Die neue Apple Watch im ersten Test

Am Freitag kommt die Apple Watch Series 5 in die Läden. Wir haben sie ausprobiert und vor allem ob einer Neuerung gestaunt.

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Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut wir uns mit Widrigkeiten abfinden und daran gewöhnen können. Dass man Handys nun täglich statt wöchentlich laden muss, nehmen wir für das grosse Plus an Funktionen moderner Smartphones ganz offensichtlich in Kauf.

Auch die Tatsache, dass Millionen Menschen eine Uhr tragen, die die meiste Zeit gar keine Uhrzeit anzeigt, ist so ein Fall.

Ganz offensichtlich bietet die Apple Watch etwas, was für ihre Trägerinnen und Träger so nützlich ist, dass sie es in Kauf nehmen, die Uhr mal theatralischer, mal weniger zu sich zu drehen, um die Zeit abzulesen.

In meinem ersten Test der Apple Watch von 2015 staunte ich erst über die Armbänder, die Zifferblätter und andere Uhrenspielereien. Dann kam ich gleich auf den schwarzen Bildschirm zu sprechen:

«Die Uhrzeit sieht man nur, wenn man den Bildschirm antippt oder das Handgelenk dreht, als würde man etwas theatralisch auf die Uhr schauen. Heimlich auf die Uhr schielen kann man mit der Apple Watch nicht mehr. Das Gegenüber merkt sofort, wenn ich wissen will, wie spät es ist. Auch wird es schwierig, wenn man in der Uhrenhand einen Regenschirm hält. Andererseits geht der Bildschirm der Uhr unfreiwillig an, wenn man etwa ein Glas oder eine Gabel zum Mund führt.»

Etwas geschummelt

In den folgenden Jahren habe ich fast täglich eine Apple Watch getragen und mich mit dem schwarzen Bildschirm arrangiert. Ja, er fällt mir gar nicht mehr negativ auf. Ist halt so. Aber zugegeben, ich schummle etwas. Am anderen Arm trage ich zum Schrecken der Puristen beider Lager eine mechanische Armbanduhr aus der Schweiz.

Wenn ich aus dem Augenwinkel nur schnell die Zeit erhaschen will, schiele ich nach rechts zur mechanischen Uhr. Will ich die auf die Sekunde präzise Zeit wissen oder sehen, obs heute regnet, drehe ich den linken Arm zu mir, und die Apple Watch mit ihren fast unendlichen Möglichkeiten geht an.

Diese unendlichen Möglichkeiten haben für mich die Apple Watch zu dem Apple-Gerät gemacht, auf das ich als Letztes verzichten würde. Das iPhone könnte ich ziemlich schmerzfrei durch ein Android ersetzen – wobei jetzt mit der fantastischen neuen Kamera würde das schmerzen. Das iPad könnte ich durch ein Surface ersetzen. Gerade das neue Surface, das Anfang Oktober vorgestellt wird, reizt mich schon sehr.

Keine Alternative

Aber für die Apple Watch fehlt mir eine Alternative. Die Garmin-Uhren gefallen mir, können aber zu wenig. Die Samsung- und Fossil-Uhren gefallen mir ebenfalls. Die können auch viel, aber die Software ist mindestens ein Jahr hinter Apples watchOS. Gerade Googles WearOS wurde in den letzten Jahren sträflichst vernachlässigt.

Kein Wunder, ist die Apple Watch – schwarzes Zifferblatt hin oder her – die Smartwatch meiner Wahl geworden. Als es diesen Sommer darum ging, zu spekulieren, welche Neuerungen die neuste Uhr von Apple bringen könnte/sollte, war ich ziemlich ratlos. Ja, ich hätte mir sogar vorstellen können, dass Apple nur neue Gehäusematerialien bringt und den Rest unverändert lässt.

Überraschung in Cupertino

Umso grösser war mein Erstaunen, als Apple-Manager Stan Ng auf der Bühne in Cupertino ankündigte, die Uhr bekomme nun einen Immer-an-Bildschirm. Damit hatte ich nicht gerechnet. Dass das irgendwann kommen würde, lag auf der Hand. Aber ich hatte den erst in den nächsten Jahren erwartet.

Jetzt trage ich seit einer Woche eine Apple Watch, bei der man aus jedem Augenwinkel die Zeit ablesen kann. Und es ist grossartig.

Der Immer-an-Bildschirm ist dabei (nicht wie es andere Hersteller leider machen) ein schwarzweisses, dunkles und ruckliges Irgendwas. Apple reduziert die Zifferblätter aufs Nötigste, entfernt Sekunden und lässt Farbe nur da, wo sie nötig ist.

Mit etwas Übung bekommt man so tolle Zifferblätter hin, die auch schön aussehen, wenn der Bildschirm im Passivmodus ist. Ich bin schon sehr gespannt, wie das aussieht, wenn die ersten Series-5-Uhren im Alltag ankommen. Dann sieht man künftig nicht mehr nur, welche Apple Watch jemand gekauft hat, sondern auch was für ein Zifferblatt er oder sie gewählt hat. Genau wie bei klassischen Uhren.

Grosse Veränderung

Für mich persönlich ist die Veränderung im Alltag schon deutlich grösser, als es die Umstellung letztes Jahr von der Series 3 auf die Series 4 mit dem grösseren Bildschirm war. Ja, der grössere Bildschirm war schöner und brachte viele tolle Zifferblätter mit sich.

Trotzdem ertappte ich mich im letzten Jahr öfter dabei, dass ich mich gelegentlich für die Series 3 statt die 4 entschied. Weil mir deren Farbe gerade besser gefiel oder ich zu faul war, am Morgen die Uhr zu wechseln. Ich nutze die Series 3 nämlich weiterhin als Nacht- und vor allem Weckeruhr. So habe ich immer eine vollgeladene Uhr auf dem Ladedock.

Übrigens: Die immer noch sehr gute Series 3 verkauft Apple inzwischen ab 220 Franken. Dieser Kampfpreis wird Konkurrenten, allen voran Fitbit, und Modeuhren in dem Preissegment das Leben zusätzlich schwer machen.

Aber zurück zum Immer-an-Bildschirm: Im Nachgang der Ankündigung erreichten mich zahlreiche Zuschriften, die sich über mangelnde Neuerungen für die Uhr beklagten und fragten, ob man den Bildschirm denn gar ausschalten könne.

Auf alle diese Zuschriften antwortete ich mit: «Erst mal ausprobieren.» Nach einer Woche habe ich den Verdacht, diese Zweifel werden sich schnell zerstreuen. Ja, ich schaue schon ganz verwundert, wenn ich ein älteres Modell trage, warum denn da die Zeit nicht mehr drauf ist.

So schnell wie wir uns eben an Widrigkeiten gewöhnen können, so schnell können wir sie auch wieder vergessen.

Akku bis in die Abendstunden

Auf den Akku habe ich übrigens keinen negativen Einfluss gesehen. In meinem Alltag reicht die Uhr bequem bis in die Abendstunden, wenn ich sie morgens um 6 Uhr vom Ladegerät nehme. Sie würde wohl auch gut noch bis in den nächsten Morgen hinein reichen. Aber das Risiko gehe ich nicht ein und lade lieber vorher.

Wer will, der kann den Immer-an-Bildschirm aber auch ausschalten. Entweder in den Einstellungen oder mit dem Theatermodus. Letzteres habe ich während des Tests in der Nacht gemacht. Da ist mir der Immer-an-Bildschirm etwas zu hell. Ich wünschte mir, Apple würde bei kompletter Dunkelheit die Helligkeit noch weiter dimmen.

Technisch wäre das auf jeden Fall möglich. Der neue OLED-Bildschirm mit der kryptischen Bezeichnung LTPO (Low Temperature Polysilicon Oxide) lässt sich nämlich deutlich weiter herunterdimmen, als dies bei den Vorgängermodellen möglich war.

Wie beim iPad

Ein weiterer positiver Effekt der neuen Technologie ist die Möglichkeit, die Bildwiederholfrequenz zu variieren. Ist der Bildschirm an, beträgt die Frequenz 60 Hz. Ist der Bildschirm im Passivmodus, senkt die Uhr die Frequenz auf 1 Hz. Das spart Strom und ermöglicht so den Immer-an-Bildschirm.

Im Prinzip funktioniert das ähnlich wie beim neuen iPad Pro, das die Bildwiederholfrequenz je nach Bildschirminhalt anpasst. Beim iPhone vermisst man eine entsprechende Funktion selbst bei den neusten Modellen. Aber schon bei den OLED-Bildschirmen war die Apple Watch den iPhones ein paar Jahre voraus. Ein weiterer Beweis dafür, welchen Stellenwert die Uhr innerhalb des Apple Konzerns hat. Neue Technologien tauchen immer häufiger erst in der Uhr auf und kommen dann zu weiteren Apple-Geräten.

Wer kann mitlesen?

Bedenken betreffend des Immer-an-Bildschirms gab es auch bezüglich der Privatsphäre. «Kann dann jeder meine SMS oder Kalendereinträge lesen?», wurde ich wiederholt gefragt. Selbst ist es mir vor Jahren mal mit einer anderen Smartwatch passiert, dass mir mein Gegenüber im Restaurant sagte: «Du, deine Frau hat dir gerade geschrieben. Ich sehe es auf deiner Uhr.»

Das sollte auf der neuen Apple Watch nicht passieren. Erstens gehen Benachrichtigungen erst auf, wenn man die Uhr zu sich dreht. Zudem werden Benachrichtigungen ausgeblendet, wenn der Bildschirm auf den Sparmodus wechselt.

Bei Komplikationen (den kleinen Infoanzeigen auf den Zifferblättern) sollten vertrauliche Informationen wie nächste Termine oder Gesundheitsdaten auch ausgeblendet werden, wurde mir gesagt. Im Test konnte ich das aber noch nicht beobachten. Ob das noch per Update kommt?

Titan und Keramik

Allein für den neuen Immer-an-Bildschirm lohnt es sich, sich eine neue Apple Watch auf den Wunschzettel zu schreiben. Doch was ist mit weiteren Neuerungen?

Da fallen vor allem die neuen Modelle in Titan (Dunkelgrau und mattes Silber) und Keramik (Weiss) auf. Gerade bei den Titanmodellen überrascht der Preis. Die sind nur 100 Franken teurer als die Stahlvariante und haben zwei statt eines Armbands dabei. Allerdings muss man sich aktuell laut den Angaben des Apple-Shops bei den neuen Materialien teilweise bis Ende Oktober gedulden.

Privat habe ich mir aber erneut eine Stahluhr bestellt. So verlockend die neuen Materialien auch waren, habe ich eine Schwäche für den Klassiker unter den Uhrenmaterialien.

Notruf im Ausland und Kompass

Nebst den neuen Materialien gefallen vor allem noch zwei Neuerungen. So kann die Variante mit LTE nun auch im Ausland den Notruf kontaktieren. Wenn man stürzt, macht sie das automatisch. Man kann es aber auch selbst tun, indem man lang auf den Knopf unter der Krone drückt. Roaming kann die Apple Watch aber weiter nicht.

Auch willkommen (ich dachte ja, sie habe das schon längst!) ist ein Kompass. Gerade bei Karten und beim Navigieren könnte der praktisch werden. Aber erst müssen sich App-Hersteller mal daran gewöhnen.

Updates für ältere Uhren

Nicht vergessen darf man zudem die vielen Verbesserungen, die die neue Version von watchOS 6 bringt – auch für ältere Apple Watches. Seit dem Sommer teste ich die Software, und besonders gefällt mir nebst den vielen neuen Zifferblättern die Möglichkeit, dass man Software-Updates nun direkt auf der Uhr durchführen kann.

Bislang musste man das jeweils mit dem iPhone durchführen. Auch sonst wird die Uhr mit einem eigenen App Store nun eigenständiger. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Uhr ganz ohne iPhone auskommt und dann endlich auf für Android-Fans interessant wird.

Fazit: Anders als bei den neuen iPhones, wo man gut auch mal ein Vorjahresmodell empfehlen und eine oder zwei Generationen aussitzen kann, dürfte bei der neusten Apple Watch die Wechsellust deutlich grösser sein. Der Immer-an-Bildschirm ist im Alltag eine enorme Verbesserung. Ich selbst könnte – wenn ich es denn wollte – nun gut auf meine mechanische Uhr verzichten. Denn ich muss jetzt nicht mehr überlegen, ob ich nach links oder rechts schielen muss, um nur schnell die Zeit abzulesen.

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Erstellt: 18.09.2019, 11:59 Uhr

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