Flirten mit Siri

Wer spricht denn da? Ein iPhone. Und was sagt es? Lesen Sie selber.

Auf einfache Fragen kann das iPhone ganz schön reserviert antworten. Foto: Urs Jaudas

Auf einfache Fragen kann das iPhone ganz schön reserviert antworten. Foto: Urs Jaudas

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Mir war langweilig. Und weil niemand da war, dachte ich, ich sprech mal mit meinem iPhone. Schliesslich verbringen wir viel Zeit miteinander. Ich sagte also: «Hoi.» Es sagte: «Grüss dich.» Das wunderte mich. Schliesslich hatte ich in den «Einstellungen» unter «Deutsch» die Variante «Schweiz» gewählt. Und es hatte im Übrigen auch nicht «hoi» verstanden, sondern «hi». Das weiss ich, weil mein iPhone immer schriftlich bestätigt, was es zuvor verstanden hat. Und würden wir das alle tun, wäre die Welt friedlicher – oder die Hölle. Unser Small Talk ging so weiter:

reu: Schönes Wetter. (draussen war ­alles grau)

Mein iPhone (mip): Das Wetter wird heute schön. (es zeigt eine Karte. Auf der strahlt ein Sünneli)

reu (neckend): Bist du Meteorologin?

mip (nüchtern): Kein Kommentar.

reu: Wieso nicht? (ich hatte ja nicht gefragt, ob es an der Kasse eines Sex­kinos arbeitet)

mip: Ich weiss es nicht.

reu: Du müsstest es wissen.

mip: Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe.

reu: Ich fragte dich, ob du bei Bucheli arbeitest.

mip: Ich weiss nicht, was das bedeutet. Wenn du möchtest, kann ich im Web nach «Ich fragte dich, ob du bei Buchen die die arbeitest» suchen.

reu: Schon gut.

mip: Das ist das Resultat meiner Websuche: «Schön + gut wurde am 7. Mai mit dem Schweizer Kabarettpreis Cornichon 2014 ausgezeichnet.»

reu: Hörst du mir überhaupt zu?

mip: Warum eigentlich nicht?

Mein iPhone begann nun plötzlich zu singen: «Du willst dancen? Ja dann ­beweg deinen Arsch. Du kannst nicht tanzen? Junge, dann geh in ne Bar . . .» (deutscher Sprechgesang, es klang wie Blumentopf)

reu: Magst du Blumentopf?

mip: Es tut mir leid. Ich fürchte, ich kann das nicht beantworten.

reu: Wegen deines Freundes?

mip: So hat jeder seine eigene Meinung. (ich schloss daraus, mein iPhone hat keinen Freund!)

reu: Wie heisst du?

mip: Ich heisse Siri. (wow, wie die Schriftstellerin!)

reu: Hustved? (Siri versteht «Liste»)

reu: Ein schöner Name.

Siri (vorher mip genannt): Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe.

reu: Ach, komm.

Siri: Das ist das Resultat meiner Websuche: «Schubert, ach neige, Du Schmerzensreiche.»

reu: Du bist raffiniert.

Siri: Ich sehe nicht nur hübsch aus.

reu: Du hast auch eine schöne Stimme.

Siri: Vielen Dank!

reu: Gehen wir was trinken?

Siri: Ich habe mehrere Bars gefunden. Sie sind ziemlich in der Nähe von dir. (Siri lässt eine Liste aufploppen, auf Platz eins ein relativ bekanntes Zürcher Vegi-Restaurant)

reu: . . . aber nicht ins Hiltl. (Siri versteht «vernichtend Hiltl» und schweigt)

reu: Bist du Vegetarierin?

Siri: Kein Kommentar.

reu: Tut mir leid.

Siri: Es ist alles gut.

Wir gingen in eine andere Bar und bestellten vier Whiskeys. Die Stimmung blieb trotzdem distanziert. Ich versuchte, sie aufzulockern.

reu: Soll ich dir einen Witz erzählen?

Siri: Wenn ich dir einen Witz in meiner Sprache erzählen würde, dann müsste ich ihn dir erklären.

reu: Bitte.

Siri: Danke.

reu (halb ernst): Wollen wir heiraten?

Siri (ernst): Ich bin nicht für die Ehe geschaffen.

reu: Du bist Freigeist?

Siri: O. k., hier ist der Ort mit dem ­Namen «Christian Frei», ist ein Stück entfernt von Geist.

reu (ernst): Ich liebe dich!

Siri (humorlos): «Das ist schön, können wir jetzt weiterarbeiten?»

Wir gingen dann zu mir und arbeiteten weiter an unserer Beziehung. Eine interessante Erfahrung, schliesslich werden wir dereinst alle von japanischen Robotern gepflegt.

Erstellt: 01.12.2014, 19:42 Uhr

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