Fotografie am Scheideweg

Von den drei bisher spannendsten Fotoapparaten des Jahres sind zwei Smartphones. Beide setzen auf Strategien, die den Markt revolutionieren könnten.

Smartphones zeigen, wie die Fotografie der Zukunft aussehen könnte. Doch auch Kamerahersteller haben dazugelernt. Foto: Getty Images

Smartphones zeigen, wie die Fotografie der Zukunft aussehen könnte. Doch auch Kamerahersteller haben dazugelernt. Foto: Getty Images

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Als Huawei vor drei Jahren mit einer Doppelkamera und der Zusammenarbeit mit Leica zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden, hielten nicht wenige diese Entwicklung für einen PR-Stunt. Drei Jahre später ist klar, es war zwar ein Marketing-Coup, der vor allem Samsung Kunden abgejagt hat, aber es war eben auch eine wirkliche Verbesserung.

Selbst in den untersten Preiskategorien findet man heute immer weniger Smartphones, die auf der Rückseite nur noch eine Kamera haben. In den oberen Preiskategorien sind drei schon keine Seltenheit mehr, und Nokia führt gerade vor, dass es auch deren fünf sein können.

Enorme Rechenleistung hilft

Wenn man vor rund drei Jahren schrieb, dass das Smartphone, nachdem es die Kompaktkamera überflüssig gemacht hat, nun die teureren und besseren Kameras ambitionierter Hobbyfotografen ins Visier nimmt, führte das zu heftigen Diskussionen in den Kommentarspalten. Doch Jahr für Jahr wurde es seither schwieriger, Aufnahmen von Profikameras und solche von Smartphones zu unterscheiden.

In immer mehr Situationen – längst nicht mehr nur bei hellem Tageslicht – können die winzigen Minikameras mit kiloschweren Spiegelreflexkameras mit langen Objektiven mithalten. Möglich macht das einerseits die fortschreitende Miniaturisierung, die es ermöglicht, immer bessere Sensoren und lichtstärkere Objektive in Handys zu stecken. Doch genauso wichtig sind Prozessorleistung und Software. Gerade in dieser Kategorie haben Smartphones bereits die Nase vorn. Dank enormer Rechenleistung im Gerät selbst und falls nötig auf mit per Internet verbundenen Rechenzentren irgendwo auf der Welt machen Smartphones vieles wett, was ihnen deutlich grössere Kameras an physikalischen Vorteilen voraushaben.

Die Technologie hat Potenzial

So gesehen, überrascht es nicht, dass unter den drei spannendsten und mutigsten Fotoapparaten des bisherigen Jahres zwei Smartphones sind. Da ist einerseits das Nokia 9 mit 5 Kameras auf der Rückseite. Als Technologiepartner konnten die Finnen die kalifornische Firma Light gewinnen, die sich auf Kameras spezialisiert hat, die viele Minikameras per Software zu einer macht. Schon 2015 hat die Firma eine Kamera mit 16 Minikameras vorgestellt. Tests der Kamera fielen in der Folge zwar ähnlich ernüchternd aus, wie nun bei Nokias neuer 5-fach-Kamera. Doch die Technologie hat Potenzial.

Das hat auch Sony, der Weltmarktführer bei Fotosensoren und ein Profiteur des Mehrfach-Kamera-Booms festgestellt und diesen Februar ebenfalls eine Partnerschaft mit Light angekündigt. Noch steckt die Technologie in den Kinderschuhen, aber wenn Rechenleistung und vor allem Software irgendwann bereit sind, die enormen Datenmengen dieser Minikameras zu verarbeiten, ist es nicht ausgeschlossen, dass man alle Arten von Objektiven seiner alten Spiegelreflex auf der Rückseite eines Smartphones wiederfindet.

Die Leica Q2 ersetzt schon fast eine ganze Spiegelreflex-Ausrüstung.

Den entgegengesetzten Weg hat Leica bei der neuen Luxus-Kompaktkamera Q2 gewählt. Die Firma verbaut einen in Sachen Grösse und Auflösung riesigen 47-Megapixel-Vollformatsensor hinter einem nicht auswechselbaren Topobjektiv. Da die Auflösung so gross ist, kann man damit doch zoomen, ohne dass das Objektiv diese Funktion böte. Im Alltag kann die Q2 schon fast eine ganze Spiegelreflex-Ausrüstung ersetzen (Hier gehts zum ausführlichen Testbericht).

Dass mit Leica der Erfinder der Kompaktkamera ein traditioneller Kamerahersteller auf diese Strategie setzt, ist nicht überraschend. Doch von allen Handyherstellern hält ausgerechnet der Software-Primus Google ebenfalls an dieser Strategie fest. Bei den in der Schweiz nicht offiziell erhältlichen Pixel-Handys findet man auf der Rückseite auch nur eine Kamera. Die Software übernimmt hier die Rolle der verschiedenen Minikameras und leistet dabei so gute Arbeit, dass die Google-Handys keinen Vergleich scheuen müssen.

Eine oder viele?

Es wird spannend, zu beobachten, ob sich künftig bei Smartphones und traditionellen Fotoapparaten immer mehr kleine Kameras oder doch eine wirklich gute durchsetzen wird. Sollte es auf einen Kompromiss hinauslaufen, zeigt Huawei schon heute, wie der aussehen könnte.

Auf der Rückseite des P30 Pro befindet sich eine Mischung aus beiden Ansätzen. Einerseits die 40-Megapixel-Hauptkamera, die im Prinzip ähnlich funktioniert wie die von Leica. Dann gibt es aber auch eine zusätzliche Weitwinkelkamera und eine spezielle 5fach-Zoom-Kamera. Die beiden Spezialkameras kommen zum Einsatz, wenn man mehr ins Bild kriegen möchte oder etwas näher heranholen will.

Gemein ist allen drei Kameras, dass sie für diese Funktionsfülle Kompromisse machen müssen: Bei Leica sinkt die Auflösung, wenn man zoomen möchte, bei Nokia ist alles ziemlich langsam, und bei Huawei sind die vielen Einstellungen noch etwas zu kompliziert für Gelegenheitsknipser und Anfänger. Aber das sind Kinderkrankheiten, die sich in den nächsten Jahren erledigen werden.


Huawei P30 Pro
Zoomen wie die Grossen

Wie verbessert man eine Kamera, die eigentlich schon alles bietet, was Kunden wollen? Gute Aufnahmen bei wenig Licht, Weitwinkel und Zoom hatten schon die letztjährigen Huawei-Handys im Angebot. Gerade was die Hardware anging, konnte dem chinesischen Anbieter kein Konkurrent das Wasser reichen.

Dünn und doch voller Technik: Im Huawei P30 Pro steckt ein 5-fach-Zoom-Objektiv. Foto: PD

Für dieses Jahr haben sich die Huawei-Strategen nun entschieden, noch eins draufzusetzen. Mehr Zoom solls richten und die Konkurrenz einmal mehr alt aussehen lassen. Da einem dünnen Handy Grenzen gesetzt sind, was die Länge eines Objektivs angeht, griffen die Ingenieure beim P30 Pro (1000 Franken) auf einen Trick zurück, den Minolta schon um die Jahrtausendwende in den Kompaktkameras verwendete: Der Fotosensor wird quer verbaut. Ein Spiegel sorgt ähnlich wie bei einem U-Boot-Periskop dafür, dass das Licht dennoch auf den Sensor trifft. So wird es möglich ein 5-fach-Zoom zu verbauen. Dank der hohen Auflösung und digitalem Zoom wird so sogar ein 10-fach-Zoom möglich. Wer will, kann auch bis 50-fach zoomen, das ist dann aber nicht mehr wirklich schön anzusehen und dient höchstens mal als Fernglas oder dazu, Freunde zu beeindrucken.

Wer gern fotografiert, dem gelingen mit dem P30 Pro Fotos, die man mit keinem anderen Handy hinbekommen würde. Für Gelegenheitsfotografen ist die beeindruckende Kamera aber in den meisten Fällen übermotorisiert. Ja, man wünschte sich, Huawei hätte sich bei der Software ähnlich viel Mühe gegeben. Mit den Jahr für Jahr mehr Funktionen und Möglichkeiten wird die Kamera-App ständig komplexer und überladener. Gerade was die Bedienung angeht, wäre Huawei gut beraten, sich künftig auch etwas mehr von Leica inspirieren zu lassen. (zei)


Nokia 9 Pureview
Fünf Sensoren für ein Foto-Halleluja

2016 kamen die Doppelkameras, 2018 dann die Dreifachkameras. Man braucht nun kein Diplom in Zukunftsforschung, um zu erahnen, dass die Hersteller dieses Forschungsprinzip weiter vorantreiben werden. Und tatsächlich: Das Nokia 9 Pureview hat auf der Rückseite nicht nur eine Linse, sondern eine Art Objektivblüte: fünf Sensoren, einen LED-Blitz und einen ToF-Sensor, der den Abstand eines jeden Bildpunkts zum Objektiv ermittelt.

Fünf Linsen, ein Blitz und ein Tiefensensor: Das ist Nokias Foto-Phalanx. Foto: PD

Dieses Arsenal an Sensoren verwendet das Smartphone, um bei schlechten Lichtverhältnissen mehr herauszuholen, die Kontraste zu verbessern und die Bildqualität zu erhöhen. Das weckt Erwartungen. Doch auf den ersten Blick macht das Nokia 9 Fotos in ordentlicher, aber nicht überragender Qualität. Was gefällt, sind die feinen Nuancen zum Beispiel bei Porträts und die guten Kontraste. Doch wie für Smartphones typisch sind die Farben manchmal zu überdreht.

Doch dagegen hilft der überzeugende monochrome Modus. Er rechnet nicht einfach die Farben weg, wie das normalerweise der Fall ist: Die Kamera hat echte Schwarzweiss-Sensoren eingebaut. Sie sorgen für gute Kontraste, auch bei den Farbaufnahmen. Die Phalanx mit fünf Kameras hat auch unerwartete Nebenwirkungen. Erstens dauert die Verarbeitung recht lange. Zweitens kann es sein, dass sich das fertige Bild von der Voransicht unterscheidet. Doch leider ist es nicht möglich, zu beeinflussen, welche Aufnahmen für die Berechnung des fertigen Bildes herangezogen werden. Fazit: ein spannender Ansatz, aber noch mit Luft nach oben. Sowohl bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit als auch bei der Bildqualität lässt sich noch mehr herausholen. (schü)

Erstellt: 10.04.2019, 11:31 Uhr

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