Die neue Apple Watch im Alltagstest

Die Smartwatch wird zum iPhone und iPod. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sie eine Woche lang im Alltag ausprobiert.

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Drei Jahre ist es her. Im September 2014 zeigte Apple an einem Anlass in Cupertino die Apple Watch. Ich sass im Publikum und erinnere mich noch genau an meinen ersten Gedanken. «Die sieht ja aus wie die Sony Smartwatch.» Ich hatte mir die Apple Watch irgendwie minimalistischer, mutiger und irgendwie anders vorgestellt.

Rückwirkend muss ich über diesen ersten Gedanken immer noch schmunzeln. So falsch war er schliesslich nicht. Aber an die Sony Smartwatch dürfte sich kaum noch jemand erinnern.

In der Folge konnte ich mir die Apple-Uhr anschauen und sie später auch ausprobieren. Die erste Version gefiel mir als Uhr. Als Handgelenk-Computer dagegen überzeugte sie mich nicht. Zu viele Funktionen fehlten, und insgesamt war sie zu langsam und die Bedienung zu mühsam.

Besonders positiv in Erinnerung bleiben die Zifferblätter, die Armbänder, das Verständnis für Uhrendetails und vor allem Apples Ambition. Während andere Hersteller ein paar wenige Modelle hatten, lancierte Apple eine ganze Kollektion. Das war mutig. Rückwirkend betrachtet, vielleicht sogar ein bisschen übermütig.

Heute, drei Jahre später, trage ich die dritte Version der Apple Watch am Handgelenk. Alles, was mir 2014 fehlte, ist nun in der Uhr. Alles, was mir damals nicht gefiel, ist deutlich besser geworden. Und alles, was mir damals schon gefiel, ist auch noch mal besser geworden.

watchOS 4

Auf die Frage, wann denn die zweite Apple Watch komme, entgegnete mir einmal jemand bei Apple, dass man per Software noch so viel aus dem Chip der ersten Apple-Uhr herausholen könnte. Tatsächlich wurden die Apple-Uhren mit jedem Update schneller und nützlicher. watchOS 4 ist da keine Ausnahme. Das neue Update macht auch alte Uhren ein bisschen flinker, und sie sind vor allem leichter zu bedienen (Die wichtigsten Neuerungen von watchOS 4). Eine der besten Neuerungen ist das neue App-Dock. Das ist nun vertikal angeordnet und deutlich übersichtlicher. Kleine Verbesserungen bringen etwa die neuen Trainingstipps, die einem individuell anspornen, die Feuerwerk-Belohnungen, wenn man Fitnessziele erreicht, oder die neue Herz-App, die die Daten des Pulssensors besser darstellen. Drei Neuerungen sind aber so gelungen, dass sie ihren eigenen Unterpunkt verdienen:

Das Musik-Zifferblatt

Immer, wenn es darum ging, zu zeigen, dass die Apple Watch als Handgelenk-Computer einfach zu umständlich ist, nutzte ich dasselbe Beispiel: Wenn ich auf dem Handy mit Spotify Musik hörte und diese auf der Uhr pausieren wollte, brauchte das viel zu viele Bildschirmberührungen. Mit watchOS 4 zeigt die Uhr automatisch ein Musik-Zifferblatt, wenn man auf dem Handy Musik oder Podcasts hört. Mit einer Berührung kann man einen Song weiterschalten oder die Wiedergabe pausieren. Mit der Krone kann man zudem bequem die Lautstärke regulieren. Im Alltag ist das unglaublich praktisch und ein Beispiel, wie gut die Apple-Uhr, das iPhone und die drahtlosen Airpod-Kopfhörer harmonieren.

Das Kaleidoskop-Zifferblatt

Immer wieder wird von Apple die Möglichkeit, eigene Zifferblätter zu gestalten, gewünscht. Bei der Konkurrenz gibts das schon lange. Apple hat mit watchOS 4 einen eleganten Kompromiss gefunden. Das Kaleidoskop-Zifferblatt verwandelt eigene Fotos in animierte Zifferblätter. Die sehen faszinierend aus und laden zum Experimentieren ein. Erfahrungsgemäss eignen sich Fotos und Zeichnungen mit einem hohen Schwarzanteil besonders.

Ähnlich wie man als Null-Talent mit einem Spirografen leicht ansehnliche Resultate hinbekommt, funktioniert es auch mit dem Kaleidoskop-Zifferblatt. So verhindert Apple, dass die Uhr mit hässlichen Zifferblättern verschandelt wird. Ich habe inzwischen gleich mehrere Kaleidoskop-Zifferblätter, die ich je nach Armband, Lust und Laune wechsle: meine Lieblingsneuerung von watchOS 4. Ich staune und schmunzle jedes Mal, wenn wieder ein neues Zifferblatt erscheint. Aber das können nur Uhren-Fans nachvollziehen.

Die Taschenlampe

Das Handy hat die Taschenlampe in meinem Alltag überflüssig gemacht. Doch in den letzten Jahren habe ich häufig das Zifferblatt der Uhr aktiviert, um in der Nacht ein bisschen Licht zu bekommen. Das Handy kommt mir nämlich nicht ins Schlafzimmer. Die Uhr schon. Neu gibts mit watchOS 4 eine spezielle Taschenlampenfunktion. Damit kann man den ganzen Bildschirm der Uhr weiss leuchten lassen. Um im Dunkeln etwas zu finden, reicht das meist völlig. Zusätzlich kann man den Bildschirm auch blinken lassen. Wer im Nebel joggen geht, hat so immerhin eine kleine Warnleuchte dabei. Schliesslich gibt es noch die Möglichkeit, die Uhr rot leuchten zu lassen, was etwas weniger aggressiv ist. Seit dem Update auf die neue Software habe ich die Uhren-Taschenlampe schon x-fach genutzt. Wirklich praktisch!

Der neue Prozessor

Höchste Zeit, dass wir auf die Hardware zu sprechen kommen. Das Highlight an der neuen Uhr ist der neue S3-Chip. Der sei rund 70 Prozent leistungsfähiger als der Vorgänger, verspricht Apple. Solche Vergleiche sind im Alltag zweitrangig. Was viel mehr zählt, ist, wie flüssig sich die Uhr bedienen lässt. Und da spürt man wirklich eine deutliche Verbesserung. Apps, die man nicht im Dock zwischengelagert hat, brauchen immer noch ein paar Sekunden, bis sie offen sind, aber es geht deutlich schneller als zuvor. Am augenfälligsten ist es aber bei der ganz normalen Bedienung der Uhr. Zifferblätter lassen sich zuverlässiger und schneller wechseln, Menüs gehen ohne Geruckel auf, lange Listen lassen sich flüssig herunterscrollen usw. Ja sogar unter der Dusche lässt sich die Uhr mit nassen Fingern nun deutlich besser bedienen. Wobei ich da nicht ganz sicher bin, wie viel der neuen Hardware geschuldet ist, da ich zum ersten Mal eine Uhr ohne Saphirglas-Bildschirm als Testgerät bekommen habe. Aber ganz unabhängig von den Gründen sind es sehr willkommene Verbesserungen. Denn am Handgelenk muss alles ohne Verzögerung funktionieren. Man stelle sich nur vor, man müsste bei einem mechanischen Chronografen immer erst mehrere Knöpfe drücken und dann noch zwei bis drei Sekunden warten, bevor die Stoppuhr startet. Um in Sachen Tempo und Zuverlässigkeit mit mechanischen Uhren gleichzuziehen, hat die Apple Watch immer noch einen weiten Weg vor sich, aber mit dem neusten Modell macht Apple einen weiteren Schritt in diese Richtung. Das Ziel muss es sein, dass man die Apple Watch blind bedienen kann. Davon sind wir aber noch ein paar Jahre entfernt.

Das Barometer

Hat sie oder hat sie nicht? Bei der zweiten Generation der Apple Watch gab es ein grosses Rätselraten, ob sie nun ein Barometer hat oder nicht. Die Reparaturspezialisten von iFixit fanden schliesslich einen entsprechenden Sensor (Überraschung: In der Apple Watch steckt doch ein Barometer). Nur hat den Apple wohl nie aktiviert. Die Uhr der dritten Generation hat den Sensor nun offiziell, und er funktioniert. Damit begreift die Uhr nun auch, ohne die Hilfe des iPhones, ob man einen Hügel rauf oder runter läuft, und kann die damit verbundene Leistung entsprechend würdigen. App-Entwickler bekommen zudem Zugriff auf den Chip und dürften in den nächsten Monaten die eine oder andere Höhenmeter- oder gar Wettervorhersage-App lancieren. Wer eine Apple Watch der zweiten Generation hat, sollte allerdings nicht damit rechnen, dass Apple den Barometer-Sensor nachträglich doch noch aktiviert.

Das Mobilfunk-Modul

Die grösste Neuerung der Apple Watch Series 3 ist das Mobilfunk-Modul. Damit kann die Uhr selbstständig ins Handynetz gehen und Anrufe empfangen. Das ist nützlich, wenn man zum Beispiel über Mittag das Handy im Büro lassen oder am Feierabend ganz ohne Smartphone einen Spaziergang oder eine Joggingrunde absolvieren möchte. Wer das nicht will, der bekommt übrigens auch eine kostengünstigere Variante der Uhr ohne Mobilfunk-Modul. Anders als bei anderen Herstellern muss man bei Apple keine SIM-Karte in die Uhr stecken. Apple setzt auf eine eingebaute eSIM-Karte. Diese hat sich beim iPad bereits bestens bewährt. Wie gut das Mobilfunk-Modul funktioniert und wie unabhängig die Apple Watch nun tatsächlich vom iPhone ist, konnte ich leider noch nicht testen, da in der Schweiz die beteiligten Telecomanbieter Swisscom und Sunrise noch nicht parat sind. Noch dieses Jahr wollen sie aber so weit sein.

Apple startet den Verkauf der Mobilfunk-Uhr dennoch diesen Freitag. Auf dem Papier klingt es nach einer nützlichen Verbesserung, und es ist löblich, dass Apple für das neue Modul kein neues Design und schon gar keine merklich dickeren oder grösseren Gehäuse braucht. Einen Nachteil bringt das Mobilfunkmodul allerdings mit sich:

Der rote Punkt

Alle Apple Watches mit Mobilfunkmodul haben einen roten Punkt auf der Krone. Dieser erinnert an den Aufnahmeknopf bei einer Videokamera oder den berühmten roten Punkt bei Leica-Kameras. Subtil oder sympathisch ist er wirklich nicht. Dagegen wirkt die Rolex-Lupe sogar unaufdringlich. Was haben sich die für zurückhaltendes und elegantes Design bekannten Apple-Designer dabei nur gedacht? Der Punkt sticht (zwar nicht einem selbst, aber dem Gegenüber) sofort ins Auge. Er schreit förmlich: «Schaut her, ich habe die Mobilfunkversion.» Hoffentlich besinnen sich die Apple-Designer und verzichten bei künftigen Modellen auf diesen Bluffer-Punkt. Die Krone ist doch schon Statement und Signatur genug.

Apple Music

Analog zum Mobilfunkmodul ist auch diese Neuerung zum Start noch nicht bereit. Die Apple Watch bekommt eine eigene Version von Apples Musikstreamingdienst. Kombiniert mit den drahtlosen Airpod-Kopfhörern, bekommt man so einen veritablen iPod-Nachfolger.

Akku

Da ich die Apple Watch nur ohne Mobilfunknetz testen konnte, kann ich nicht sagen, wie ausdauernd die Uhr wirklich ist. Schliesslich dürfte das Mobilfunkmodul der mit Abstand grösste Stromfresser in der Uhr sein. Apple verspricht, das Modul nur einzuschalten, wenn kein iPhone oder WLAN-Netz in der Nähe ist. Wie gut das im Alltag funktioniert, muss ein zweiter Test zeigen, wenn Swisscom und Sunrise dafür bereit sind. Ungeachtet davon hält der Akku der neuen Uhr bei mir souverän einen Tag durch. Aktuell trage ich die Uhr seit ziemlich genau 24 Stunden am Arm, und der Akku ist immer noch bei 58 Prozent. Je nachdem, wie zurückhaltend man sie verwendet, sollten also zwei Tage möglich sein. Ich habe mich aber so an meinen Laderhythmus gewöhnt, dass ich es nie darauf ankommen lasse. Da ich die Uhr auch in der Nacht trage und am Morgen als lautlosen Wecker nutze (grosse Empfehlung!), lade ich sie jeweils kurz am Abend vor dem Schlafengehen und am Morgen, während ich dusche. Das reicht problemlos für einen Tag.

Was fehlt?

Ich vermisse nach wie vor die Möglichkeit, meinen Schlaf zu vermessen. Selbst mein altes Fitbit konnte das. Auf der Apple Watch nutze ich aktuell eine Sleeptracking-App (Autosleep). Doch würde ich so sensible Daten lieber von Apple auswerten lassen. Da Apple dieses Frühjahr eine auf diesen Bereich spezialisierte Firma gekauft hat, bin ich guter Dinge, dass Schlaftracking in einem nächsten Software-Update kommt. Apropos Schlaf: Ich wünschte mir, der Bildschirm liesse sich weiter dimmen. In der Nacht ist er mir zu hell. Auf dem iPhone gibt es inzwischen den nützlichen Nightshift-Modus. Etwas Ähnliches wünschte ich mir für die Uhr.

Ebenfalls auf meiner Wunschliste sind Immer-an-Bildschirme. Die Konkurrenz hat das seit längerem. Leider sehen die Stromsparzifferblätter selten bis nie gut aus. Sicher ein Grund, warum Apple bis jetzt damit gewartet hat. Aber solange ich jedes Mal die Uhr bewegen muss, um die Zeit zu sehen, schaue ich lieber an mein anderes Handgelenk mit der mechanischen Uhr. Ja, ich trage zwei Uhren.

Ich hoffe weiter auf eine Art Gestensteuerung. Immer wieder kommt es vor, dass die Apple Watch eine Interaktion verlangt, ich keine Hand frei habe und Sprachsteuerung auch keine Hilfe ist. Zur Not helfe ich mir in solchen Fällen hin und wieder mit der Nase. Das müsste wirklich nicht sein. In der Öffentlichkeit schon gar nicht. Wäre es nicht praktisch, man könnte die Uhr ein zweites Mal zu sich drehen, um die Benachrichtigungen zu öffnen? Eine ganz neue Art der Bedienung mit Fingertracking, wie sie Googles Projekt Soli verspricht, dürfte aber noch Jahre auf sich warten lassen. Das deutete auch Googles Uhren-Chef in diesem Frühjahr in einem grossen Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet an.

Schliesslich wäre es an der Zeit, dass die Apple Watch so unabhängig wird, dass sie auch mit einem Android-Handy funktioniert. Ich fände das grossartig. Bei Apple sieht man das wohl nicht ganz so entspannt.

Fazit: Die Apple Watch ist jetzt auch ein iPod und ein iPhone. Es ist beeindruckend, was Apple alles in dem kleinen Gehäuse untergebracht hat. Die Bedienung ist dank den neuen Chips und der neuen Software noch mal deutlich besser geworden. Die Apple Watch erlaubt es mir, je länger, je mehr, das Handy nur noch dann in die Hand zu nehmen, wenn ich das auch wirklich will. So lasse ich mich weniger von Apps und Benachrichtigungen ablenken und vertrödle insgesamt weniger Zeit. Schade ist dagegen, dass die wichtigste Verbesserung, nämlich das Handymodul, zum Verkaufsstart in der Schweiz nicht bereit ist. So wird sich erst in Wochen oder Monaten zeigen, wie gut die Uhr wirklich ist, und welchen Einfluss das auf den digitalen Alltag hat.

Was bedeutet die neue Apple Watch für die noch junge Smartwatch-Sparte insgesamt? Während andere Techkonzerne ihre Ambitionen im Uhrenbereich zurückfahren und das Feld Uhrenherstellern überlassen, hat Apple noch mal ausgebaut. Würde der Konzern genaue Verkaufszahlen und nicht nur Listen veröffentlichen, die Apple vor Rolex, Fossil und Omega zeigen, würde noch deutlicher, warum. Apple hat nicht vor, die Marktführerschaft in diesem zukunftsträchtigen Markt aus der Hand zu geben. Ähnlich wie beim iPad dürfte es für manchen Konkurrenten schwierig werden, hier nochmals neu einzusteigen. Da brauchte es schon ein Ereignis wie 2007 das erste iPhone. Wenn jedoch einem Hersteller dieses Kunststück für smarte Uhren gelingt, könnte er die Smartwatch-Industrie noch mal umkrempeln.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.09.2017, 13:02 Uhr

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