Die Apple Watch Series 4 im Test

Am Freitag kommt die neue Smartwatch in die Läden. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sie bereits ausprobiert.

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Nein, einen grösseren Bildschirm habe ich mir für die Apple Watch nicht gewünscht. Auf meiner Wunschliste standen mehr Akku, Handgelenksgesten, Unabhängigkeit vom iPhone oder Schlaftracking weiter oben. Alles Sachen, die aus der Apple Watch einen besseren Handgelenkscomputer machen würden. Mit der Apple Watch als Uhr bin ich nämlich seit der ersten Variante sehr zufrieden.

Im Testbericht der ersten Apple Watch von 2015 staunte ich, was sie für eine tolle digitale Uhrenspielerei ist und wie viel Aufmerksamkeit winzigen Details geschenkt wurde, die nur Uhrenfans auffallen werden. Weniger gefiel sie mir damals als Handgelenkscomputer und Fitnesstracker.

Augenmerk auf die Uhr

Mit der zweiten und vor allem der dritten Auflage wurde die Apple Watch ein viel besserer Handgelenkscomputer und Fitnesstracker. Als Uhr blieb sie – abgesehen von ein paar neuen Armbändern und ein, zwei neuen Zifferblättern – unverändert gut und faszinierend.

Nun in der vierten Auflage hat Apple das Augenmerk wieder auf den Uhrenaspekt gelegt. Neue Funktionen und Technologien gibt es zwar auch, aber dazu später mehr. Die grösste Veränderung zu den Vorgängermodellen betrifft die Apple Watch als Armbanduhr.

Bildschirm bis an den Rand

Da ist in erster Linie das neue Design. Die Uhr ist minimal grösser und hat einen deutlich grösseren und vor allem randlosen Bildschirm. Letzteres ist das grosse Highlight der neuen Uhr. Dass so ein Bildschirm irgendwann kommen wird, war spätestens nach dem iPhone X klar. Aber dass er die Uhr so viel schöner macht, merkt man erst, wenn man die neue Apple Watch trägt.

Apple hat bei den ersten Uhren den vergleichsweise kleinen Bildschirm meisterhaft getarnt. Viel Schwarz und keine Elemente an den Rändern gaukelten einem vor, der Bildschirm wäre viel grösser. Erst wenn man Fotos auf der Uhr anschaute (und wer macht das schon?), fiel auf, wie winzig der briefmarkengrosse Bildschirm war. Das kleine Rechteck wollte so gar nicht zum Design der restlichen Uhr mit den vielen abgerundeten Kanten passen.

Nun mit dem neuen Bildschirm sieht die Uhr noch viel weniger wie ein Gadget aus, als sie es eh schon tat, und mehr wie eine Armbanduhr. Persönlich erinnert sie mich ständig an die futuristischen Uhren von Ressence.

Grösser und bequemer

Die zweite Neuerung betrifft das Gehäuse. Das ist etwas länger und breiter, aber auch dünner geworden. Legt man die neue und die alte Uhr nebeneinander, hat man das Gefühl, die neue sei deutlich grösser.

Am Arm bewahrheitet sich eine alte Weisheit des Uhrenkaufs: Immer erst anprobieren. Grössen- und Gewichtsangaben können trügen. Als ich nach der Präsentation in Cupertino die Gelegenheit hatte, die Uhr kurz anzuprobieren, war ich mir nicht sicher, ob es eine Illusion ist: Obwohl sie grösser ist, fühlte sich die neue Apple Watch am Handgelenk kleiner, leichter und bequemer an.

Nun nach fast einer Woche bin ich sicher, dass es keine Illusion war. Die neue Apple Watch trägt sich an meinem Arm deutlich bequemer und vor allem weniger hoch.

Alte Armbänder passen weiterhin

Übrigens, das neue Design heisst nicht, dass früher gekaufte Armbänder nicht mehr funktionieren. Hier hatte Apple ein Herz für Kunden mit einer grossen Bändersammlung. Es wäre aber auch riskant gewesen, ein neues Armbandsystem einzuführen.

Waren doch die leicht zu wechselnden Armbänder einer der frühen ersten Trümpfe der Apple Watch. Inzwischen gibt es ein ganzes Ökosystem von Herstellern, die für die Apple Watch Armbänder in allen Materialien und Preisklassen herstellen. Dass Apple dereinst ein neues Armbandsystem lanciert, ist unausweichlich. Aber möge der Tag noch in weiter Ferne liegen!

Klickende Krone

Ein weiteres Highlight am Gehäuse ist die überarbeitete Krone. Die hat nun statt dem im letzten Jahr kritisierten roten Punkt einen feinen roten Kreis. Das sieht nicht nur viel diskreter aus, diese Änderung war auch nötig, um ein EKG zu ermöglichen (dazu später mehr).

Doch die Krone sieht nicht nur besser aus, sie fühlt sich auch besser an. Apple hat nämlich haptisches und akustisches Feedback eingebaut. Wenn man durch Menüs scrollt, spürt und hört man das. Die Illusion ist so gut, dass man nicht länger das Gefühl hat, ein frei drehendes Rad zu drehen. Es fühlt sich an, als wären da irgendwo Zahnräder und Federn versteckt.

Tatsächlich ist es «einfach» eine sehr geschickte Kombination aus Tönen und haptischem Feedback. Für Letzteres ist die sogenannte Taptic Engine verantwortlich. Ein kleiner Metallstift wird magnetisch hin und her geschleudert und erzeugt präzise Vibrationen. Diese Technik kommt auch beim geräuschlosen Wecker und allen Benachrichtigungen zum Einsatz. Sie war nebst den leicht zu wechselnden Armbändern eine der besten Eigenschaften der ersten Apple Watch.

Keramik und Glas statt Plastik

Eine letzte Neuerung am Gehäuse betrifft die Rückseite. Dort befindet sich ein neuer Pulssensor. Der soll nicht nur besser sein, er wurde auch sehr schön verpackt. Die Rückseite aller Modelle der neuen Apple Watch ist nun nämlich aus Keramik, und der Sensor befindet sich unter Saphirglas.

Bei früheren Generationen der Apple Watch hatten die günstigeren Alu-Uhren teilweise nur einen Gehäuseboden aus einer Art Plastik oder, wie es Apple nennt, Kompositmaterial.

Apropos Keramik: Mit der vierten Generation gibt es zum ersten Mal keine Luxus-Edition der Apple Watch. Bei der ersten Generation waren das die Golduhren, bei den folgenden die Keramikmodelle. Machen diese Premium-Varianten nur Pause, oder wurden sie eingestellt? Das konnte oder eher wollte mir in Cupertino niemand sagen.

Viele neue Zifferblätter

Da bei der Apple Watch Hard- und Software wie bei keinem anderen Apple-Produkt fliessend ineinander übergehen, muss man auch die neuen Zifferblätter zum Design zählen. Hier fielen in den ersten Tagen mit der Uhr vor allem zwei auf.

Da sind zum einen die fotorealistischen Zifferblätter, die Feuer, Wasser und farbigen Staub zeigen. Sie sind auf den grossen Bildschirmen ein Hingucker. Detail am Rande: Dabei handelt es sich nicht um Computeranimationen. Apple hat extra grössere Modelle des Gehäuses gebaut, darin zum Beispiel Feuer entzündet und das Ganze abgefilmt.

Das zweite Zifferblatt, das besondere Beachtung verdient, ist das Infograf-Zifferblatt. In den Werbefotos sieht das faszinierend überfrachtet aus. Aber tatsächlich ist es weit mehr als ein Zifferblatt.

Es ist ein Zifferblatt-Generator. Denn jede der zahlreichen Komplikationen (die kleinen Info-Häppchen auf dem Zifferblatt) lässt sich individuell auswählen und vor allem deaktivieren. So kann man damit auch deutlich schlichtere und elegante Zifferblätter entwerfen. Ja sogar Klassiker des Uhrendesigns lassen sich nachbauen. Etwa das bei Uhrenfans beliebte Panda-Zifferblatt mit drei schwarzen Kreisen auf weissem Grund.

All diese Verbesserungen und Neuerungen machen die vierte Apple Watch zu einer nochmals besseren Uhrenspielerei und zum grössten Update seit der ersten Generation.

EKG und Stürze

Doch was ist nun mit der Apple Watch als Handgelenkscomputer und Fitnesstracker?

Auch da gibt es reichlich Verbesserungen. Fitnessfans dürfen sich nebst dem neuen Pulssensor vor allem über neue Software-Funktionen wie Wettkämpfe (siehe Box) freuen.

Sehr vielversprechend ist die EKG-Funktion. Sie gibt Aufschluss über die Herzgesundheit. In einer Arztpraxis geht das zwar noch präziser, aber in einer Uhr ist es allzeit griffbereit.

Die EKG-Funktion ist leider erst in den USA zugelassen, und es dürfte noch mindestens bis nächstes Jahr dauern, bis sie in die Schweiz kommt. Aber auch in den USA wird sie erst in den nächsten Monaten aktiviert, da die Software noch nicht ganz parat ist.

Trotzdem konnte ich mir die EKG-Funktion in Cupertino schon anschauen. Man öffnet die entsprechende App und muss dann nur noch den Finger ca. 30 Sekunden auf die Krone halten. Diesem Sensor in der Krone ist es denn auch zu verdanken, dass der umstrittene rote Punkt verschwunden ist.

Nach 30 Sekunden bekommt man sein EKG. Wie leicht das zu lesen sein wird und wie nützlich das im Alltag ist, muss sich zeigen. Technisch beeindruckend und ein starkes Marketing-Argument im Kampf mit der verzettelten Konkurrenz ist es alleweil.

Die Uhr ruft Hilfe

Auch diese zweite Gesundheitsfunktion konnte ich noch nicht ausprobieren: Die Apple Watch soll künftig bei Stürzen erst Hilfe anbieten sowie selber Hilfe rufen, wenn man nicht mehr reagieren kann. Die Funktion soll übrigens auch Stürze mit dem Fahrrad erkennen.

Wie nützlich diese Sturzhilfe ist, muss sich auch noch zeigen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in einem Jahr an der Präsentation der nächsten Apple Watch ein Video sehen werden von Leuten, denen die Funktion das Leben gerettet oder die ihnen zumindest nach einem Unfall geholfen hat.

Das Mini-Handy

Als dritten Punkt kommen wir noch zur neuen Apple Watch als Handgelenkscomputer. Dass dieser als Letzter kommt, zeigt deutlich, welchen Stellenwert die Apple Watch in meinem Alltag hat. In erster Linie ist sie Uhr, in zweiter Fitnesstracker, und dann ist sie auch noch ein Mini-Handy am Handgelenk.

Was diesen Aspekt angeht, hat sich heuer wenig verbessert. Der Akku soll laut Apple unverändert von morgens bis abends (18 Stunden) durchhalten. In meiner Erfahrung der letzten Tage war der Akku vor dem Schlafengehen jeweils bei etwa 40% resp. bei 20%, wenn ich viel ohne verbundenes Smartphone mit LTE aktiviert unterwegs war.

Schwachpunkt Akku

In den nächsten Tagen und Wochen, wenn die Anfangseuphorie und Testerei vorbei ist, dürften die Zahlen steigen. Aber rekordverdächtig sind die Akkuwerte trotzdem nicht. Das dürfte auch der Grund sein, warum Apple selbst immer noch kein Schlaftracking anbietet. Schliesslich muss man die Uhr ja über Nacht laden. Auch ein Immer-an-Bildschirm dürfte wegen des Akkus so bald nicht kommen.

Selbst behelfe ich mir damit, dass ich eine alte Apple Watch als Nachtuhr und eine neue als Taguhr habe. Komme ich nach der Arbeit nach Hause, wechsele ich einfach die Uhr auf dem Ladegerät. So habe ich immer genug Akku und kann sogar meinen Schlaf vermessen. Vergesse ich einmal, die Uhr zu tauschen, habe ich meist genug Akku für einen weiteren halben Tag.

Die billigere Variante wäre, die Uhr jeweils vor dem Schlafengehen und am Morgen während des Duschens und Frühstückens zu laden. Auch so reicht es gut für einen Tag – und man braucht keine Zweituhr.

Weitere Verbesserungen

Auch andere kleine Verbesserungen und Veränderungen sind zwar willkommen, aber wenig auffällig. Die Lautsprecher sind nun grösser und lauter, was beim Telefonieren praktisch ist. Da ich aber kaum damit telefoniere, war ich auch mit den alten Lautsprechern ganz zufrieden.

Der neue Prozessor sei nochmals eine Spur schneller. Auch das war beim Vorgängermodell kein Problem mehr. Trotzdem dürfte sich der neue Prozessor in drei bis vier Jahren auszahlen, wenn die Uhr dann hoffentlich watchOS 8 oder gar 9 noch nutzen kann. Und ein bisschen beeindruckend ist es ja schon, dass da am Handgelenk ein 2-Kern-64-Bit-Prozessor läuft. So etwas steckte vor ein paar Jahren noch in Handys und PCs.

Fazit: Der Sprung von der dritten zur vierten Generation ist der grösste, den die Apple Watch seit ihrer Präsentation im Herbst 2014 gemacht hat. Sie ist nun ein noch besserer Fitnesstracker, ein noch besserer Handgelenkscomputer und vor allem eine noch faszinierendere Armbanduhr. Gerade was Letzteres angeht, komme ich als Fan mechanischer Uhren nicht umhin, zu staunen, mit welchem Engagement und welcher Liebe zum Detail die Uhrmacher aus Cupertino am Werk sind.

Während des Tests ist es mir an einem Abend sogar passiert, dass ich vergessen habe, meine mechanische Uhr, die ich 24 Stunden am zweiten Handgelenk trage, wieder anzuziehen. Um Junior 2 zu baden, habe ich sie nur kurz abgelegt. Erst am Morgen fiel mir auf, dass sie fehlt. Wäre ein Leben mit nur einer Uhr – einer Apple Watch – denkbar? Noch kann ich es mir nicht vorstellen. Aber dass ich als Fan meine mechanische Uhr für zwölf Stunden nicht vermisst habe, sollte nicht nur mich nachdenklich stimmen.

Haben Sie Fragen zur neuen Apple Watch? Der Autor beantwortet sie gerne auf Twitter.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.09.2018, 12:02 Uhr

5 Highlights von watchOS 5

Die neue Software bringt auch für ältere Apple-Uhren neue Funktionen. Einzig die aller erste Generation bekommt das Update nicht mehr.

Fitness-Duelle: Wie habe ich die Funktion von meinem Fitbit vermisst. Nun kann man endlich auf der Apple Watch Freunde zu einem Duell herausfordern. Wer im Verlauf einer Woche seine Fitness-Ziele am zuverlässigsten erreicht oder gar übertroffen hat, gewinnt.

Knöpfe im Kontrollzentrum umstellen: Endlich ist es möglich die Knöpfe im Kontrollzentrum so zu platzieren, wie man es gerne hätte. In meinem Fall kann ich nun endlich den „Finde mein iPhone“-Knopf ganz weit nach unten schieben. Nicht dass ich ihn nochmal spät Nachts ausversehen statt dem „Nicht Stören“-Knopf erwische und mit dem Geklingel die halbe Familie aufwecke.

Automatisches Sport-Tracking: Wie ärgerlich, wenn man erst in der Hälfte der Joggingrunde merkt, dass man das Tracking nicht aktiviert hat und möglicherweise wertvolle Punkte in einem Fitnessduell verschenkt hat. Mit watchOS 5 erkennt die Uhr automatisch wenn man Sport macht und vor allem auch, wenn man wieder fertig ist. Zur Sicherheit fragt die Uhr jeweils noch nach. Nicht dass sie einem die Statistik verpfuscht.

Walkie-Talkie: Dieser Mini-Messenger macht aus der Apple Watch ein Funkgerät. Auf Knopfdruck kann man sich kurze Audionachrichten schicken. Das ist eine lustige Spielerei. Funktioniert aber nur mit Freunden, die ebenfalls eine Apple Watch haben.

Hand hoch für Siri: Wenn man sich die Uhr vor den Mund hält, braucht man nicht mehr extra „Hey Siri, Timer 5 Minuten“ zu sagen. Es reicht: „Timer 5 Minuten.“ Theoretisch. In der Praxis klappts noch nicht besonders zuverlässig. Weder auf einer Apple Watch der dritten Generation noch auf der aller neusten. Hier sollte Apple dringen noch etwas nachbessern. Denn die Idee ist toll und viel besser als ein Mikrofon, das ständig an ist und auf „Hey Siri“ wartet. Wer die Funktion dennoch unheimlich findet, kann sie in den Einstellungen ausschalten.

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