Eine zweite Chance für Telegram

Unser Autor hat sich entgegen den Erwartungen doch noch für eine Whatsapp-Alternative begeistern können.

Was soll man da schon zeigen? Telegram sieht nun mal aus wie jeder andere Smartphone-Messenger.

Was soll man da schon zeigen? Telegram sieht nun mal aus wie jeder andere Smartphone-Messenger. Bild: Rafael Zeier

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Kurznachrichten-Apps zu testen, ist immer etwas frustrierend. Ob Threema, Signal, Wire, Telegram oder Kaizala, alle haben sie tolle neue Funktionen. Nur etwas haben sie nicht: viele Nutzerinnen und Nutzer.

Am Ende des Tages muss man sich bei aller Sympathie für die Neulinge eingestehen: Whatsapp hat gewonnen. Am grünen Messenger von Facebook führt kein Weg vorbei. Alle sind dabei. Alle erreicht man damit. Keine andere Messenger-App ist so weit verbreitet.

Skandale hin oder her

Nach Datenschutzskandalen zieht es zwar jeweils ein paar Bekannte zu Apps wie Threema, aber da die grosse Mehrheit nicht mitzieht, bleiben alle diese Messenger verwaist. Ja, selbst Apples iMessage ist keine Alternative.

In der Schweiz ist zwar der iPhone-Anteil deutlich höher als im Umland, aber trotzdem gibt es zahlreiche Kontakte, die man damit nicht oder nur per altmodischer SMS erreicht.

Erfolgloser SMS-Nachfolger

Auch Googles Bestreben, dem SMS-Nachfolger RCS zum Durchbruch zu verhelfen, hat bislang kaum Früchte getragen. In Frankreich und Grossbritannien wurde der neue Dienst nun an den Telecomkonzernen vorbei ausgerollt.

Hierzulande steht nur die Swisscom hinter dem neuen Standard. Noch dieses Jahr soll er kommen. Aber RCS dürfte auch Whatsapp kaum gefährlich werden. Zumal noch immer nicht klar ist, ob Apple den Standard ebenfalls unterstützen wird.

Doch noch

Umso erstaunlicher ist es, dass ich mich trotz dieser verfahrenen Situation für einen neuen Messenger begeistern konnte und ihn nun schon seit zwei Monaten fleissig nutze. Für gewöhnlich habe ich nach ein paar Tagen, spätestens nach einer Woche jedes Interesse an einer neuen Kurznachrichten-App verloren.

Gut, ich brauchte etwas Motivation von aussen. Seit Jahren nutzen wir Googles Hangouts als Familien-Messenger. Doch Google hat in den letzten Jahren jedes Interesse daran verloren und die App vor sich hindümpeln lassen. Eine Alternative tut langsam not.

Überschaubarer Anforderungskatalog

Die Anforderungen waren überschaubar: Der neue Familien-Messenger sollte auf allen Plattformen funktionieren. Also nicht nur auf iPhones und Android-Handys, sondern auch auf Tablets und Büro-PCs. Dann sollte er leicht zu bedienen sein und in Sachen Datenschutz auch mithalten können.

Die Wahl fiel schliesslich nach längerer Evaluierungsphase auf Telegram. Der Messenger erfüllte nicht nur alle Bedingungen, er überraschte mich in vielerlei Hinsicht positiv. Da sind zum einen die auf Android, iOS, Windows und macOS sehr gut gemachten Apps. Alle Funktionen befinden sich dort, wo man sie erwartet, und es braucht keine unnötigen Klicks.

Und eben, Telegram gibts für jede Plattform: Egal, an was für einem Computer ich sitze, Telegram ist immer dabei und einsatzbereit. Dabei fällt auf, wie flink die Apps sind. Viele andere Apps und vor allem Hangouts wirken dagegen regelrecht träge.

Einseitige Trägerstruktur

Nachteile oder Schwächen hat Telegram wenige. Abgesehen davon, dass nur wenige Freunde und Bekannte von sich aus schon dabei sind, gibt es vor allem einen Unsicherheitsfaktor: die Trägerstruktur.

Der Dienst wurde von Pawel Durow gegründet. Der russische Unternehmer hatte zuvor mit VKontakte eine Art russisches Facebook gegründet. Da sich regierungskritische Demonstranten über das Netzwerk organisierten, geriet Durow ins Visier der russischen Behören. Inzwischen hat er seinen Anteil am sozialen Netzwerk verkauft und ist mit seinem Nachfolgeprojekt Telegram nach Dubai ins Exil gezogen.

Da der Dienst von Durow finanziert wird, ist er entsprechend von ihm abhängig. Breiter abgestützte Firmen, Genossenschaften oder Stiftungen sind zwar auch kein Garant für Qualität, Stabilität und Sicherheit, aber längerfristig sollte man die Trägerstruktur von Telegram dennoch im Auge behalten.

Aktuell ist Telegram gerade in Hongkong sehr gefragt. Da die App optional auch verschlüsselte Chats anbietet, wird sie von Demonstranten rege genutzt. Ein Bekannter aus Hongkong berichtete kürzlich, wie er täglich mehrere Meldungen bekomme, dass sich wieder einige seiner Kontakte bei Telegram neu registriert hätten.

Mehr als Kurznachrichten

Doch die grösste Überraschung entdeckte ich mehr nebenbei. Telegram ist nicht nur ein Messenger, sondern auch eine Nachrichten- und Diskussionsplattform. Da gibt es zum einen die Kanäle. Dort findet Einwegkommunikation statt. Ich habe zum Beispiel den Kanal des amerikanischen Technologie-Experten Om Malik abonniert. Dort teilt und kommentiert er in unregelmässigen Abständen Artikel, die er lesenswert findet.

Daneben gibt es auch Kanäle, die an RSS-Feeds erinnern und einfach immer die neusten Artikel einer News-Webseite oder eines Blogs publizieren. Da die Telegram-App einen eigenen Lesemodus beinhaltet, öffnen sich die meisten Artikel in Windeseile und ohne nervige Warterei.

Mehr mitlesen statt schreiben

Nebst den Kanälen gibt es auch Chats. Anders als in Kanälen kann dort jeder mitdiskutieren. Manche Chats sind öffentlich, andere privat. Selbst bin ich im Gruppenchat des deutschen Bloggers Carsten Knobloch mit dabei. Obwohl ich mehr lese als selber schreibe.

Was diese Chats und Kanäle aber ausmacht, ist, dass sie nicht so gigantisch gross und unübersichtlich sind wie ihre Gegenstücke im Web oder bei Facebook.

Der Telegram-Kanal von Om Malik zum Beispiel hat 369 Abonnenten. Auf Twitter dagegen hat er über eine Million Follower. Das zeigt den Vor- und den Nachteil von Telegram. Alles ist viel kleiner und überschaubarer als bei den grossen Plattformen.

Selber experimentieren

Selbst habe ich mich, inspiriert von den obigen Beispielen, Anfang Juni entschlossen, auch einen Kanal und einen Chat zu eröffnen. Innert kürzester Zeit kam da ein Grüppchen von fast 100 teils bekannten und teils völlig unbekannten Menschen zusammen.

Wir diskutieren dort Neuigkeiten der Technologiebranche, und es kam auch schon vor, dass mich Mitglieder des Chats beim Erstellen einer Infografik für diese Zeitung unterstützten, indem sie mir halfen, die wichtigsten iPhone-Neuerungen seit 2007 zusammenzutragen.

Aber auch bei technischen Problemen erwies sich der Chat schon öfter als hilfreich. Wenn ich einmal nicht helfen kann, findet sich immer jemand, der eine Lösung weiss oder einen Tipp hat.

Vom Experiment zur spannenden Plattform

Bezeichnete ich den Chat und den Kanal vor zwei Monaten noch als kurzlebiges Experiment, ist es für mich in der Zwischenzeit zu einem unverzichtbaren Experimentier- und Plauder-Umfeld geworden.

Nein, grosse Menschenmengen erreicht man mit Telegram nicht. Und reich und erfolgreich wird damit wohl kaum jemand. Aber das ist ja auch nicht immer nötig. Solange man die richtigen oder einfach ein paar spannende Menschen damit erreicht.

Nur eine Herkulesaufgabe steht mir noch bevor: die restliche Verwandtschaft zu überzeugen, den grossen Familien-Chat ebenfalls auf Telegram zu wechseln.

Falls Sie sich selbst ein Bild von Telegram machen wollen, brauchen sie nur die App zu installieren. Die gibt es für iOS, Android, Windows und macOS. Anschliessend finden sie hier den Kanal und hier den Chat des Autors.

Erstellt: 01.08.2019, 09:19 Uhr

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