000-Franken-Handy schon in zwei Hälften brechen. Dass man sich selbst als abgebrühter Tester ständig Sorgen um das Fold macht, zeigt, wie fragil das Gerät ist. Zum Vergleich: Beim 1700-fränkigen Test-iPhone machte ich mir nicht einmal Gedanken, dass es vielleicht kaputtgehen könnte. Und auch bei mehrere Tausend Franken teuren Fotokameras mit noch teureren Objektiven bin ich im Alltag viel entspannter.

Fazit: Das Galaxy Fold ist das faszinierendste Handy der letzten Jahre. Nach zwei Wochen mit dem Gerät bestehen kaum Zweifel, dass faltbaren oder flexiblen Bildschirmen die Zukunft gehört. Noch klarer ist aber auch, dass diese Zukunft noch nicht da ist.

Noch muss man zu viele Kompromisse machen. Das musste man damals aber auch mit dem ersten iPhone. Elf Generationen und noch mehr Nachahmer später ist das Smartphone ausgereift und aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Ob das Galaxy Fold als Begründer einer ähnlichen Erfolgsgeschichte oder als missglücktes Experiment in Erinnerung bleibt, werden die nächsten Jahre zeigen. Vielleicht gibt ja im Frühjahr das Galaxy Fold 2 bereits erste Anzeichen, wohin die Reise geht.

Haben Sie Fragen zum Galaxy Fold, unser Autor beantwortet sie gerne auf Twitter und Telegram:

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Erstellt: 23.10.2019, 14:24 Uhr

Das Vernünftige

Anders als das Galaxy Fold sind Samsungs neue Galaxy Note 10 (ab 900 Franken) und Note 10+ (ab 1100 Franken) in allen Belangen ausgereifte Top-Smartphones. Sie bieten alles (ausser einem Faltbildschirm) was man sich aktuell wünschen könnte. Technisch basieren sie auf dem im Frühjahr vorgestellten und hier besprochenen Galaxy S10. Wer auf den Stift verzichten kann, sollte sich unbedingt auch das S10 nochmal genauer anschauen. Zudem lohnt es sich den kommenden Black Friday im Auge zu behalten. Dann fallen die Preise von Samsung-Geräten, die im Frühling vorgestellt wurden, teils deutlich. (zei)

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