Die perfekte Handykamera

Smartphones haben Kompaktkameras überflüssig gemacht. Bald werden sie das mit grösseren und teureren Kameras wiederholen. Die nötigen Puzzlesteine liegen bereit.

Ein Objektiv, zwei Objektive, mal optisch stabilisiert, mal nicht: Handyhersteller setzen auf unterschiedliche Strategien und Technologien, um mit den winzigen Kameras grossartige Fotos zu ermöglichen.

Ein Objektiv, zwei Objektive, mal optisch stabilisiert, mal nicht: Handyhersteller setzen auf unterschiedliche Strategien und Technologien, um mit den winzigen Kameras grossartige Fotos zu ermöglichen. Bild: Rafael Zeier

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Smartphones werden nicht mehr besser. Der Bildschirm ist scharf, der Akku hält einen Tag, Apps laufen flüssig und telefonieren kann man damit auch. Wenn dennoch jemand nach einem Tipp für ein neues Handy fragt, dann meist aus demselben Grund: Die Kamera sei nicht gut genug. Es ist erstaunlich, welche Fortschritte die Minikameras Jahr für Jahr machen, obwohl Smartphones ein Entwicklungsplateau erreicht haben.

Wenn man als Foto-Enthusiast dann aber gefragt wird, welches denn die aktuell beste Handykamera sei, kommt man ins Grübeln, und je nach Bedürfnis fällt die Antwort unterschiedlich aus.

In einem Bereich ist Apple führend, in einem anderen Samsung, und wieder eine andere Funktion hat nur Huawei. Am liebsten würde man darum die besten Eigenschaften aller Handykameras kombinieren. Das käme etwa so raus:

  • Samsungs Tempo: Für Schnappschüsse ist Geschwindigkeit das A und O. Egal ob bei gutem oder wenig Licht, die Kamera muss schnell scharf stellen und den entscheidenden Moment erwischen. Samsungs neuste Galaxy-Handys haben in dem Bereich gerade auch bei wenig Licht die Nase vorn.

  • Apples Zuverlässigkeit: Nichts ist schlimmer, als einen einmaligen Moment zu verpassen, weil die Kamera nicht gemacht hat, was sie sollte. Die Kamera des iPhone ist der Inbegriff von Zuverlässigkeit. Die Bedienung ist intuitiv und alles funktioniert, ohne dass man erst ins Menü oder Handbuch schauen muss.

  • Huaweis manuelle Möglichkeiten: Wer gerne fotografiert, vermisst bei Handys die vielen Einstellmöglichkeiten, die ein manueller Modus bietet. Huawei und Leica haben dieses Jahr erst mit dem P9 und nun mit dem Mate 9 die Grenzen zwischen Kameras für ambitionierte Fotografen und Handykameras verschwimmen lassen. Besonders die mit dem speziellen Schwarzweiss-Sensor geschossenen Fotos können selbst mit Profikameras mithalten.

  • Sonys Sensor: Beim Fotosensor führt kaum ein Weg an Sony vorbei. Auch wenn es die anderen Hersteller ungern zugeben, und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand, steckt in fast jedem aktuellen Handy ein Sensor der Japaner. Megapixel sind zwar nicht das Mass aller Dinge, zumal auf so winzigen Sensoren, trotzdem gefällt die hohe Auflösung des neusten Sony-Sensors mit 23 Megapixel.

  • Apples Spezialeffekte: Dank enormer Rechenleistung kann man mit Handykameras mehr als Fotos und Videos machen. In den Disziplinen Panorama, Zeitlupe und Zeitraffer ist das iPhone bei Bedienung und Resultaten führend.

  • Googles Algorithmen: Vereinfacht ausgedrückt, misst eine klassische Fotokamera das Licht und entscheidet dann, welche Verschlusszeit und Blendenöffnung ideal ist. Kein Wunder, vertraut mancher Fotograf lieber auf das eigene Auge und wählt die Werte von Hand. Dank Bilderkennungssoftware wirken solche Automatismen heute antiquiert. Software erkennt automatisch, was auf dem Bild ist, und passt die Einstellungen an. Dank zahlreicher Übernahmen und dem eigenen Fotodienst wird Googles Software ständig intelligenter. Die gute Kamera im neusten Google-Handy Pixel ist der beste Beweis dafür.

  • Huaweis Schwarzweisstrick: Schlechtes Licht führt zu schlechten Fotos. Bei Handykameras wird das bei allen Verbesserungen der letzten Jahre immer noch besonders deutlich sichtbar. Eine originelle Lösung für das Dilemma haben Huawei und Leica gefunden: Ein zweiter Fotosensor schiesst Schwarzweissfotos. Nach dem Motto «Lieber ein gutes Schwarzweissfoto als ein schlechtes Farbfoto» gelingen so unter schwierigen Bedingungen hervorragende Fotos. In den nächsten Jahren werden Farbsensoren zweifellos aufschliessen, aber bis es so weit ist, gefällt der Kompromiss und lässt Retrogefühle aufkommen.

  • Apples Zoom: Das iPhone 7 Plus hat zwei unterschiedliche Objektive: eins für Weitwinkelaufnahmen und eins für Porträts. So kann man bequem mit einem Klick zwischen den zwei beliebtesten Festbrennweiten wechseln. Leider ist das Porträt-Objektiv nicht ideal bei wenig Licht und zittrigen Händen.

  • Huaweis und Apples Blende: Wenn grosse Sensoren und Objektive einen Vorteil gegenüber den Winzlingen in Handys haben, dann die Möglichkeit, bei Fotos den Hintergrund unscharf zu stellen. Bei Handykameras ist dieser Effekt physikalisch aktuell kaum zu machen. Darum haben Apple und Huawei/Leica seit diesem Jahr bei ihren neusten Handys digitale Blenden. Die Software simuliert den beliebten Profi-Effekt. Ganz perfekt klappt es bei beiden noch nicht. Aber die Resultate werden Monat für Monat besser. Besonders spannend: Bei Huawei/Leica kann man Bilder nachträglich neu fokussieren und auch die Blendenöffnung korrigieren. Was heute noch eine Spielerei ist, könnte schon in ein paar Jahren teure Objektive simulieren und ersetzen.

  • Sonys Auslöser: Bei Smartphones haben sich Touchscreens durchgesetzt. Bei Fotokameras im oberen Preissegment dominieren weiterhin Knöpfe und Rädchen. Die sind darum so beliebt, weil man sie mit etwas Übung blind bedienen kann. Darum ist der Auslöserknopf bei Sony-Handys so praktisch.

  • Samsungs Schnellstart-Kombi: Zweimal auf den Home-Knopf drücken und schon ist die Kamera-App bereit. So einfach gehts bei Samsung-Handys. Andere Hersteller haben inzwischen andere Abkürzungen und Tastenkombinationen eingeführt, aber Samsungs Doppelklick bleibt das Mass der Dinge.

  • Optische Stabilisierung: Wenn man zittrige Hände hat, herumläuft oder das Licht nicht ideal ist, hilft ein Bildstabilisator. Er gleicht Handbewegungen aus und sorgt dafür, dass Aufnahmen weniger verwackeln. Apple, Samsung und Huawei setzen auf optische/mechanische Stabilisierung, während Google und Sony auf digitale setzen. Längerfristig mag sich die digitale Variante durchsetzen, da sie ohne bewegliche Teile auskommt. Aktuell überwiegen die Vorzüge der bewährten optischen Stabilisierung.

  • RAW-Dateien: Vor einem Jahr noch eine willkommene Ausnahme, bieten inzwischen fast alle Hersteller die Möglichkeit, nebst dem JPG- auch im bei Profis beliebten und flexibleren RAW-Format zu fotografieren.

Auch wenn sich aktuell die besten Funktionen noch über mehrere Geräte und Hersteller verteilen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Smartphone in allen Bereichen vorne mit dabei ist. Vielleicht ist es schon nächstes Jahr so weit, dass man die teure Fotoausrüstung selbst während der Ferien bedenkenlos zu Hause lassen kann – oder, und das ist die gute Nachricht für Hobbyfotografen, man im Umgang mit der Fotokamera mutiger werden kann.

Denn je besser Smartphone-Kameras werden, desto risikofreier kann man auch mal ein etwas gewagteres Objektiv auf seine Kamera schrauben. Schliesslich hat man mit dem Handy eine nahezu perfekte Allzweck-Kamera dabei.

Erstellt: 08.11.2016, 15:22 Uhr

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