Filme und Fotos mit 360 Grad: Diese Kamera sieht alles

Die Nikon Keymission 360 ist bis dato die beste Rundum-Kamera. Doch auch sie täuscht nicht darüber hinweg, dass 360°-Video noch in den Kinderschuhen steckt.

Bild: PD / Video: Matthias Schüssler

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Seit knapp einem Jahr wandelt Nikon auf den Spuren von Go Pro. Keymission heissen die Action-Kameras des japanischen Kameraherstellers. Das auffälligste Modell ist ein Würfel von gut 6 Zentimetern Kantenlänge und zwei gegenüberliegenden Objektiven, der ohne Display und Sucher auskommt und auch nur zwei Knöpfe aufweist: Einen Auslöser für Fotos und einen für Video. Die Keymission 360 nimmt in alle Richtungen auf und produziert 360°-Videos und -Fotos. Einen Bildausschnitt zu wählen, ist da völlig überflüssig.

Entsprechend ungewohnt ist das Fotografieren und Filmen denn auch. Als Kameramann bzw. Fotograf ist man zwangsläufig immer im Bild, ausser, wenn man die Kamera auf ein Stativ stellt und sich hinter einen Baum oder Strauch flüchtet. Aber natürlich geht es darum, sein eigener Hauptdarsteller zu sein: Bei spektakulären Sportarten oder vor eindrücklichen Naturkulissen über oder unter der Wasseroberfläche (die Kamera ist bis zu 30 Metern wasserdicht) oder dem etwas anderen Familienfoto, wo sich die Sippe nicht wie die Orgelpfeifen aufreiht, sondern im Kreis um die Kamera schart.

Nur mit Selfie-Stick

Wenn man mit der Kamera unterwegs ist, trägt man sie mit einem Selfiestick vor sich her, weil sonst die Finger im Bild sind oder die Hände riesig erscheinen. Bei Sportarten, wo man keine Hand frei hat und die Kamera zum Beispiel am Handgelenk festzurrt, gehört die ungewöhnliche Perspektive mit dazu – dem Gefühl, direkt dabei zu sein, ist sie auf alle Fälle zuträglich.

Die Keymission-Kamera gehört zu den überzeugendsten Rundum-Kameras, die es im Moment zu kaufen gibt: Die Bildqualität ist massiv besser als bei dem hier getesteten Modell, und die Bedienung ist einfach. Bei der Verwendung und Nachbearbeitung ist jedoch unübersehbar, dass die 360°-Video- und -Fotografie noch in den Kinderschuhen steckt.

Das obige Video als 360°-Clip mit freier Bewegungsmöglichkeit.

Die Kamera nimmt ein sphärisches Panorama auf, bei dem die beiden kugelrunden Bilder der vorderen und hinteren Kamera zusammengefügt und zu einer rechteckigen Aufnahme umgerechnet werden – ganz ähnlich, wie es auch bei Weltkarten passiert. Das Resultat sind sehr starke Verzerrungen am oberen und unteren Bildrand. Diese Ansicht wird in passenden Apps oder Wiedergabeprogrammen, zum Beispiel nach dem Hochladen bei Youtube, in eine normale Ansicht zurückverwandelt. Bei dieser Darstellung wählt der Betrachter die Blickrichtung per Maus oder durch Drehen des Smartphones.

Tücken bei der Wiedergabe und Bearbeitung

Längst nicht jede Software gibt die Videos richtig wieder, was die Nutzung einschränkt – zum Beispiel am heimischen Fernseher. Die Clips lassen sich in einer normalen Videoschnittsoftware bearbeiten, wobei man einen leistungsfähigen Computer benötigt. Die Clips werden in 4k-Auflösung aufgezeichnet, was bereits nach wenigen Minuten Gigabyte-grosse Dateien ergibt. Die Qualität lässt sich zum Platzsparen theoretisch zwar auch reduzieren. Doch da man in der normalen Ansicht immer nur einen kleinen Ausschnitt des ganzen Bildes sieht, leidet die Schärfe dann sehr. Beim Veröffentlichen auf Youtube oder Facebook muss man darauf achten, dass die Clips als 360°-Video gekennzeichnet sind. Ohne diese Information erscheint das sphärische Panorama und nicht die interaktive Variante, in der der Benutzer die Blickrichtung bestimmt.

Es gibt auch die Möglichkeit, aus den Rundum-Videos ein normales Video zu erzeugen (der Clip oben in diesem Artikel zeigt ein Beispiel dafür). Die einfachste Methode ist ein entzerrter Ausschnitt. In der Software Insta360 Studio ist es beispielsweise möglich, auch virtuelle Kamerafahrten zu definieren, sodass der Ausschnitt immer dorthin schwenkt, wo am meisten passiert – der Vorteil gegenüber einer normalen Aufnahme besteht dann darin, dass der Regisseur nachträglich den perfekten Bildausschnitt bestimmen und auch komplexe Schwenks maximal präzise ausführen kann.

Spektakulär: Der little planet

Es gibt auch andere Darstellungsmöglichkeiten, zum Beispiel mit Split-Screen und gleichzeitigem Blick nach hinten und vorn. Die eindrücklichste Variante ist aber der «tiny planet» (auch «little planet» genannt). Dabei wird das Panorama zu einem Kreis verformt, was so aussieht, als ob sich der Kameraträger auf einem kleinen Planeten fortbewegen würde – wobei sich beim Gehen dieser Planet unter den Füssen der Person hinwegdreht.

Fazit: Technisch ist an der Keymission 360 (ca. 459 Franken) nichts auszusetzen. Nikon ist eine einwandfreie Action-Kamera geglückt, bei der man allenfalls die etwas kurze Batterielaufzeit und die eingeschränkten Filmeinstellungen bemängeln kann (nur 24 Bilder pro Sekunde, nicht die viel öfters verwendeten 25 fps). Die Kamera lässt sich per Smartphone konfigurieren und fernsteuern. Die zugehörige App für Android und das iPhone ist in Ordnung, doch die Software von Nikon für Windows und Mac ist annähernd unbrauchbar. Da die Bearbeitung von Rundum-Videos im Moment technisch noch anspruchsvoll ist, richtet sie sich bislang an versierte oder ambitionierte Anwender – zumindest, wenn man mehr tun möchte, als bloss einzelne Kurz-Clips direkt ab Kamera zu teilen.

Erstellt: 28.06.2017, 06:41 Uhr

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