Die Freude an der digitalen Entstellung

Die Faceapp macht aus einem Selfie ein Spektakel: Man kann sich wahlweise altern lassen, jünger machen oder das Geschlecht wechseln.

Da hilft auch der schönste Hintergrund nichts – die Faceapp verändert Selfies gnadenlos.

Da hilft auch der schönste Hintergrund nichts – die Faceapp verändert Selfies gnadenlos. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die Selbstbezogenheit des Menschen gipfelt spätestens seit Erfindung des Handys mit Kamera im Selfie. Das haben auch App-Programmierer verstanden und landen immer wieder kleine Hits – wie die Anwendung Face Swap, die das virtuelle Vertauschen von Gesichtern erlaubt. Sie war 2016 eine der beliebtesten Mobile-Apps in der Schweiz.

Den neusten Hype hat die Faceapp (gratis für iOS und Android, mit In-App-Käufen) ausgelöst: Sie ermöglicht es, das eigene Antlitz zu verjüngen, es altern zu lassen, es zu glätten oder gleich ganz das Geschlecht zu wechseln. Notorische Miesepeter können sich ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Die Ergebnisse sind wirklich... fürchterlich. Und vielleicht macht gerade das ja den Reiz aus. Ein Selbsttest (siehe unten) ergab ein desaströses Altern – das tatsächlich an den eigenen Grossvater erinnert, allerdings mit Keith-Richard-eskem Lebenswandel – ein absolut lächerliches Verjüngen und eine arg schablonenhafte Verweiblichung (aber woher kommen die Narben im Gesicht?). So möchte man sich nicht unbedingt als Frau sehen. Lediglich eines der beiden möglichen Lächeln geht in Ordnung, in der Hauptsache, weil es die Zähne besser aussehen lässt als in natura.

Für Empörung sorgte diese Woche eine weitere Funktion der Faceapp, die das Selfie einfach etwas schöner machen soll. Der dahinter stehende Algorithmus war offensichtlich auf hellhäutige Gesichter programmiert, der Rassismusvorwurf war schnell formuliert. Die russischen Entwickler zeigten sich geknickt und gelobten Nachbesserung.

Und auch Privacy-Experten warnen vor dem Gebrauch der App. Sie verlange mehr Erlaubnisse, als für den Betrieb nötig seien, und biete eine standardisierte Kontrolle über die eigenen Daten (nämlich so gut wie keine, zum Beispiel im Falle eines Verkaufs der App).

Ob man die App also nutzt, muss jeder selbst entscheiden – wie bei der Nutzung von Social Media gilt: Man sei sich bewusst, dass man seine Daten und Bilder in die Hände Dritter übergibt. Mehr als einen kurzfristigen Spass, inklusive des wohligen Schauers, zu ahnen, wie man in vierzig Jahren aussehen könnte, hat Faceapp wohl nicht zu bieten.

Erstellt: 28.04.2017, 17:39 Uhr

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