Das Foto des Lebens

Was fotografiert man, wenn man genau einmal auf den Auslöser drücken darf? Die App «One Picture» sucht die Antwort.

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Wer mit dem Smartphone Bilder macht, kennt die Fallstricke der digitalen Fotografie. Los geht es mit der Wahl der App: Nimmt man einfach die vorinstallierte Kamera-App oder wählt man doch lieber eine andere? Zahlreiche Produkte versprechen bessere Aufnahmen. Dann die Nachbearbeitung: Grosse Geschütze wie Photoshop oder Lightroom bieten unendliche Möglichkeiten, Quick-and-dirty-Lösungen wie Snapseed gibt es ebenfalls zuhauf. Zum Schluss hat man bei Instagram oder Snapchat die Qual der Wahl mit Filtern und Stickern.

Ein radikaler Gegenentwurf dazu ist One Picture. Die App ist bewusst reduziert: Mit ihr darf man ein einziges Foto machen, das man auf die App-eigene Plattform hochlädt. Fertig. Es gibt kein Profil, das man bearbeiten, keine Links oder Hashtags, die man setzen kann. Lediglich einen kurzen Text darf man zu seinem Schnappschuss verfassen. Likes kann man auch hier verteilen, eine Selbstdarstellung darüber hinaus ist kaum möglich. One Picture ist somit kein soziales Medium, mehr eine einfache Bildersammlung.

Der Kampf mit der Angst vor dem Auslöser

Das Münchner Unternehmen wag it GmbH, das hinter der Anwendung steht, nennt das Ganze ein Experiment und stellt die essenzielle Frage: «Welches Bild würdest du machen, wenn du mit einer Kamera nur ein einziges Foto machen könntest?» Die Idee sei bei einer hitzigen Diskussion über die Bilderflut auf den sozialen Medien entstanden, verrät Michael Meyer auf Anfrage. Er hat zusammen mit Markus Riegel und Joachim Fröstl drei Wochen an der App gebastelt.

Das Ziel? «Wir wollen sehen, ob es uns allen noch gelingt, uns auf einen wichtigen Moment zu konzentrieren, zu reduzieren. Wir sind überzeugt, dass die Radikalität dabei hilft, diese Geschichten besser ans Licht zu bringen als mit 10 Fotos am Tag», sagt Meyer.

Dass diese Aufgabenstellung bei ambitionierten Hobbyfotografen gewisse Ängste auslösen kann, bestätigt Kollege Rafael Zeier aus dem Digitalressort. Er sei eine Woche lang mit der App schwanger gegangen, bevor er den Auslöser gedrückt habe. Seine Kamera hat er abgelichtet – ganz schön meta. Unter den Aufnahmen anderer Nutzerinnen und Nutzer, die man in One Picture begutachten kann, herrscht beachtliches Mittelmass. Im positiven Sinne.

Dem digitalen Knipser läuft es kalt den Rücken herunter.

Denn da, wo bei Instagram atemberaubende Landschaften oder schöne Menschenkörper Likes und Follower anziehen, betreibt die App visuelle Abrüstung. Die Bilder der One-Picture-Fotografen sind erfreulich unaufgeregt: Haustiere sind zu sehen, Babyhände oder das Zmorgemüesli.

Das regt zum Nachdenken an: Werbung und Medien befördern seit Jahrzehnten weltfremde Ideale, denen wir im schlechtesten Fall hinterherhecheln. Gleiches gilt seit einigen Jahren auch für die sozialen Medien. Sei es der eigene Körper, den es zu verbessern gilt, oder das Reiseziel, das nicht mehr exotisch genug ist.

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Doch mittlerweile formiert sich die Gegenbewegung: «Die Timeline auf Facebook gleicht einem Reisekatalog», stellte Michael Graf Ende Oktober fest und forderte: «Verschont mich mit euren Ferienbildern!» Der Fotograf Josh Rose empfiehlt in seiner ebenfalls im Oktober erschienenen Anleitung zur Ferienfotografie, sich auf sechs Bilder pro Reise zu beschränken. Dem digitalen Knipser läuft es kalt den Rücken herunter. Und nun One Picture – die ultimative Reduktion.

Zwei Kritikpunkte gilt es anzubringen: Die App ist bislang nur für iPhone erhältlich (eine künftige Android-Version schliesst Michael Meyer nicht aus), und man muss über ein Facebook-Konto verfügen, mit dem man sich anmeldet. Dazu hätten sich die Programmierer aus Praktikabilitätsgründen entschieden.

Und jetzt Ihr Foto

Was würden Sie fotografieren? Senden Sie uns das Bild, welches Sie mit der App geschossen haben, mit Betreff «Mein Bild» an community@tages-anzeiger.ch. Die Kollegen aus der Bildredaktion veröffentlichen in den nächsten Tagen eine Auswahl. Zu gewinnen gibt es nichts. Ganz im Sinne der App: Reduce to the max.

One Picture kann hier gratis heruntergeladen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2017, 13:37 Uhr

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