Der Bildschirm ist das Highlight des Xperia 1

Das neue Sony-Handy macht viel Freude, erstaunt in einigen Bereichen aber auch mit unfassbaren Schwächen, wie der Alltagstest zeigt.

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Vor einem Jahr nannte ich Sonys neustes Handy uninspiriert und mindestens einen Schritt zu spät. Das harsche Urteil hing auch damit zusammen, dass ich eine Woche zuvor Sonys neuste Kamera getestet habe, und die war anders als das Handy ein Triumph und erst noch knapp bezahlbar.

Auch dieses Jahr hat das neuste Sony-Handy Timing-Pech. Letzte Woche habe ich mir Sonys beeindruckende neue Kamera genauer angeschaut und ausführlich mit Sony-Mitarbeitern gefachsimpelt.

Und jetzt sitze ich hier an meinem Testbericht des Xperia 1.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder geschrieben, dass Sony besser ein übertriebenes Hightech-Handy zu einem sehr hohen Preis statt dieser uninspirierten Mittelklasse-Handys machen würde. Die Verkaufszahlen wären wohl ähnlich mager. Aber so hätte Sony wenigstens ein Vorzeigegerät, auf das die Traditionsfirma stolz sein könnte. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich nach dem Test des Xperia 1 den Eindruck, dass es tatsächlich in die Richtung gehen könnte.

Noch sind wir aber nicht dort. Das Xperia 1 ist in manchen Belangen ein mutiges, ja freches Smartphone mit herausragenden Eigenschaften. In anderen Bereichen fasst man sich als Tester aber an den Kopf und wundert sich, wie so etwas in einem Über-1000-Franken-Handy passieren konnte.

Fangen wir mit den guten Sachen an:

Der Bildschirm ist das Highlight des Geräts. Er ist deutlich länger als bei anderen Smartphones. Mich erinnert das Handy, wenn man es in die Hand nimmt, mehr an eine dieser eleganten Bang-&-Olufsen-Fernbedienungen von einst als an ein Smartphone. Kino-Fans werden sich über das 21:9-Format freuen. Dass der Bildschirm mit 4K eine sehr hohe Auflösung hat, fällt im Alltag wohl nur Bildschirmprofis auf. Dass auf dem Bildschirm Fotos und vor allem Filme toll aussehen, fällt jedoch jedem auf. Interessantes Detail: Da der Bildschirm so lang gezogen ist, fällt es kaum auf, dass das Display oben und unten reichlich Rand hat.

Der Fingerabdrucksensor ist zurück an der Kante. Nicht hinten. Nicht unter dem Bildschirm. Sondern wie früher bei Sony-Handys an der Kante. Da stört er nicht und die Finger sind auch immer schon dort. Allerdings ist der Scanner nicht mehr in den Power-Knopf integriert. Schade. Das war noch intuitiver.

Die Software war bei Sony immer schon ein Highlight. Anders als andere Smartphone-Hersteller beschränkte sich Sony auf wenige kosmetische Änderungen an Googles Android-Betriebssystem. Das ist auch dieses Mal der Fall. Auf dem Telefon läuft Android 9 ohne nervigen Schnickschnack oder gar nervige News-App mit Boulevard-Mist.

Nach den Highlights kommen wir zur Grauzone:

Die Kamera ist weder ein Highlight noch ein Pfusch. Sie ist solide, aber einmal mehr reichts nicht für einen Spitzenplatz. Schuld ist einmal mehr die Software. Die Kamera-App von Sony wirkt nach wie vor unfertig, und geschossene Fotos sehen in der Vorschau deutlich schlechter aus, als sie es dann tatsächlich sind. Dafür gefallen Video-Fans die neuen Filmfunktionen. Trotzdem: Vom Kamerakonzern, der die Bildsensoren für fast die komplette Konkurrenz liefert und andere Kamerahersteller vor sich hertreibt, darf man hier mehr erwarten. Viel mehr.

Und zum Schluss noch die grössten Enttäuschungen:

Die Bedienung von Android 9 ist abenteuerlich. Statt den gewohnten Knöpfen für Zurück, Home und Multitasking gibt es nun eine Mischung aus Schieberegler und Home-Knopf. Auch nach x Versuchen werde ich nicht warm damit. Anders als Huawei, das die Bedienung der neuen iPhones kopiert, und Samsung, das die Android-Knöpfe pragmatisch, aber uninspiriert durch drei Wischbewegungen ersetzt, hat Google eine krude Mischung aus allen erdenklichen Varianten gewählt. Verstärkt wird das alles noch durch den langen Bildschirm. So sind wichtige Bedienelemente häufig ausser Reichweite.

Dass Drahtlosladen mit dem Xperia 1 nicht möglich ist, merkte ich erst am Morgen, als ich das 1000-Franken-Handy vom Ladedock nahm und leer vorfand. Das darf nun wirklich nicht sein. In der Preisklasse ist das heute Pflicht. Sony mag noch so lange Argumente wie Effizienz, Platz usw. ins Feld führen. Ich lasse keins gelten. Drahtlosladen ist Pflicht. Punkt.

Der Lautsprecher ist ein schlechter Scherz. Zugegeben. Lautsprecher teste ich eigentlich nie. Da ich sie auch nie nutze. Beim vorletzten Samsung-Handy ist mir mehr zufällig aufgefallen, wie gut die Lautsprecher klingen. Bein neuen Sony dagegen stolperte ich sofort darüber. Der tolle Bildschirm lädt sofort zum Filmeschauen ein. Kopfhörer hatte ich grad keine. Trotzdem Play gedrückt. Was da an Geschepper und Geplärre aus dem winzigen Lautsprecher kommt, ist der Firma, die mit dem Walkman Musik portabel gemacht hat, unwürdig.

Fazit: Das Xperia 1 ist ein erstaunliches Gerät. Wer genau die Sachen wichtig findet, die es gut kann, wird daran viel Freude haben. Wer hingegen auf eine seiner Schwächen wert legt, sollte die Finger davon lassen. Längerfristig macht das Xperia 1 aber wieder Lust auf mehr. Nächstes Mal aber bitte ganz ohne Bremsklötze und Kompromisse.

Erstellt: 23.07.2019, 17:28 Uhr

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