Das Galaxy S10 im Test

Die grösste Stärke des neuen Samsung-Handys ist auch seine grösste Schwäche.

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Das Galaxy S10, Samsungs neustes Top-Handy (ab 929 Fr.), ist ein grossartiger Allrounder. Das Design ist so handlich wie elegant, die Kamera gefällt Profis wie Hobbyknipsern, der Akku bringt einen gut durch den Tag, der Bildschirm ist gewohnt beeindruckend, und selbst bei der Software fallen Samsungs Umbauten an Googles Android-Betriebssystem nicht länger negativ auf, ja teilweise lassen sie gar Google und Apple alt aussehen.

Egal, welchen Aspekt man anschaut, das S10 landet im Konkurrenzvergleich mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens auf dem Podest.

Schon in der Vergangenheit wusste Samsung immer just dann, wenn der Konzern unter Druck stand, zu beeindrucken. 2015 gelang das mit dem so futuristischen wie eleganten Galaxy S6 (Der Stöckelschuh unter den Smartphones), und vor zwei Jahren lancierte das Galaxy S8 den Trend zu Smartphones mit frontfüllenden Bildschirmen (Ein Hologramm zum Anfassen).

Sondereffort gefragt

Auch heuer ist bei Samsung ein Sondereffort gefragt. Der chinesische Konkurrent Huawei hat es sich zum Ziel gesetzt, zur weltweiten Nummer eins zu werden, und hat gerade im letzten Jahr kräftig aufgeholt.

Mit dem S10 gelingt es Samsung erneut, zu beeindrucken. Allerdings dieses Mal nicht mit neuen Funktionen oder radikalem Design, sondern mit Detailverbesserungen und vor allem mit Benutzerfreundlichkeit.

Man darf gespannt sein, ob sich dieser nutzerfreundliche, aber wenig werbewirksame Ansatz auszahlt. Zumal Huawei wohl noch diesen Monat ein Handy mit optischem 10fach-Zoom vorstellen und, mindestens was Handykameras angeht, die Konkurrenz einmal mehr übertrumpfen wird.

So gesehen, könnten Samsungs sehr willkommene, aber auch nicht besonders augenfällige Verbesserungen von einem Vorteil zum Nachteil werden. Wenig geholfen hat auch, dass Samsung das S10 an der eigenen Präsentation gleich doppelt alt hat aussehen lassen. Erst hat der Konzern das Falt-Handy Galaxy Fold gezeigt und zum Schluss noch das in vielen Belangen überlegene Galaxy S10 5G.

Details, Details, Details

Aber schauen wir uns ein paar Aspekte des Galaxy S10 – oder präziser des grösseren S10+, das uns Samsung für den Test ausgeborgt hat – etwas genauer an:

Ein Problem der Vorgängermodelle plagt leider auch das S10. Bei den Entsperr-Methoden hapert es. Der neue im Bildschirm eingebaute Ultraschall-Fingerabdrucksensor funktioniert nicht ganz so schnell und zuverlässig wie frühere Sensoren auf der Rückseite oder in Home-Knöpfen.

Ausgetrickst

Im Verlauf des Tests hat ein Softwareupdate den Fingerscanner bereits merklich verbessert, aber hin und wieder versagt er weiterhin. Das wäre verschmerzbar, wäre die Gesichtserkennung beim S10 eine Alternative. Diese ist jedoch derart unsicher, dass wir sie problemlos mit einem Foto des Autors austricksen konnten und nur sehr sorglosen Zeitgenossen empfehlen können.

Anders als bei früheren Modellen verzichtet Samsung beim S10 nämlich auf einen Iris-Scanner. Stattdessen dienen die zwei Selfie-Kameras dazu, die Nutzerin oder den Nutzer zu erkennen.

Selbst wenn man die sicherere, aber langsamere Gesichtserkennung in den Einstellungen wählt, reicht es, wenn man mit dem iPad ein Selfie macht und dieses vor das Galaxy S10 hält. Schon ist das Handy entsperrt.

Bequemlichkeit statt Sicherheit

Das Galaxy Note 9 (mit Iris-Scanner), das iPhone XS oder das Huawei Mate 20 Pro fielen allesamt nicht auf den Trick herein. Zugegeben, es braucht einiges an krimineller Energie oder Schabernacklust, um ein Handy auf die Weise zu knacken, aber so ist die Gesichtserkennung trotzdem nur ein Komfortfeature und keine Sicherheitsmassnahme.

Die perfekte Variante wäre eine Kombination aus Apples FaceID und dem Fingerabdrucksensor von Samsung. So hätte man die Gesichtserkennung als schnelle und sichere Entsperrmethode, und wenn die mal nicht funktioniert, etwa wegen einer Sonnenbrille, kann man den Fingerabdrucksensor nehmen. Ärgerlich für Samsung: Das Huawei Mate 20 Pro vom letzten Jahr vereint diese beiden Technologien bereits in einem Gerät.

Gelungene Software

So unausgegoren die Entsperrmethoden auch daherkommen, die Software überrascht. Samsungs neue Android-Benutzeroberfläche namens One UI ist nun nicht mehr nur erträglich oder ganz passabel, sondern sie gefällt.

Wer früher schon ein Samsung-Handy hatte, der wird staunen. Wer zuvor Samsung-Handys wegen der Software verschmäht hat, der sollte unbedingt bei Gelegenheit mal ein S10 in die Hand nehmen.

Das Handy ist rasend schnell und lässt sich trotz des grossen Bildschirms leicht mit einer Hand bedienen. Viele schlaue Software-Verbesserungen machen es möglich. Das führt so weit, dass ich das reine Android kein bisschen vermisst habe und mir Apples iOS im Vergleich etwas behäbig und altmodisch vorkommt.

Besonders gefiel im Test diese kleine Animation:

Der weisse Ring um die Selfie-Kamera sieht nicht nur toll aus, er ist auch nützlich. So überbrückt er die kurze Wartezeit, bis das Handy entsperrt ist, und lenkt gleichzeitig den Blick auf die dafür notwendigen Kameras.

Leider reicht Samsungs Einfluss nicht über die eigene Benutzeroberfläche hinaus. So wird einem immer wieder bewusst, sobald man Apps öffnet, dass Android-Apps in Sachen Bedienkomfort weiter hinter den iOS-Varianten herhinken. Da sollten sich Entwickler ein Vorbild an Samsung nehmen. One UI zeigt, was alles möglich wäre, wenn man sich nur Mühe gibt.

Knöpfe statt Wischgesten

Apropos Bedienkomfort: Samsung setzt beim S10 weiter auf die seit Jahren bewährten Knöpfe für Home, Zurück und Multitasking. Das ist schade. War die beste Neuerung am iPhone X doch nicht der grosse Bildschirm, sondern die Bedienung per Wischgesten (Auf Apples Ablenkungsmanöver hereingefallen).

Immerhin: Samsung bietet einen Modus an, der die Bedienelemente ausblendet. Wenn man links nach oben wischt, erscheint die Multitasking-Ansicht, wischt man in der Mitte, kommt man auf den Homescreen, und wischt man rechts nach oben, gehts eine Ebene zurück.

Das ist anfangs holprig und wenig intuitiv, aber mit etwas Übung ganz passabel. Aber es ist nachvollziehbar, warum Samsung diese Bedienmethode der grossen Mehrheit nicht zumuten will und im Menü versteckt.

Ein Wort noch zur Kamera: Die hat alles, was man sich aktuell wünschen könnte. Die drei Objektive bieten Weitwinkel, Standard und Zoom (siehe Bildstrecke). Die Bildqualität gefällt selbst bei schlechtem Licht.

Einzig negativ aufgefallen ist das Tempo im Automatikmodus. Selbst wenn man mehrfach schnell auf den Auslöser drückt, gibt es nur ein bis zwei Fotos. Wechselt man in den Profimodus, ist die Kamera viel schneller. Ob es daran liegt, dass die Kamera nun ähnlich wie Apple mit den Livefotos auf Wunsch bei jedem Foto noch ein kleines Filmchen aufzeichnet?

Fazit: Das Galaxy S10 ist, abgesehen von ganz wenigen Abstrichen, ein rundum gelungenes und sehr empfehlenswertes, aber auch ein sehr unaufgeregtes Top-Smartphone. Ob das reichen wird, um sich im Hochpreissegment den Hauptkonkurrenten Huawei vom Hals zu halten und sich gegen die ähnlich leistungsfähigen Handys für deutlich weniger Geld behaupten zu können, wird in den nächsten Monaten spannend sein, zu beobachten.

Tipp: In unserer Familie mussten wir letztes Jahr ein Smartphone austauschen. Wir entschieden uns am Black Friday für ein Galaxy S9 für 499 Franken. Innert neun Monaten war der Preis um 400 Franken gefallen. Es könnte sich also auch beim S10 lohnen, etwas zuzuwarten.

Erstellt: 05.03.2019, 16:27 Uhr

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