Der Nest Hub ist mehr als ein bezaubernder Bilderrahmen

Als erster Techkonzern bringt Google seine Internet-Lautsprecher in die Schweiz. Wir haben einen über ein Jahr getestet.

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Nein, ein glückliches Händchen fürs Timing hat Google nicht. Nachdem die Schweiz jahrelang bei der Lancierung neuer Produkte vergessen gegangen ist, bringt der Techgigant seine Mikrofonlautsprecher und -bildschirme just zu einer Zeit auf den hiesigen Markt, wo sich Negativmeldungen zu Lautsprechern mit Computerassistenten häufen.

Erst vor einem Monat machten Meldungen von Sicherheitslücken die Runde, und im Sommer musste auch der Privatsphäre-Primus Apple zugeben, dass Siri-Anfragen von Menschen abgehört und kontrolliert würden.

Unklar bleibt auch, warum sich Google mit dem Markteintritt so lange Zeit gelassen hat. Dennoch kommt der Konzern damit Apple und Amazon zuvor. Deren Homepod- und Echo-Lautsprecher sind in der Schweiz weiterhin nur über Importeure, aber nicht offiziell erhältlich.

Doch noch

Seit knapp einem Monat nun verkauft Google den Nest Mini (ein Handflächen-grosser Minilautsprecher für 69 Franken) und den Nest Hub (eine Art iPad Mini mit Lautsprechersockel für 139 Franken) im eigenen Webshop.

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mir auf einer USA-Reise einen Nest Hub (damals hiess das baugleiche Gerät noch Google Home Hub) gekauft. Ich neige für gewöhnlich nicht zu Spontankäufen, aber bei dem knuffigen Design wurde ich schwach. Wozu ich den Smart-Bildschirm brauchen würde, war mir nicht klar. Sicher nicht im Familienalltag. Ich kaufte ihn mehr für mich und um damit zu experimentieren. Daraus wurde nichts.

Innert weniger Tage bekam der Hub einen prominenten Platz in unserer Küche und ersetzte unser altes Logitech-Küchenradio. Ausschlaggebend war nicht etwa der Klang oder der Sprachassistent, sondern die Anbindung an Google Fotos.

Bezauberndes Fotoalbum

Damit wird das Mini-Display zum bezauberndsten Fotoalbum, das mir je begegnet ist. Wir lassen uns vom Hub ständig wechselnde Fotos unserer Kinder anzeigen. Die Einrichtung war dabei überraschend unkompliziert. Man muss der Box nur sagen, von welchen Personen, sie Fotos anzeigen soll, und schon läuft die Diashow.

Allein schon dafür hat sich der Kauf des Hub gelohnt. Aber freilich kann er noch viel mehr. Auf Zuruf («O.k. Google») starten wir unseren Lieblingsradiosender, stellen Küchentimer oder wünschen einen Song von Spotify.

Dabei klingt die kleine Box überraschend gut. Aber nicht so gut, wie unser altes Logitech-WLAN-Radio. Daher haben wir die Box per Bluetooth mit einem Libratone-Lautsprecher verbunden.

Diese zwei Funktionen (Fotorahmen und Smart-Radio) gefallen so gut, dass ich den Hub regelmässig als das beste Google-Gerät seit dem ersten Chromecast beschreibe.

Problem mit Frauenstimmen

Perfekt ist der Hub freilich nicht. Obwohl er inzwischen auch Deutsch und Schweizerdeutsch versteht, spielt er hin und wieder BBC 1 statt BBC 6 oder sucht gar auf Youtube nach dem gewünschten Radio. Dabei werde ich den Eindruck nicht los, dass der Google Assistant auf Männerstimmen zuverlässiger reagiert als auf Frauenstimmen. Statistisch belegen kann ich es nicht, aber mir fällt es immer wieder mal auf.

Anders als Apples Siri auf dem Homepod, die immer mal wieder ungefragt angeht und etwas falsch versteht, ist der Google Assistant aber sehr zuverlässig. Im ganzen Jahr mit dem Hub in der Küche ging er nur einmal ungefragt an. Die etwas theatralische Suche nach einem Plüschtier motivierte ihn, Steff La Cheffe mit «Wo Bisch?» zu spielen.

Dass man mit dem Nest Hub auch zahlreiche Apps/Dienste nutzen könnte, ist mir nicht entgangen. Allerdings ist mir das zu kompliziert. Allein schon die Aktivierung «O.k. Google, sprich mit Bring!», um zum Beispiel die in unserem Haushalt beliebte Einkaufslisten-App zu aktivieren, ist mir zu mühsam. Da nehme ich lieber das Smartphone oder die Uhr.

Kein Update-Ärger

Faszinierend ist dafür, wie wartungsfrei der Nest Hub ist. Man muss ihn einfach nur einmal einrichten und kann ihn dann sich selbst überlassen. Neue Funktionen bekommt er ganz von allein. Es braucht dazu keine Downloads, Updates oder verbundene Computer.

Stellt Google neue Funktionen vor, kann ich sie teilweise schon Stunden später in unserer Küche ausprobieren. So gesehen ist der Homehub ein Blick in die Computerzukunft. Das Gerät zu Hause ist nur noch ein Touchscreen. Alles Weitere kommt aus Googles Rechenzentren.

Die Fledermaus-Funktion

Besonders beeindruckend (oder unheimlich, wie man es auch wahrnehmen kann) zeigt das die neueste Funktion des Nest Hub. Neu zeigt der Bildschirm den Countdown des Küchentimers grösser an, wenn man am Herd steht. Bedienelemente werden erst eingeblendet, wenn man sich dem Gerät nähert.

Der Trick dahinter ist raffiniert. Der Nest Hub sendet – ähnlich wie eine Fledermaus – unhörbare Töne und berechnet so mit dem Mikrofon, ob eine Person vor dem Gerät steht. Entsprechend passt die Software den Bildschirminhalt an. Schliesslich macht es keinen Sinn Knöpfe anzuzeigen, wenn gar niemand da ist, der sie drücken könnte.

Lässt sich ausschalten

Trotzdem sorgte die Funktion für mehr Verunsicherung als alle anderen am Nest Hub vorher. Besuch fragte schon mal, ob da nicht doch eine Kamera drin sei. Soweit ich das beurteilen kann, ist da keine Kamera. Aber die Fledermaus-Funktion lässt sich einerseits in den Einstellungen deaktivieren, oder sie geht auch aus, wenn man per Schalter das Mikrofon direkt am Gerät ausschaltet.

Mit dem Schalter kann man den Nest Hub auch als reinen Fotorahmen ohne Mikrofon und smarten Assistenten verwenden. Dank dem leicht zugänglichen Schalter kann man problemlos überprüfen, ob das Mikrofon an oder aus ist. Freilich ist auch hier eine Portion Vertrauen gefragt, dass der Schalter wirklich macht, was er verspricht.

Fazit: Wer Google, Sprachassistenten und Internetmikrofonen nicht über den Weg traut, hat kaum bis hierhin gelesen und sollte sich den Nest Hub auch nicht kaufen. Wer dagegen seine Fotos sowieso schon lange bei Google Fotos hat, bekommt mit dem Hub eine bezaubernde und unkomplizierte Möglichkeit, seine Fotos anzuschauen. Wenn man dann doch mal Radio hören, nach dem Wetter fragen oder einen Timer stellen möchte, ist der Nest Hub nur ein «O.k. Google» entfernt.

Haben Sie Fragen zu den Internet-Lautsprechern von Google – unser Autor beantwortet sie gern auf Twitter und Telegram:

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Erstellt: 20.11.2019, 14:35 Uhr

Der günstigere der beiden Internet-Lautsprecher heisst Nest Mini (69 Franken) und kommt ohne Bildschirm daher. Bedient wird er per Stimme und Touchsensoren an der Oberfläche. Für seine geringe Grösse klingt er überraschend gut.

Gegenüber den Nest Hub hat er einen entscheidenden Vorteil. Dank neuerer Chips (Zur Erinnerung: Der Nest Hub wurde bereits vor einem Jahr lanciert.) kann er mehr Stimm-Befehle direkt auf dem Gerät selbst verstehen und ausführen. Wo der Nest Hub Stimmbefehle an einen Google Server schicken muss, kann der Nest Mini einige davon selbst bearbeiten. Das fällt im Alltag sofort auf. Er reagiert gefühlt schneller auf Sprachbefehle. Im Vergleich zum nicht langsamen Nest Hub ist der Nest Mini deutlich schneller. Im Vergleich zum gemütlichen Homepod mit Siri ist der Nest Mini rasend schnell.

Leider hat der Nest Mini keinen Audio-Ausgang, so dass man ihn per Kabel mit konventionellen Lautsprechern verbinden könnte. Da er aber mit Spotify verbunden werden kann, funktioniert etwa der folgende Befehl ohne Probleme: «O.k. Google, spiel Talking Heads auf Spotify auf dem Symfonisk!» Und schon erklingt die gewünschte Musik auf dem preiswerten Ikea-Funk-Lautsprecher. (zei)

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