Dieser Mann steckt hinter dem Telegram-Messenger

Pawel Durow hat den Facebook-Klon VKontakte und den Krypto-Messenger Telegram gegründet und damit Milliarden verdient.

Pawel Durow bei seiner Rede am Mobile World Congress 2016.

Pawel Durow bei seiner Rede am Mobile World Congress 2016. Bild: Reuters

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Es war am 27. Mai 2012, als der junge russische Internetunternehmer Pawel Durow einem Kollegen zeigte, wie man richtig Geld aus dem Fenster wirft. Er faltete mehrere rote Rubelscheine zu Papierfliegern, jeder der Scheine war zu dieser Zeit 150 Franken wert. Dann lehnte er sich aus dem Fenster im sechsten Stock eines klassizistischen Prachtbaus - und liess die Scheine fliegen. In kleinen Halbkreisen - das belegen Fotos und Videos von überraschten Passanten - segelten die Scheine auf den Sankt Petersburger Newski-Prospekt, einen Prachtboulevard im Stadtzentrum.

So viel Geld eingeworben, wie niemand zuvor

Diese Episode verrät viel über einen Mann, dessen Vermögen das Wirtschaftsmagazin Forbes auf 1,7 Milliarden US-Dollar schätzt. "Für mich ist Geld eine absolut virtuelle Einheit", gab Durow dem Magazin einst zu Protokoll. Trotzdem hat er nun bei Investoren die Rekordsumme von 850 Millionen US-Dollar eingeworben. Nicht etwa für Anteile an seinem Internetunternehmen. Sondern für Münzen einer Kryptowährung, die es noch nicht gibt.

Initial Coin Offering, erstes Münzangebot, so nennen Experten dieses Verfahren im Netz: Start-ups bewerben Krypto-Münzen und Investoren greifen zu. Bislang konnten sich in einem Vorverkauf nur Grossinvestoren Durows Münzen sichern. Und trotzdem hat der 33-Jährige auf diese Weise bereits so viel Geld eingeworben wie niemand zuvor. Schon wollen Investoren ihm noch mehr Geld geben. Zig Millionen Dollar für einen Jungspund, der sich selbst mit Geheimdiensten anlegt?

Plötzlich steht der russische Geheimdienst vor der Tür

Chuzpe zeigte Durow schon in der Schule, wo er den Startbildschirm auf allen Computern manipulierte. Zu sehen war dann das Bild des Informatiklehrers, geschmückt mit dem Zusatz «must die». Später lenkte Durow sein technisches Wissen in gewinnbringendere Aktivitäten: 2006 gründet er das soziale Netzwerk VKontakte, eine dreiste Facebook-Kopie, nur besser.

Nutzer können Videos, Filme und Fotos hochladen. Urheberrechte? Sie zählten - zunächst - nicht viel. Schon in den ersten Monaten strömten Hunderttausende auf die Seite, im zweiten Jahr tummelten sich mehr als drei Millionen Nutzer auf VKontakte. Nach fünf Jahren brachte es das Netzwerk auf mehr als 80 Millionen Mitglieder - und Durow in Probleme.

Als der russische Geheimdienst FSB an einem Wochenende im Dezember 2011 an Durows Tür klopfte, war er, so schilderte er es später, gerade alleine. Der junge Technikfreak schlich zur Tür, linste durch den Spion und sah Männer in Camouflage, bewaffnet mit Gewehren. Dann schlich er zum Fenster, doch dort war die Aussicht ähnlich: mehr Männer mit mehr Gewehren. Durow sagte später, er habe einfach gewartet. Nach einer Stunde sei der Geheimdienst abgezogen.

Telegram ist vielen autoritären Regimen ein Dorn im Auge

Er war vorgewarnt: Tage zuvor hatte der FSB ihn per Post aufgefordert, einige Gruppen in seinem sozialen Netzwerk zu schliessen, auf denen russische Oppositionelle zu Protesten gegen die Wahlfälschungen bei der Präsidentenwahl aufgerufen hatten. Durow setzt auf die Macht der Massen und veröffentlicht den Brief im Internet. «Für einen russischen Unternehmer ist das ein vollkommen ungewöhnlicher Schritt», sagt der Durow-Biograf Nikolai Kononow, der 2012 das Buch Der Durow-Code veröffentlichte. Der staatliche Nachrichtendienst gegen Durows Nachrichtendienst.

Es ist nur ein Beispiel aus einer ganzen Liste von Auseinandersetzungen mit autoritären Regimen rund um den Globus, die Durow führt. Immer wieder wollen die Behörden Chatprotokolle der Nutzer oder Durows Plattform gleich ganz sperren. Zum Beispiel, als Oppositionelle im Iran bei den Protesten Anfang des Jahres über Durows Messenger Telegram kommunizierten.

Diese App verschaffte ihm den internationalen Durchbruch, weil sich Nachrichten dort verschlüsseln lassen. Aktivisten, Journalisten nutzen Durows Messenger. Auch Terroristen. «Keine Regierung und kein Geheimdienst haben je auch nur ein Bit von uns bekommen», lässt Durow regelmässig mitteilen.

Wie ernst ist es Durow wirklich mit Sicherheit und Datenschutz?

Ein Unternehmer, der für die Freiheit des Wortes kämpft? Durow-Biograf Kononow glaubt, dass dem IT-Wunderkind die Redefreiheit zwar wichtig ist, er mit den markigen Sprüchen aber eigentlich andere Ziele verfolgt. «Seine Unabhängigkeit zu verteidigen, ist für ihn schlicht gewinnbringend», sagt Kononow. Datenschutz, Datenschutz, Datenschutz - immer wieder verweist Durow auf den vermeintlichen Vorteil seines Messengers, sonst wäre Telegram schnell entvölkert.

Experten haben jedoch Zweifel, ob es Durow mit der Sicherheit tatsächlich ernst meint. Gruppenchats lassen sich bei Telegram zum Beispiel nicht verschlüsseln, was bei Konkurrenten bereits möglich ist. «Wenn Oppositionelle bei Telegram einen Chat mit mehreren Personen aufmachen, wäre das brandgefährlich», sagt Thomas Lohninger von der österreichischen Bürgerrechtsinitiative Epicenter Works.

Im 23. Stockwerk eines Wolkenkratzers in Dubai arbeitet Durow nun daran, seinen Ruf als Rebell zu festigen. «Durow ist ein unternehmerischer Zugvogel geworden», sagt Biograf Kononow. Der gebürtige Russe reist meist nur mit einer Tasche, seinem Computer und mehreren Handys. Nachdem er seinen Anteil am sozialen Netzwerk VKontakte in Russland wohl auf politischen Druck hin verkaufte, lebte Durow in Berlin, London, Singapur. Jetzt eben Dubai.

Nie wieder will Durow sein Schicksal an einen einzigen Staat ketten. Das passt zu seiner libertären Weltanschauung, die er 2012 im russischen Magazin Afischa darlegte. Staatliche Grenzen, staatliche Gesetze, das passe nicht ins 21. Jahrhundert, sagte er. Staatliche Währungen seien im Übrigen auch völlig überholt.

Bei Durows Kryptowährung bleiben viele Fragen offen

Diesen Worten lässt er nun Taten folgen - mit seinem Vorschlag für eine grenzenlose Digitalwährung unter dem Namen Gram, die er dieser Tage skizzierte. Damit sollen die 170 Millionen Nutzer seines Messengers irgendwann bezahlen können. «Durch die riesige Nutzerbasis wird aus Gram sofort ein Riesenprojekt», sagt Wladimir Smerkis, Mitgründer des Kryptofonds Tokenbox.

Smerkis will investieren, denn Durow will in Telegram ein ganzes Ökosystem rund um die Krypto-Münzen aufbauen. Viele Experten jedoch zweifeln an dem Projekt: «Es ist völlig unklar, wie das Team die Gelder verwenden will und warum sie für ihre Ideen so unfassbar viel Geld brauchen», sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Frankfurt Centre for Financial Studies.

Die Anleger müssen hoffen, dass Durow aus ihrem Geld nicht wieder Fliegerchen bastelt. Dabei dürfte ihm die Anekdote täglich vor Augen stehen: Im Logo der Telegram-App schwebt, ausgerechnet, ein kleiner Papierflieger.

Erstellt: 19.03.2018, 13:58 Uhr

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